Warum das Rentenalter 67 in der Schweiz umsetzbar wäre

Der Bundesrat will am Rentenalter 65 festhalten, obwohl die Lebenserwartung ansteigt. Er begründet dies primär damit, dass es nicht genug Jobs für Ältere gebe. Die Statistik zeigt ein anderes Bild.

Der Bundesrat will am Rentenalter 65 festhalten. Die Statistik spricht für ein höheres Rentenalter.

Der Bundesrat will am Rentenalter 65 festhalten. Die Statistik spricht für ein höheres Rentenalter. Bild: Keystone

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Mehrwertsteuer oder Rentenalter? Auf diese Frage könnte sich die Debatte um die AHV-Reform zuspitzen: Soll die Finanzierungslücke primär über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1,5 Prozentpunkte geschlossen werden? Oder soll die Steuererhöhung milder ausfallen dank einer schrittweisen Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre bis etwa im Jahr 2035?

Der Bundesrat will von einer verbindlichen, generellen Erhöhung des Rentenalters nichts wissen. Er setzt stattdessen auf Anreize (siehe Kasten). Das hat zum einen politische Gründe: Nicht nur im Innendepartement von Alain Berset (SP) geht man davon aus, dass ein höheres Rentenalter spätestens an der Urne chancenlos wäre.

Zum anderen führt der Bundesrat auch sachliche Argumente ins Feld. Aus seiner Sicht gibt es nicht genügend Jobs für ein höheres Rentenalter. Für Ältere sei es oft schwierig, sich bis 65 im Arbeitsmarkt zu halten oder eine neue Stelle zu finden. Der Bund spielt den Ball damit an die Wirtschaft zurück, deren Verbände sich heftig für ein höheres Rentenalter ins Zeug legen. Frei übersetzt sagt der Bundesrat: Das Rentenalter steigt erst, wenn die Unternehmen den Tatbeweis erbringen und mehr ältere Mitarbeiter einstellen.

Schwierige Jobsuche

Neu sind diese Argumente nicht. Der Eindruck, Personen von 55 an aufwärts hätten auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance mehr, ist weitverbreitet. Die Frage ist nur, ob er stimmt.

Die verfügbaren Statistiken zeigen ein zwiespältiges Bild. Zum einen ist unbestritten, dass ältere Personen, die einmal arbeitslos geworden sind, deutlich mehr Mühe haben, wieder eine Stelle zu finden. So waren zum Beispiel im Kanton Zürich in den letzten Jahren jeweils zwischen 35 und 45 Prozent der Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre alt. Dieses höhere Risiko besteht seit langem; deshalb erhalten Ältere von der Arbeitslosenversicherung deutlich länger Taggelder ausbezahlt, wenn sie den Job verlieren. Maximal können sie zweieinhalb Jahre «stempeln».

Gleichzeitig zeigt die Statistik, dass das Risiko, arbeitslos zu werden, für ältere Personen relativ klein ist. Die Erwerbslosenquote der 55- bis 64-Jährigen ist die tiefste aller Altersgruppen. Mehr noch: Seit 2010 ist sie von 3,5 auf 3 Prozent gesunken, während sie insgesamt kaum zurückging (von 4,5 auf 4,4 Prozent). Parallel dazu ist der Anteil der Erwerbstätigen in der Altersgruppe 55+ so gross wie noch nie, seit diese Statistik erhoben wird. Es ist also zumindest nicht so, dass es unter Älteren eine Massenarbeitslosigkeit gäbe, die eine Diskussion über ein höheres Rentenalter a priori verbieten würde.

Die Bildung entscheidet

Nebst dem Blick in die Statistiken lohnt sich aber auch jener zurück. Die Schweiz hat bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt, als sie das Rentenalter der Frauen 2001 von 62 auf 63 und 2005 auf 64 Jahre erhöht hat. Daran erinnerte der Basler Arbeitsmarktforscher George Sheldon in der NZZ, um zu begründen, warum er die These des Bundesrats bestreitet. Kurz zusammengefasst: Wenn der Bundesrat recht hätte, hätten schon die früheren Erhöhungen des Frauenrentenalters Probleme bewirken müssen. Tatsächlich aber ging der Plan auf: Die Frauen arbeiten länger, ihr effektives Pensionierungsalter ist mittlerweile auf fast 63 Jahre angestiegen, die Arbeitslosigkeit älterer Frauen ist rückläufig.

Laut Sheldon ist ohnehin der Bildungsstand der wichtigste Faktor: Je höher die durchschnittliche Bildung in einem Land, desto besser verkraftbar sei ein höheres Rentenalter. Aus dieser Sicht wäre Rentenalter 67 in der Schweiz bestimmt besser umsetzbar als anderswo.

