Vollgeld soll Banken-Crashs verhindern

Alles andere als ein Nein zur Vollgeldinitiative am Mittwoch im Nationalrat eine Überraschung. Das Volksbegehren fordert eine Umkrempelung der Geldpolitik, die selbst Experten ins Grübeln bringt.

Am Mittwoch wird im Nationalrat über die Vollgeldinitiative abgestimmt.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Am Mittwoch wird im Nationalrat über die Vollgeldinitiative abgestimmt.

(Bild: Keystone)

Mit der Vollgeldinitiative kommt eine weitere Vorlage an die Urne, die den Stimmbürgern einiges Kopfzerbrechen bereiten wird. Es ist keine Hexerei, die Grundzüge zu verstehen. Voraussetzung ist allerdings, dass man weiss, wie Geld – genauer: Buchgeld – entsteht. Praktisch jeder besitzt Buchgeld. Das ist das Geld, das unter anderem auf Lohn- oder Sparkonten liegt und elektronisch erfasst wird. Der Name «Buchgeld» rührt daher, dass früher Konten in Buchform geführt wurden.

Mehr als 90 Prozent des Buchgelds, das im Umlauf ist, haben private Geschäftsbanken geschaffen. Fachleute sprechen bei diesem Prozess von «Geldschöpfung». Das ist vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht bewusst. Die höchste geldpolitische Instanz – die Nationalbank (SNB) – ist nur für die Menge des Bargelds direkt zuständig.

Wie sich das Geld vermehrt

Am einfachsten lässt sich die Geldschöpfung am Beispiel eines Kredits darstellen: Eine Bank gibt einem Eigenheimbesitzer einen Baukredit von 100 000 Franken. Das Geld wird dem Kunden elektronisch gutgeschrieben und damit auch gleich geschaffen – vorher existierte es noch nicht.

Anschliessend renoviert der Hausbesitzer seine Liegenschaft und überweist das Geld an Handwerker. Dieses fliesst vereinfacht gesagt wieder auf ein Konto bei der Bank. Vom einbezahlten Betrag – dem Sichtguthaben – darf das Finanzinstitut rund 90 Prozent erneut als Kredit an andere Personen verleihen. Und schon hat es 190 000 Franken geschaffen. So geht das weiter, bis aus den ursprünglich 100 000 Franken Millionen entstanden sind.

UBS- und CS-Franken

Weil Privatbanken das allermeiste Geld schöpfen, sprechen die Initianten etwas abschätzig von UBS- oder CS-Franken. Damit unterstreichen sie, dass die Nationalbank praktisch keinen Einfluss auf die Schaffung von Schweizer Franken hat.

Dieser Punkt ist zumindest umstritten. Denn die Möglichkeiten, Buchgeld zu schaffen, werden einerseits durch Mindestreserven eingeschränkt: Die Banken müssen jeweils einen – allerdings sehr kleinen – Anteil des Buchgelds als Reserve bei der Nationalbank hinterlegen. Zudem kann die Zentralbank mit der Bestimmung des Leitzinses auf dem Markt die Nachfrage nach Krediten erhöhen oder verkleinern. Damit lässt sich die Geldmenge durchaus beeinflussen.

Doch momentan ist der Handlungsspielraum der Nationalbank stark eingeschränkt: Die Zinsen verharren schon seit einiger Zeit im Minus, damit der Franken nicht noch stärker wird und die Exportwirtschaft Schaden nimmt. Solange der Euro kriselt, hat die Nationalbank gar keine andere Wahl.

Die Initianten kritisieren vor allem folgende Punkte des heutigen Geldsystems:

Die Souveränität des Staates werde untergraben, wenn Privatbanken den Grossteil des Geldes schöpften. Denn Banken würden die Interessen ihrer Aktionäre vertreten und nicht jene des gesamten Volkes. Dieses Argument könnte auch im Abstimmungskampf eine Rolle spielen. Unabhängige Experten führen als Gegenargument allerdings auch an, dass Privatbanken näher am Markt und an den Menschen sind als beispielsweise die Nationalbank und deshalb durchaus aus gutem Grund zur Geldschöpfung beitragen.

Die Banken schöpften möglichst viel Geld, weil sie so von ­zusätzlichen Zinserträgen profitierten. Es wäre besser, wenn Bund und Kantone die Verantwortung über die Geldschöpfung übernähmen. So könnte mehr Geld in Staatskassen fliessen.

Die Banken werden instabil, wenn die Kunden das Vertrauen in sie verlieren und innert kurzer Zeit viel Geld abheben wollen. Das birgt Risiken wie zum Beispiel, dass der Zahlungsverkehr nicht mehr gewährleistet werden könnte.

Die Initianten fordern aus diesen Gründen, dass in Zukunft allein die Nationalbank die Geldmenge beeinflussen kann. Damit wäre dann das Buchgeld sogenanntes Vollgeld oder 100-Prozent-Money. Daher rührt auch der Name der Vollgeldinitiative. Dies soll unter anderem auch den Vorteil haben, dass eine private Geschäftsbank in der Krise nicht mehr zusammenbrechen könnte, wenn viele Kunden ihre Gelder abheben. Denn die Banken müssten bei einem Ja zur Vollgeldinitiative die Konten neu ähnlich wie ein Wertschriftendepot oder wie Wertgegenstände in einem Schliessfach ausserhalb ihrer Bilanz führen.

Kritiker warnen vor einem solchen geldpolitischen «Experiment». Die Schweiz wäre weltweit das erste Land, das die Geldpolitik derart umkrempelt. Wenn ein System grundlegend verändert wird, lassen sich nie alle Folgen präzise prognostizieren. Bei steigenden Zinsen wären die in den vergangenen Jahren bereits gebeutelten Schweizer Banken im internationalen Wettbewerb im Nachteil.

Berner Zeitung

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