Wenn die Etikette schwindelt

Der deutsche VDM-Verlag publiziert Lizenziatsarbeiten von Studenten. Heikel: Im Handel – auch in der Schweiz – preist er die Bücher als Fachliteratur an, obwohl es sich dabei teilweise um knapp genügende Arbeiten handelt.

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Jeder Student in der Schweiz muss für seinen erfolgreichen Abschluss eine Lizenziats- oder Diplomarbeit schreiben. Die meisten dieser Arbeiten landen nach ihrer Benotung in einer Schublade und geraten in Vergessenheit. Das weiss auch der deutsche Verlag VDM Dr. Müller und wandelt diesen Fundus in bares Geld um. Doch das Vorgehen des VDM-Verlags, der grösstenteils von Mauritius aus operiert, ist umstritten und grenzt an Täuschung.

Kostenlos und attraktiv

Das Konzept sieht folgendermassen aus: Studenten werden per E-Mail von VDM kontaktiert und erhalten das attraktive Angebot, ihre Abschlussarbeit in Buchform publizieren zu lassen – kostenlos und mit offizieller ISBN-Nummer.

Erhältlich sind die Bücher dann über bekannte Internetplattformen wie Amazon oder Thalia.

Fehlende Transparenz

Auf seiner Website ist der VDM-Verlag noch transparent: Es wird erklärt, dass VDM aus der Vielzahl der an Universitäten und Fachhochschulen erstellten wissenschaftlichen Arbeiten die qualitativ geeigneten in Buchform herausgibt. Pro Jahr entstünden so rund 10000 neue Bücher, heisst es auf der Internetseite. VDM produziert in Deutschland, Grossbritannien und den USA.

Dann, wenn die Bücher in den Handel kommen, ist es mit der Transparenz aber auch schon vorbei. Konkretes Beispiel: Im Onlineshop des Schweizer Buchhändlers Thalia finden sich rund 2000 VDM-Bücher. Seien es Abhandlungen über Videojournalismus, Konfliktmanagement, Steuererleichterungen oder nachhaltigen Tourismus – in beinahe jeder Sparte ist VDM mit seinen Publikationen vertreten. Heikel: In den Buchbeschrieben im Internet sowie auf der Titelseite des Buches wird nirgends erwähnt, dass es sich hierbei lediglich um eine Diplomarbeit handelt. Der Kunde geht folglich davon aus, dass ihm ein Fachbuch vorliegt. Darauf lassen auch die Preise schliessen: Die VDM-Bücher sind nicht gerade günstig und kosten zwischen 79 und 129 Franken.

Ein PDF genügt

Mit folgender E-Mail, die dieser Zeitung vorliegt, nimmt VDM zu den ausgewählten Studenten Kontakt auf: «Im Rahmen einer Recherche an der Universität Bern fanden wir einen Hinweis auf Ihre Abschlussarbeit (...). Der VDM-Verlag ist auf die Veröffentlichung von qualitativ hochwertigen Abschlussarbeiten spezialisiert, und wir könnten uns auf Grund der interessanten Thematik Ihrer Arbeit vorstellen, diese – für Sie völlig kostenfrei – als Monografie zu veröffentlichen.»

Das einzige, was die Studenten tun müssen, ist die Arbeit als PDF-Datei an den Verlag zu senden.

Auch schlechte Qualität

Problematisch auch: Anders als schriftlich angekündigt, interessiert sich VDM nicht etwa nur für qualitativ gute Diplomarbeiten. Es werden auch regelmässig Studenten kontaktiert, die für ihre Arbeit nur eine knapp genügende Note erhalten haben. Von einem solchen Beispiel eines Berner Studenten hat diese Zeitung Kenntnis.

Kritiker getäuscht

Auch prominente Medienkritiker sind schon auf die VDM-Mogelpackung hereingefallen. Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Universität Lugano, hat im Januar 2008 in der NZZ eine Rezension zu einem Videojournalismusbuch von VDM verfasst. Obwohl die Buchkritik vernichtend ausfiel, schöpfte Russ-Mohl keinen Verdacht. «Mir war schlicht nicht bewusst, dass es sich bei der Publikation um eine Diplomarbeit handelt», gibt er auf Anfrage freimütig zu. Das erkläre einiges: «Das Buch hätte niemals gedruckt werden dürfen», so der Medienkritiker weiter. Die Aufmachung sei zwar professionell und «hübsch gemacht», das Buch aber leider «die reinste Papierverschwendung».

Der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband konnte und wollte zur Praxis von VDM keine Stellung beziehen. Man kenne den Verlag nicht, hiess es auf Anfrage.

Wer den VDM-Verlag übrigens kontaktieren will, hat – wie in unserem Fall – womöglich Pech. Unter der im Internet angegeben Telefonnummer ist niemand erreichbar und eine schriftliche Anfrage blieb unbeantwortet.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2009, 07:34 Uhr

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