War Einstein ein Albaner?

Während des 2. Weltkrieges wurden in Albanien viele Juden vor der Deportation in Konzentrationslager gerettet. Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein war nicht darunter – obwohl ein Gerücht genau dies so haben will.

Diesen Pass hatte   Albert Einstein wirklich: Den Schweizer Pass.

Diesen Pass hatte Albert Einstein wirklich: Den Schweizer Pass. Bild: Historisches Museum Bern

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«1935 profitierte auch Albert Einstein von der albanischen Gastfreundschaft, um von Europa in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Er hielt sich drei Tage in Durrës an der Adria in der königlichen Residenz auf, bevor er seine Schiffsreise in die freie Welt fortsetzte. All das ausgerüstet mit einem albanischen Pass.» Das erfährt man unvermittelt im eindrücklichen albanischen Dokumentarfilm «Rescue in Albania» (vgl. Box). Die Stimme aus dem Off sagt es ohne jede Quellenangabe oder Nennung einer Gewährsperson.

Unvollständige Spurensuche

Der Film nimmt so ein Gerücht auf, das im Internet seit Jahren hartnäckig verbreitet wird und eine beachtliche Eigendynamik entwickelt hat. Es wird gelegentlich durchaus auch von seriösen Zeitungen unreflektiert aufgegriffen.

2004 schreibt Shaban Sinani, Geschichtsprofessor und früherer Direktor des albanischen Staatsarchivs, in einem Aufsatz über die Rettung der Juden in Albanien: «Aus mittelbaren Quellen ergibt sich, dass in dieser Zeit auch der berühmte jüdische Wissenschaftler Albert Einstein in Albanien inkognito Station machte.» Dieser Satz wird von anderen albanischen Historikern übernommen und taucht später etwa auch in einem Aufsatz in der Religionszeitschrift «Glaube in der 2.Welt» oder in einem Beitrag der monatlich in Berlin erscheinenden «Jüdischen Zeitung» über die Situation der Juden in Kosovo auf.

Verschiedene Berichte

2008 erzählt Imam Qemal Lami der US-Onlinezeitung «Voicesnews.com» die Geschichte eines berühmten jüdischen Wissenschaftlers, dem mit albanischem Pass die Flucht in die USA gelungen sei. Lami, ein Vertreter der albanisch-amerikanischen Moslemgemeinschaft, ergänzt dann: «Sie werden den Namen des Professors sicher kennen. Es war Albert Einstein.» Die renommierte International Raoul Wallenberg Foundation stellt den Beitrag auf ihre Website.

Vager und allgemeiner nimmt die in Berlin erscheinende «Jüdische Allgemeine» im Jahr 2009 das Gerücht auf: «Selbst Albert Einstein soll sich inkognito in Albanien umgeschaut haben.»

Keine Zweifel

Auf keinerlei Zweifel stösst man dagegen in einem längeren, 2011 in der «Welt» erschienenen Beitrag: «Wahr ist, dass Albert Einstein 1935 mit einem albanischen Pass nach Amerika flüchtete, den er bei einem kurzen Aufenthalt im Königreich bekommen hatte.»

Experten schütteln den Kopf

War also Einstein in düsterster Zeit vorübergehend ein Albaner?

«Das ist ausgeschlossen», sagt Barbara Wolff gegenüber dieser Zeitung. Sie ist Archivarin am Albert-Einstein-Archiv an der Hebrew-Universität in Jerusalem. Sie hat den albanischen Einstein-Mythos – wegen der kursierenden Gerüchte – wiederholt gründlich auf seine Stichhaltigkeit untersucht. Für die Einstein-Expertin ist klar: «Nach 1933 hat Einstein mit Sicherheit Albaniens Boden nicht betreten.» Und: «Einstein hatte nie einen albanischen Pass.»

1935 war Einstein zudem längst in den USA. Barbara Wolff über die Umstände: « Einstein ist im Oktober 1933 – als Tourist – mit einem Schweizer Pass in die USA eingereist. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen deutschen Pass ‹zurückgegeben›.» 1934 wurde Einstein vom Deutschen Reich ausgebürgert.

