Warum Politiker gerne Tunnel taufen

Am 1. Juni reisen Angela Merkel und Matteo Renzi zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels an. Schon 1882 wurde die Eröffnung des alten Gotthardtunnels als Politikergipfel und Event der Völkerverständigung zelebriert.

Quelle: youtube.com/BLS Bahn

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

So ein Fest hatte die Schweiz noch nie gesehen. Über drei Tage zogen sich im Mai 1882 die Feiern zur Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels hin. Drei beflaggte Dampfzüge mit 750 Ehrengästen an Bord starteten ab Luzern zur Jungfernfahrt über die spektakuläre Bergstrecke. Unterwegs legten sie zahllose Zwischenstopps für Empfänge, Feuerwehrspaliere, Blasmusikständchen und Bankette ein: in Göschenen, Airolo, Biasca, Bellinzona, Lugano.

Der Feiermarathon führte schon am Auftaktabend in Luzern ins Delirium. «Das Bankett nahm einen schönen Verlauf, leider aber traten die Redner erst beim Champagner auf, und die nötige Ruhe war nicht mehr herzustellen», schrieb der Korrespondent der NZZ.

Tunnelfeier als Politevent

Die Feiern von 1882 etablierten ein Ritual, an dem man sich auch 134 Jahre später orientiert – für die Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels am 1. Juni. Seit 1882 werden Tunneleinweihungen als politische Gipfeltreffen und Events der friedlichen Völkerverbindung zelebriert. Die Herausforderung für die Fest­organisatoren besteht darin, die Länderdelegationen der Geladenen so auszutarieren, dass sich niemand brüskiert fühlt.

1882 verteilten sich die 750 geladenen Gäste auf drei Länderkontingente: 360 Gäste kamen aus Italien, das 45 Millionen an die total 187 Millionen Franken für den Bau der Gotthardbahn beigesteuert hatte. 145 Gäste kamen aus Deutschland und 230 aus der Schweiz, die zwei Länder hatten je 20 Millionen bezahlt. Nicht weniger arrogant als heute die EU betrachteten Italien und Deutschland die Gotthardlinie damals schon als gesamteuropäische Verbindung ihrer beiden Länder.

Aus der geballten Politprominenz ragten im Mai 1882 heraus: Minister Karl Heinrich von Boetticher, der Stellvertreter des deutschen Bundeskanzlers Otto von Bismarck sowie Prinz Amadeo, der Bruder des italienischen Königs Umberto I. Die Schweiz war mit Bundespräsident Simeon Bavier samt weiteren Bundes-, National- und Ständeräten vertreten.

Das grandiose Finale mit Empfängen in der Scala und in den ­Giardini Pubblici in Mailand verhalf dem jungen Schweizer Bundesstaat zu einem formidablen aussenpolitischen Auftritt. Laut dem NZZ-Berichterstatter gab es grosses Lob für die Schweiz, die mit ihrer Pioniertat Nord- und Südeuropa verbinde und die guten Beziehungen Deutschlands, Italiens und der Schweiz festige.

Die Qual der Wahl der VIPs

Wenn am 1. Juni 2016 der längste Bahntunnel der Welt eingeweiht wird, der die Fahrzeit zwischen Nord- und Südeuropa verkürzt, wird diesmal gar die erste Garde der Spitzenpolitiker vor Ort sein. Gemäss Auskunft der Festprojektleitung Gottardo 2016 erwies sich die ausgewogene Bestückung der ausländischen Gästedelegationen allerdings als Knacknuss.

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Denn der französische Staatspräsident François Hollande lud sich auf seinem letztjährigen Staatsbesuch in der Schweiz gleich selber ein zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. Hollande brachte damit das Gottardo-Organisationskomitee in die Bredouille. Denn Frankreich liegt, anders als Deutschland und Italien, aus der Gotthardperspektive eher im Abseits. Die Projektleitung entschied, dann halt gleich die Oberhäupter sämtlicher fünf Nachbarstaaten zur Eröffnungsfeier einzuladen.

Sogleich stellte sich ein wei­teres Problem: Wer ist das im jeweiligen Land genau? Recherchen des OKs beim Aussendepartement EDA ergaben, dass man am besten jene Person einlädt, die ihr Land im EU-Rat vertritt. So haben bis jetzt ihre Teilnahme am 1.?Juni zugesagt: neben Hollande die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi und Liechtensteins Regierungschef Adrian Hasler. Nachdem Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann vorgestern seinen Rücktritt erklärt hat, liegt aus unserem östlichen Nachbarland noch keine Anmeldung vor.

