Warum der Strommarktpreis fiel

Gegner der Energiewende behaupten gerne, die Subventionen Deutschlands für Windkraftwerke und Solaranlagen seien hauptverantwortlich für den Zerfall der Strommarktpreise. Berechnungen des Energiekonzerns BKW zeigen: Das stimmt nicht.

Deutschland fördert Windkraftanlagen massiv ­– Für ­Kritiker der Energiewende ein Sündenfall.

Deutschland fördert Windkraftanlagen massiv ­– Für ­Kritiker der Energiewende ein Sündenfall. Bild: Fotolia

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2008 lief das Geschäft der Stromproduzenten noch wie geschmiert. Am Markt konnten sie die Megawattstunde noch für 133 Franken verkaufen. Bis 2016 stürzte der Preis vorübergehend auf bloss 28 Franken. Was führte zu diesem Zerfall, der viele Kraftwerke unrentabel gemacht hat?

Stromflut aus Deutschland

Christoph Blocher sieht es monokausal. «Der Grund: Alleine Deutschland subventioniert die unsinnige Energiewende mit insgesamt 520 Milliarden Euro, das heisst derzeit pro Jahr mit circa 30 Milliarden. Damit wird der Markt mit Strom zu Dumpingpreisen überschwemmt», sagte der SVP-Parteistratege letzten Dezember in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Er forderte darum, der Staat solle die Schweizer Atom- und Wasserkraftwerke finanziell stützen.

Blocher spitzte den Standpunkt der Axpo zu. Der Energiekonzern der Nordostschweizer Kantone mit seinen beiden Atomreaktoren in Beznau, den Beteiligungen an den AKW Gösgen und Leibstadt sowie dem neuen Pumpspeicherwerk Limmern ist besonders stark in Schieflage geraten. 2015/2016 resultierte ein Verlust von 1,25 Milliarden Franken nach einem Minus von 990 Millionen im Vorjahr.

Laut Axpo-Chef Andrew Walo wurde vor allem in Deutschland in den letzten Jahren die Produktion dieser erneuerbaren Energien so massiv angekurbelt, «dass bei guten Wetterbedingungen der Strommarkt von diesem Gratisstrom geflutet wird». Hinzu komme, dass die Energie aus Kohlekraftwerken als Back-up zu Wind und Solar durch tiefe Kohle- und C02-Tarife preisbestimmend sei.

Kohle und Gas billiger

BKW-Manager Urs Meister sagt dazu klar: «Es gibt zwar vermehrt kurze Phasen mit Spotmarktpreisen von gegen null wegen des grossen Angebots aus Solar- und Windkraftanlagen.» Doch für das generell tiefe Preisniveau an den Strommärkten seien diese temporären Überangebotssituationen nur zu einem kleinen Teil verantwortlich. «Der mittlere Preiseffekt des Ausbaus von Wind- und Sonnenenergie in Europa ist bislang ziemlich bescheiden», sagt Meister.

Bei einem Mediengespräch zeigte der Leiter des Regulierungsmanagements der BKW eine interne Analyse des Strompreiszerfalls seit 2008. Demnach geht über die Hälfte auf den Rückgang der Kohle- und Gaspreise zurück. Wichtige Gründe dafür sind die neu erschlossene Förderung von Schiefergas in den USA, das Überangebot bei Kohle und das langsamere Wachstum der Weltwirtschaft. Hinzu kommt der Rückgang der C02-Preise in der EU, was vorab Kohlekraftwerke weiter begünstigt. Genaue Zahlen will Meister nicht nennen, um nicht zu viel über das Marktpreismodell der BKW zu verraten, «aber diese Grössenordnungen stimmen».

Der Ausbau der Erneuerbaren sorgte laut Meister lediglich für einen Zehntel des Preiszerfalls. Der Effekt wiegt damit etwa gleich viel – respektive wenig – wie die Erlöseinbusse durch den Rückgang des Eurokurses. Nur eine geringfügige Wirkung hatte der Rückgang der Stromnachfrage in der EU wegen der Wirtschaftskrise in einigen Ländern. Umgekehrt sorgte die Abschaltung von Atomreaktoren in Deutschland für einen leichten Preisanstieg.

Sorge um sichere Versorgung

Allerdings warnen Kritiker der Energiewende davor, der Ausbau des flatterhaft anfallenden Wind- und Solarstroms gefährde die Versorgungssicherheit. Insbesondere in Deutschland werden AKW und fossile Anlagen abgeschaltet. Die Leistung solch steuerbarer Kraftwerke werde in wenigen Jahren unter die Bedarfsspitze fallen, sagt auch Meister. Im Durchschnitt bleibe Deutschland ein Stromexporteur, aber die Versorgung werde kritisch bei wenig Wind und Sonne. Zugleich steige der lmportbedarf der Schweiz, insbesondere im Winter.

Der springende Punkt ist für Meister, wie jene Kraftwerke finanziert werden, die in kritischen Momenten produzieren können, die Spitzenlast decken und einen Blackout verhindern. Er schlägt einen Kapazitätsmarkt vor: In diesem Modell legt die Politik respektive der ­Regulator jeweils Jahre im Voraus fest, welche inländischen Produktionskapazitäten für eine sichere Stromversorgung nötig sind, und versteigert diese.

Die Gewinner erhalten eine fixierte Zahlung und damit auch finanzielle Sicherheit für Investitionen in Anlagen. Die Konsumenten müssten eine Gebühr zahlen, «dafür aber erhalten sie Versorgungssicherheit und profitieren von tieferen Energietarifen, da die Kapazitätsmärkte im In- und Ausland Preisspitzen im Spotmarkt während Phasen der Knappheit verhindern», so Meister.

Szenarien des Bundes

Was eine solche strategische Reserve kosten würde, hängt laut Meister von der Marktentwicklung ab. «Im Extremfall bei hohen Preisen im Strommarkt oder Überkapazitäten gibt es nichts.» Das Bundesamt für Energie (BFE) veranschlagt die nötigen Anreize für langfristige lnvestitionen auf bis zu 1,5 Milliarden Franken pro Jahr. Das BFE hat bereits auch einige andere Modelle entworfen, unter anderem ein Quotenmodell.

Dabei müssten die Versorger einen bestimmten Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien produzieren, wovon insbesondere die Wasserkraft profitieren würde. Das Problem der Versorgungssicherheit wäre damit alleine aber nicht gelöst. Auch die erste Etappe der Energiestrategie, über die die Schweiz am 21. Mai abstimmt, gibt keine Antwort.

Die Schweizerische Energiestiftung lehnt die Idee eines Kapazitätsmarktes ab. Denn dieser würde dazu führen, dass alte AKW noch länger am Netz blieben. Die schweizerische Wasserkraft könne zusammen mit einheimischen erneuerbaren Energien und im Verbund mit Europa die Versorgungssicherheit gewährleisten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.03.2017, 10:58 Uhr

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