«Während einer Krise fallen grosse Entscheide leichter»

Jede zehnte Schwangerschaft wird in der Schweiz abgebrochen. Psychiater Heiner Lachenmeier kennt die Gründe der Frauen. Vor der Fristenlösung stellte er Abtreibungsgutachten für sie aus.

«Oft gibt es hinter der Schwangerschaft einen anderen Konflikt», sagt Heiner Lachenmeier.

«Oft gibt es hinter der Schwangerschaft einen anderen Konflikt», sagt Heiner Lachenmeier.

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Herr Lachenmeier, vor der Fristenregelung erstellten Sie psychiatrische Gutachten für schwangere Frauen, die eine Abtreibung wünschten. Wer kam zu Ihnen?
Es waren sehr viele Asylbewerberinnen darunter, die in völlig unsicheren Lebenssituationen waren. In den Heimen kannten sie nur einzelne Personen oder vielleicht gar niemanden. Und die in der ganzen Einsamkeit eine kurze Beziehung eingegangen waren. Mit ihnen war natürlich auch die Kommunikation schwierig und nur mittels Dolmetscher möglich.

Kamen auch sehr junge Frauen zu Ihnen?
Selten, häufiger waren es Frauen, die bereits verheiratet waren oder auch schon Kinder hatten. Manche dachten, dass sie gar nicht mehr schwanger werden können. Und oft gab es hinter der Schwangerschaft einen anderen Konflikt. Auf unbewusster Ebene entstand eine Art Blindheit für das Schwangerwerden. Denn am mangelnden Wissen darüber, wie man schwanger wird, lag es eigentlich nie.

Was meinen Sie mit Blindheit?
Wir Menschen sind nicht annähernd so bewusst gesteuert, wie wir uns das vormachen. Bei Paaren gab es häufig eine Ablösungsproblematik; sie hatten Kinder und sich auseinander gelebt. Doch da war die Angst, sich zu trennen, oder die Vorstellung, sich nicht trennen zu dürfen. Unbewusst kam es dann zu einem Verhalten, aus dem eine Schwangerschaft resultierte. Denn an dieser entzündete sich dann eine Entscheidung: Es konnte zur Trennung kommen oder zum Entscheid, zusammenzubleiben. Grosse Entscheide fallen einfacher, wenn eine äussere Krise da ist.

Fanden die Frauen es nicht mühsam, zu Ihnen zu kommen? Sich rechtfertigen zu müssen?
Doch klar, das hat die meisten gestört. Dass sie nochmals zu einer Stelle mussten und nochmals dasselbe erzählen mussten. Es gab aber auch Frauen, die gerne erzählt haben und das war auch gut so. Eine Abtreibung ist nichts Banales, sie beschäftigt einen.

Wie lange dauerte ein solches Gespräch?
In der Regel ein bis eineinhalb Stunden. Ich machte immer Gutachten, in denen die Situation der Frau geschildert ist. Andere Kollegen hatten ein Formular vorbereitet: «Die Frau könnte psychisch erkranken.» Darauf mussten sie nur noch den Namen der Person eintragen.

Eine Stunde ist wenig Zeit, um sich ein Bild von der Lebenssituation einer Person zu machen.
Das ist so. Man kann zwar irgendwelche Parameter in ein Schema eintragen, aber zu glauben, dass man jemanden nach so kurzer Zeit wirklich kennt und beurteilen kann, ist illusorisch. Jeder, der etwas anderes behauptet, weiss nicht, wovon er redet.

Gab es Psychiater, die sich berechtigt fühlten, für die Frau zu entscheiden?
Klar, es gab solche Kollegen. Überall dort, wo jemand Macht erhält, kann diese Macht missbraucht werden. Davor sind auch Psychiater nicht gefeit. Manche Frauen, die bei mir in Therapie waren, erzählten davon, wie sie früher einmal ein solches Gutachten eingeholt hatten: Wie der Psychiater moralisierte und sich dazu aufschwang, Meister über das Leben der Patientin zu sein. Ich glaube nicht, dass das die Regel war, aber ich habe mehrfach davon gehört.

Fühlten Sie sich Ihrer Rolle als Gutachter gewachsen?
Grundsätzlich schon, ich mache ja auch heute immer wieder Gutachten in anderen Bereichen. Aber diese Gutachten dienten nur dem Zweck, dass weder die Frau noch der Gynäkologe bei einer Abtreibung etwas Illegales tut. Ein solches Gutachten zu erstellen, ist eigentlich keine psychiatrische Aufgabe.

Trotzdem haben Sie es gemacht.
Die Frauen hatten keine andere Möglichkeit, darum empfand ich es als meine Aufgabe, ihnen nicht im Weg zu stehen. Aber für mich war das klar ein Missbrauch der Psychiatrie. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Psychiatrie alles objektiv beurteilen könne. Das kann sie aber nicht wirklich.

Gab es auch Situationen, in denen Sie gegen den Willen der Frau entschieden?
Einen Fall habe ich noch im Kopf. Damals habe ich es abgelehnt, ein Gutachten zu erstellen, weil ich den Eindruck hatte, dass die Frau sich das Ganze überhaupt nicht überlegt hat. Zudem machte der Partner Druck; er wollte unbedingt eine Abtreibung. Doch über diese Situation wollte die Frau nicht sprechen. Ich wusste nicht, ob ein Gutachten überhaupt in ihrem Interesse wäre und schrieb dann keines. Ich sagte aber, dass sie zu einem anderen Psychiater gehen könne.

Gab es noch andere solche Fälle?
Nein, aber mir und vielen meiner Kollegen kamen diese Gutachten absurd vor: Die Macht als Psychiater zu entscheiden «Du darfst» oder «Du darfst nicht». Wir stellten uns deshalb grundsätzlich nicht gegen den Wunsch einer Frau abzutreiben. Es sei denn, es wäre eine Extremsituation. Etwa, wenn jemand sagt: «Mir hat es gestunken zu verhüten. Ich kann ja dann abtreiben.» Das habe ich allerdings nie erlebt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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