Die Zeiten haben sich seit 1882 insofern geändert, als die Staatschefs am 1. Juni bei der Tunneljungfernfahrt dem normalen Volk den Vortritt lassen. Sie werden als gute Demokraten zuschauen, wie 1000 ausgeloste Schweizerinnen und Schweizer mit den ersten zwei Zügen durch die Tunnelröhre rauschen.

Geldgeber haben Vorrang

Der alte Gotthard war nicht das erste Grossbauwerk, das in ­Anwesenheit von viel Politprominenz eingeweiht wurde, weiss der Eisenbahnhistoriker Kilian T. Elsasser. Er hat eben als Co-Autor das Buch «Drei Weltrekorde am Gotthard» im Hier+Jetzt-Verlag publiziert. «Im 19. Jahrhundert gab es noch kein Fernsehen, da waren Einweihungen für Könige, Kaiser und Kanzler gute Gelegenheiten zu öffentlichen Auftritten», erklärt Elsasser. Das Eröffnungs-OK von 1882 habe aber realisiert, dass sich die Einweihung einer internationalen Verbindung mit Tunnel gut für ein internationales Politikertreffen eigne, sagt Elsasser.

Einen stockfinsteren Tunnel könne man nicht besichtigen und bewundernd umrunden, man könne ihn höchstens durchfahren. Als Einweihungsakt bleibe also der anwesenden Prominenz nur die Jungfernfahrt durch das dunkle Loch. Beim Verteilschlüssel für die ausländischen Gäste habe sich schon 1882 ein Prinzip etabliert, erklärt Elsasser: Geladen würden hohe Vertreter jener Länder, die den Bau des Tunnels finanziert haben und die von ihm direkt erschlossen werden.

Verfeinerte Tunnelsymbolik

In den zwei Eröffnungszügen, die am 28. Juni 1913 erstmals von Spiez durch den Lötschbergtunnel nach Brig fuhren, sassen nach demselben Prinzip italienische und französische Minister, Finanzleute sowie Verkehrsunternehmer. Denn Frankreich war für die BLS-Alpenbahn der wichtigste Kapitalgeber, während Italien die Tunnelarbeiter stellte. Beim Abendbankett in Berner Casino lobte der Festredner, wie 1882 die Gotthardredner, die Lötschberglinie als «einigendes Werk des Friedens unter den Völkern». Ein Jahr später brach dennoch der Erste Weltkrieg aus.

Die Berner Organisatoren ­verfeinerten die politische Symbolik der Tunneleröffnung noch. Schon am 19. Juni führten sie eine Sonderfahrt für den Bundesrat und die Bundesparlamentarier durch und erhoben den Lötschberg so zum nationalen statt bloss regionalen Bauwerk. Zur Eröffnungsfahrt am 28. Juni luden sie auch Tunnelmineure in schmutziger Arbeitskleidung und eine linke Politdelegation, deren ­Waggon die augenzwinkernde Schrifttafel «Vorsicht ­Sozial­demokraten!» zierte. Die Lötschberg-Eröffnungsfeier versuchte so den politischen Gegensatz zwischen Arbeiterschaft und herrschendem bürgerlichem Establishment zu entschärfen.

Hans Hürlimanns Irrtum

Bei der Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels am 5. September 1980 war dann von der politischen VIP-Klasse «nur» Bundesrat Hans Hürlimann zugegen. In seiner Rede erklärte er, der ­Tunnel sei kein Korridor für den internationalen Schwerverkehr, sondern eine schweizerische Nord-Süd-Verbindung. Folgerichtig hatte man auch keine internationalen Staatsgäste aufgeboten.

Die betont nationale Symbolsprache der Eröffnungsfeier konnte das Verkehrswachstum auf der Gotthardstrecke später allerdings nicht aufhalten. Kaum war der Tunnel eröffnet, begannen vor den Portalen die Staus. Hans Hürlimann habe in seiner Rede eben auch gesagt, die Wahl des Verkehrsmittels stehe jedem frei, weiss Tunnelexperte Kilian T. Elsasser. Und der internationale Schwerverkehr habe dann diesen Grundsatz beherzigt.

Berner Zeitung

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