«Er kehrte nie zurück»

Auch Hans-Rudolf Ott, Präsident der Einstein-Gesellschaft Bern, schliesst ein Albanien-Intermezzo von Einstein kategorisch aus: «Albert Einstein hat im Oktober 1933 in Southampton den europäischen Kontinent verlassen und ist per Schiff in die USA gereist. Er ist bis zu seinem Tode nicht nach Europa zurückgekehrt.» Einstein habe übrigens bei all seinen Auslandreisen seinen Schweizer Pass verwendet.

Sieben Jahre seines Lebens verbrachte Einstein in Bern. Hier veröffentlichte er 1905 auch seine bahnbrechenden Arbeiten zur Relativitäts- und Quantentheorie. 1901 erhielt er die Schweizer Staatsbürgerschaft. Seit 1940 hatte er zudem die US-Staatsbürgerschaft.

Fazit: Albert Einstein war nie in Albanien und hatte nie einen albanischen Pass. Trotzdem hat Albanien allen Grund, stolz zu sein über die Rettung vieler Juden vor der Deportation während des Zweiten Weltkrieges. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.02.2013, 10:38 Uhr

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Film: «Rettung in Albanien»

Ein albanischer Dokumentarfilm zeigt wie albanische Zivilisten viele Juden vor der sicheren Deportation in den Tod gerettet haben.Vor gut hundert Jahren erlangte Albanien die staatliche Unabhängigkeit. Nach den Balkankriegen, dem Ende der osmanischen Herrschaft in Europa und den vor allem von Rom und Wien abgeblockten Begehrlichkeiten Serbiens und Russlands, die auf einen Zugang zur Adria spekuliert hatten, erklärte sich Albanien am 28.November 1912 zum unabhängigen Königreich.

Kürzlich lud die albanische Botschaft zusammen mit jener Kosovos aus Anlass des hundertsten Jahrestages der Eigenstaatlichkeit in Bern zu einer Filmvorführung. Der Dokumentarfilm «Rescue in Albania» des kosovarischen Regisseurs Dardan Islami zeigt, wie viele Juden aus zahlreichen europäischen Ländern vor und während des Zweiten Weltkrieges in Albanien vor der Deportation in nationalsozialistische Konzentrationslager gerettet wurden.
Vor dem Krieg lebten in Albanien rund 200 Juden, nach dem Krieg waren es 2000. Albanien ist damit das einzige Land, in dem die Zahl der Juden in den Kriegsjahren stieg. Vielen weiteren jüdischen Menschen gelang via Albanien die Flucht in die USA.

Zu Wort kommen im Film Zeitzeugen, gerettete Juden, die heute in den USA oder in Israel leben, und albanische Helfer sowie deren Nachkommen. Der Kanun, der traditionelle, ungeschriebene Sitten- und Ehrenkodex, und die religiöse Toleranz trugen massgeblich dazu bei, dass die Flüchtlinge als Gäste behandelt wurden. Es gab keine Lager, sondern die an Leib und Leben Bedrohten fanden überall im Land Unterschlupf. Albanerinnen und Albaner haben geholfen, Juden zu verstecken, etwa getarnt als Hirten, und die Behörden von König Zog sorgten dafür, dass sie mit Visa und falschen Pässen ausgestattet wurden, um fliehen zu können.

Die albanischen Behörden haben weder nach der Okkupation durch Italien 1939 noch nach der deutschen Besetzung von 1943 bei der Deportation von Juden kollaboriert. Tirana händigte dem nationalsozialistischen Deutschland nie Listen der auf ihrem Territorium lebenden Juden aus.
Heute werden in Jerusalem in der Gedenkstätte Yad Vashem
65 Albaner als «Gerechte der Völker» geehrt. Das ist ein Ehrentitel für Menschen, die ihr Leben einsetzten, um Juden zu retten.

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