«Arbeitsmarkt 45 plus»

Für die Wirtschaftsverbände wiederum steht sowieso ausser Zweifel, dass es hierzulande in Zukunft mehr als genug Arbeit geben wird. Zum einen gehen im Zeitraum von 2020 bis 2030 die geburtenstarken Babyboom-Jahrgänge in Pension, womit den Unternehmen in kurzer Zeit zahlreiche Arbeitskräfte abhanden kommen. Zum anderen verlangt das Volk eine Begrenzung der Einwanderung. Folglich droht eher ein Mangel an Arbeitskräften als an Arbeitsstellen. Der Arbeitgeberverband hat deshalb kürzlich das Programm «Arbeitsmarkt 45 plus» lanciert: Verbände, Unternehmen und Behörden wollen gemeinsam die Beschäftigung älterer Personen fördern. Es soll unter anderem darum gehen, aufzuzeigen, wie Firmen ältere Angestellte mit Weiterbildungen oder attraktiveren Teilzeitangeboten an Bord halten können.

Absichtserklärungen und Statistiken sind das eine. Das andere ist die Politik. Im Unterschied zu Deutschland, Holland, Dänemark und anderen Ländern, die entschieden haben, das Rentenalter über 65 hinaus anzuheben, hat hierzulande auch in dieser schwierigen Frage das Volk das letzte Wort. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.06.2014, 16:12 Uhr

Der Bundesrat setzt auf Anreize und höhere Renten

Es ist nicht so, dass der Bundesrat in Sachen Rentenalter die Hände in den Schoss legt und gar nichts tut. Auch er hat das Ziel, die Leute dazu zu animieren, länger zu arbeiten. So will er das Rentenalter der Frauen von 64 auf 65 Jahre anheben. Frauen müssten ein Jahr länger arbeiten als bisher, um eine volle AHV-Rente zu erhalten.

Eine verbindliche Erhöhung des Rentenalters über 65 hinaus lehnt die Landesregierung im Unterschied zur Wirtschaft aber ab. Stattdessen setzt sie auf sanfte Anreize. Konkret will der Bundesrat die Pensionierung zwischen 62 und 70 Jahren flexibler gestalten und insbesondere den Bezug von Teilrenten und damit einen «gleitenden Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand ermöglichen. Zudem will der Bundesrat in der 2.Säule die Untergrenze höher ansetzen: Heute liegt der frühestmögliche Zeitpunkt für die Pensionierung bei den Pensionskassen bei 58 Jahren.

Neu soll hier wie bei der AHV grundsätzlich niemand eine Altersrente vor 62 beziehen können; Ausnahmen sollen möglich sein, für die Baubranche zum Beispiel.
Das Konzept der Wirtschaft und jenes des Bundesrats unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt: Wenn die Anreize des Bundesrats wirken und jemand über 65 hinaus arbeitet, erhält er künftig eine höhere AHV-Rente als heute. In der Variante des Arbeitgeberverbands erhielte man die volle AHV-Rente auf bisherigem Niveau erst beim Erreichen des neuen Rentenalters von voraussichtlich 67.

Zweite Säule

Heute sind die Vorgaben zu den Pensionskassen so ausgestaltet, dass ältere Angestellte für Unternehmen teurer sind als jüngere. Die Beiträge, die Arbeitgeber und -nehmer gemeinsam in die 2.Säule einzahlen müssen, erhöhen sich im Alter von 55 Jahren stark: von 15 auf 18 Prozent des versicherten Lohns (im gesetzlichen Minimum).

Neu soll dieser Anstieg wegfallen, damit ältere Angestellte die Arbeitgeber nicht wie bisher mehr kosten als jüngere. Zum Ausgleich werden in jüngeren Jahren höhere Einzahlungen fällig sein. Damit will der Bundesrat die Chancen älterer Personen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.

Ein Drittel arbeitet über 65 hinaus

Das offizielle Rentenalter ist das eine – das andere ist das tatsächliche Rentenalter, das gemäss internationalen Vergleichen fast überall hinter der gesetzlichen Vorgabe zurückbleibt.

In der Schweiz stieg das effektive Rentenalter in den letzten 15 Jahren stetig an, wie eine vom Bund 2012 in Auftrag gegebene Studie zeigt. In den Jahren vor 2012 lag das effektive Rentenalter der Männer im Durchschnitt bei gut 64 Jahren, jenes der Frauen bei knapp 63. Damit arbeiten die Schweizer gemeinsam mit den Norwegern und Schweden am längsten. Die Daten zeigten zudem, dass mehr Ältere erwerbstätig sind und der Anteil der Frühpensionierten sinkt.

Auch so zogen sich immer noch 40 Prozent der Frauen und der Männer spätestens ein Jahr vor dem Erreichen des offiziellen Rentenalters 64/65 aus dem Arbeitsleben zurück. Ein knappes Viertel hörte genau mit 64/65 auf. Und rund ein Drittel arbeitete über dieses Alter hinaus.

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