Vom Papst gesegnet, von Protestanten gehütet

Hintergrund

Lausannes Katholiken möchten Weihnachten gern in der Kathedrale feiern, die einst ihnen gehörte. Doch die Protestanten laden sie nur selten dahin ein.

An Heiligabend besonders festlich geschmückt: Die Kathedrale Notre-Dame thront über der Altstadt von Lausanne.<p class='credit'>(Bild: Keystone Laurent Gilliéron)</p>

An Heiligabend besonders festlich geschmückt: Die Kathedrale Notre-Dame thront über der Altstadt von Lausanne.

(Bild: Keystone Laurent Gilliéron)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Wenn Lausannes Katholiken zur Mitternachtsmesse in die Basilika Notre-Dame du Valentin einkehren, wird der eine oder andere Gläubige wehmütig zur Kathedrale aufschauen. In dem über der Altstadt thronenden Prunkbau versammeln sich nämlich zur selben Zeit die Protestanten. An Heiligabend ist die Kathedrale besonders festlich geschmückt und noch der letzte der 1000 Plätze besetzt.

Natürlich war die Kathedrale einst das Gotteshaus der Katholiken und die Bischofskirche des Bistums Lausanne. Der Grundstein wurde bereits im 8. Jahrhundert gesetzt, erst im Jahr 1215 war der heutige Bau abgeschlossen. Papst Gregor X. und König Rudolf von Habsburg wirkten mit, als die Kirche im Jahr 1275 geweiht wurde. Seitdem gilt sie als kolossales Symbol weltlicher und kirchlicher Macht. Historiker vergleichen sie aufgrund ihrer gotischen Bauweise mit den Kathedralen von Chartres und Notre-Dame in Paris, die zur selben Zeit entstanden.

Kulturkampf wie einst

Den Katholiken würde das Bauwerk heute noch gehören, wären 1536 nicht die reformierten Berner gekommen, um sich die Waadtländer zu unterwerfen und ihre Städte und Dörfer zum Untertanengebiet zu machen. Erst 1832 durften die Katholiken im Lausanner Stadtzentrum mit der L’église Notre-Dame du Valentin wieder eine Kirche bauen. Sie wirkt ein wenig an den Rand gedrückt. Zudem hing jahrzehntelang keine Glocke im Glockenturm. Die Protestanten hatten dies verboten.

Die Kathedrale gehört heute dem Kanton. Die Hoheit über den religiösen Kult hat die reformierte Kirche. Der Staat zahlt aber, wenn es um den Erhalt der Basilika geht. Eine «ewige Baustelle» nennt sie Eric Golaz, der kantonale Religionsbeauftragte. Weil die Sandsteinmauern besonders rasch verwittern, muss die Waadt alle paar Jahre Millionenbeträge in Renovationsarbeiten investieren.

Gelegentlich flammen die alten Kulturkämpfe wieder auf nicht weil der Staat die Renovationen finanziert, sondern weil die Protestanten die Katholiken daran hindern, in der Kathedrale religiöse Feiern abzuhalten. Der letzte solche Vorfall ereignete sich im September. Ehemalige Papstgardisten trafen sich in Lausanne zu ihrer Generalversammlung und wollten nach einer in Uniform abgehaltenen Parade in die Kathedrale einmarschieren. Die reformierte Kirche blockte das Unterfangen ab. Später stellte sich heraus, dass die katholische Kirche bei den Reformierten offiziell gar nie angefragt hatte. Es heisst, selbst den Waadtländer Katholiken sei die «triumphalistische Geste aus dem Vatikan» zu weit gegangen.

Ausserhalb der Kirche klappt es

Sowieso scheinen sie sich damit abgefunden zu haben, in der Kathedrale nur einmal pro Jahr eine Messe abhalten zu dürfen. Es ist eine rein katholische Feier. Ausgerechnet ein Reformierter hatte sich dafür eingesetzt: der grünliberale Grossrat und Arzt Jacques-André Haury. Als sich die Waadt 2003 eine neue Verfassung gab, forderte Haury, die Katholiken seien den Protestanten im Gesetz gleichzustellen, und ihnen sei der Zugang zur Kathedrale zurückzugeben. «Ältere Protestanten empfanden das Ende der Exklusivität als Skandal, die meisten aber sprachen von einer adäquaten Geste», sagt Haury.

Die Ökumene bleibt trotz Gleichstellung ein delikates Thema, insbesondere bei den Protestanten. Sie ertragen es nicht, von den Katholiken bei der Kommunion ausgeschlossen zu werden, weil im Protestantismus alle am Abendmahl teilnehmen dürfen. Vor drei Jahren wurde zudem bekannt, dass erstmals mehr Katholiken als Protestanten im Kanton wohnen. 20'000 Gläubige beträgt die Differenz. Besser klappt die Zusammenarbeit ausserhalb der engen Kirchenmauern. In Spitälern, Altersheimen und Gefängnissen arbeiten die Seelsorger zusammen. «Der Kanton verpflichtet sie dazu», sagt Eric Golaz.

Tages-Anzeiger

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