Von der Praxis in Zollikofen an die Spitze der Ärzteschaft

Am Freitag tritt Jürg Schlup die Nachfolge von Jacques de Haller als Präsident des Ärzteverbands FMH an. Seine eigene Nachfolge in der Zollikofer Doppelpraxis konnte der Hausarzt rechtzeitig regeln – trotz Hausarztmangel.

«Eine Spaltung  ist möglich», sagt Jürg Schlup .

«Eine Spaltung ist möglich», sagt Jürg Schlup . Bild: Andreas Blatter

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Bis Ende Oktober arbeitete Jürg Schlup als Hausarzt in einer Doppelpraxis in Zollikofen. Ab heute präsidiert der 57-Jährige die Schweizer Ärzteverbindung FMH. Nach seiner Wahl im Sommer suchte Schlup per Inserat einen Nachfolger für die Praxis – es meldete sich niemand. Der Hausarztmangel wird ihn auch als FMH-Präsidenten beschäftigen. «Die Hausarztmedizin muss aufgewertet werden», sagt er. Da sind sich die Ärzte einig.

Wenn aber den Worten Taten folgen sollen, schwindet die Bereitschaft, und die Meinungen gehen auseinander. Die FMH ist ein fragiles Gebilde, «eine Spaltung ist immer möglich», sagt Schlup. Er traut sich trotzdem zu, einen gemeinsamen Nenner zu definieren. Im Kleinen ist ihm dies bereits gelungen: Schlup hat als Präsident der Ärztegesellschaft Bern während neun Jahren Interessen unter einen Hut gebracht, jene des «Transplantationschirurgen und jene des Bergarztes in Meiringen».

Wie er das nun im Grossen bei 36'000 Ärzten schaffen will, dazu habe sich sein Nachfolger noch kaum konkret geäussert, sagte der abtretende FMH-Präsident Jacques de Haller kürzlich gegenüber der «Neuen Luzerner Zeitung». Sollte dies ein Vorwurf sein; er wäre unberechtigt. Denn Schlup hatte gar keine Möglichkeit, sich zu äussern: Bis gestern präsidierte de Haller die FMH, obwohl er bereits im Juni abgewählt worden war – kein einfaches halbes Jahr für die Ärzteverbindung.

Neue FMH-Strategie

Jetzt gleist Schlup eine neue Strategie auf, im April will er sie der Ärztekammer vorlegen. Er will sich einsetzen für stabile Rahmenbedingungen. «Wir Ärzte brauchen Planungssicherheit.» Entsprechend kritisch äussert er sich zum Zulassungsstopp, den Bundesrat Alain Berset vorsieht. Damit würden junge in der Schweiz ausgebildete Ärzte diskriminiert, die eine Praxis eröffnen wollen. Zwar sei eine Steuerung nötig, doch müsse diese differenzierter gestaltet werden.

Nichts wissen will Schlup von der Vertragsfreiheit, dass man also den Krankenkassen die Wahl lässt, welche Ärzte sie unter Vertrag nehmen wollen. Obwohl FDP-Politiker auf nationaler Ebene diese Vertragsfreiheit fordern, hält FDP-Mitglied Schlup an der freien Arztwahl fest, diese müsse als Fels in der Brandung Bestand haben, sagt er.

Standfestigkeit verlangt er aber auch von der Ärzteschaft selber. Das hat diese etwa bei der Managed-Care-Vorlage nicht gerade bewiesen: Sprach sich die FMH anfangs für Managed Care aus – um damit Forderungen nach der Vertragsfreiheit abzuwenden –, schwenkte sie vor der Abstimmung auf die Gegnerseite.

Nachfolge geregelt

Als Nächstes wird die Stellungnahme zur Einheitskasse die Einheit der Ärzte auf die Probe stellen. Schlup sagt: «Meine Meinung dazu ist nicht von Bedeutung.» Er stehe im Dienste der FMH-Mitglieder, und der Meinungsbildungsprozess habe noch nicht begonnen. Entscheidend sei, wie weit der Risikoausgleich verbessert und damit der Wettbewerb unter den Krankenkassen in die richtigen Bahnen gelenkt werden könne. Sein Vorgänger hingegen tat seine persönliche Meinung bereits kund: De Haller (SP) begrüsst die von der Linken geforderte Einheitskasse.

Der scheidende FMH-Präsident hielt zudem fest, dass die Anliegen der Ärzte meist von linken Parteien unterstützt würden. Daraus zu schliessen, die Ärzte seien links, sei falsch, sagt der freisinnige Schlup, der anders als sein Vorgänger kein Nationalratsmandat anstrebt. Er räumt aber ein, dass bei den Ärzten ein Wandel stattgefunden habe. Heute sei nur noch eine schwache Mehrheit selbstständig tätig, vor 50 Jahren sei das Verhältnis viel klarer gewesen.

Zugunsten des FMH-Präsidiums hat auch Schlup seine selbstständige Tätigkeit aufgegeben. Der Vater von zwei Kindern will sich fachlich aber à jour halten – schliesslich könne man eine Abwahl und damit eine Rückkehr in die Praxis nie ausschliessen. Eine Rückkehr in die Zollikofer Praxis würde jedoch schwierig werden, sein Platz ist nämlich besetzt: Nach erfolgloser Suche via Inserat habe sich auf Empfehlung eines Kollegen ein sehr gut qualifizierter Internist gemeldet, sagt Schlup. Der Arzt, der zuvor in einem Spital tätig war, hat die Nachfolge bereits angetreten. Fachlich sei dieser Wechsel vom Spital in eine Hausarztpraxis problemlos gewesen, sagt Schlup. «Aber er lernte eine andere Welt kennen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.12.2012, 13:11 Uhr

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