«Viele Senioren sehen nicht, wie viel Glück sie hatten»

Der Genfer ­Demograf ­Philippe Wanner zog den Zorn vieler Senioren auf sich, als er nachwies, wie gut es den Rentnern finanziell geht. Das war 2008. Er sprach damals von einer einmaligen Chance. Unterdessen hat die Schweiz sie verpasst.

Bunte Gesellschaft: Der umverteilende Sozialstaat muss sich stets fragen, ob er das Geld am richtigen Ort nimmt und gibt. Demograf Philippe Wanner rät, weniger von Jung zu Alt umzuverteilen, dafür mehr von Reich zu Arm.

Bunte Gesellschaft: Der umverteilende Sozialstaat muss sich stets fragen, ob er das Geld am richtigen Ort nimmt und gibt. Demograf Philippe Wanner rät, weniger von Jung zu Alt umzuverteilen, dafür mehr von Reich zu Arm. Bild: Fotolia

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«Reiche Rentner», «Rentner zur Kasse!», «Viele Rentner sind Millionäre», «Das Armutsrisiko verlagert sich von Alt zu Jung»: Diese und ähnliche Schlagzeilen waren im April 2008 in den Schweizer Zeitungen zu lesen. Danach füllten erboste Senioren wochenlang die Leserbriefseiten.

Jedes fünfte Rentnerehepaar hat ein Bruttovermögen von über 1 Million Franken.*

Die emotionale Debatte ausgelöst hat eine nüchterne, zahlenlastige Studie. Verfasst hatte sie Philippe Wanner, einer der wenigen Demo­grafen der Schweiz, damals und auch heute noch als Professor an der Universität Genf tätig.

Im Auftrag des Bundes hat Wanner als Erster einen Kraftakt geleistet, den nach ihm leider kein Forscher mehr hingelegt hat: Er hat sich die vollständigen Steuerdaten des Jahres 2003 aus fünf Kantonen von Aargau bis Zürich besorgt, die verschiedenen Zahlen vergleichbar gemacht und ausgewertet. Heraus kam eine einzigartig umfassende, präzise und zuverlässige Studie über die wirtschaftliche Situation von Erwerbstätigen und Rentnern.

Unangenehme Fragen

Aus den Steuerdaten destillierte Wanner klare Einsichten, die heute noch gültig sind. Relevant sind sie ohnehin, zumal am 25. September die AHV-Initiative der Gewerkschaften an die Urne kommt, die höhere Renten für ­alle will.

Das Bruttovermögen von Pensionierten ist
 3-mal höher
als das von Haushalten im Erwerbsalter.*

Wanner wies vor allem nach, dass die Altersvorsorge mit AHV und Pensionskassen bisher so gut funktioniert hat, dass das Alter kein strukturelles Armutsrisiko mehr ist. Zwar sind die Renten der Senioren tiefer als die Löhne der Werktätigen. Dafür sind ihre Vermögen wesentlich höher. Im Durchschnitt besitzen Pensionierte dreimal mehr als die Erwerbstätigen.

Armutsrisiko nach Alter Klicken Sie auf die Grafik, um diese zu vergrössern.

Zwar sind die Unterschiede zwischen Reich und Arm im Alter sehr gross, doch arm sind relativ wenige Ältere. Wenn man Armut so misst, dass die finanziellen Mittel eines Haushalts kleiner sind als die Hälfte des Mittelwerts, dann sind 5,8 Prozent aller Rentner betroffen. Bei den Erwerbs­tätigen leben 10 Prozent unter dieser Grenze. Ein klar grösseres Armutsrisiko als die ­Senioren tragen vor allem alleinerziehende Mütter, IV-Rentner und Grossfamilien.

5,8 Prozent der Pensionierten und 10,1 Prozent der Erwerbstätigen haben ein ­hohes Armutsrisiko.*

Diese Ergebnisse werfen un­angenehme Fragen auf. Zum Beispiel: Ist es richtig, wenn junge Mütter mit ihren AHV-Beiträgen Renten gut situierter Senioren mitfinanzieren?

«Fast schon aggressiv»

Solche Fragen mögen nicht alle. «Es war eine heftige Debatte», ­erinnert sich Philippe Wanner heute. Er nahm seinerzeit auf Einladung von Seniorenverbänden an Anlässen im ganzen Land teil und stellte sich der Kritik. «Viele Ältere haben unerwartet hart reagiert, fast schon aggressiv.» Dazu trug wohl auch der damalige Chef des Bundesamts für Sozialversicherungen bei, der kämpferische Yves Rossier, der die Studie nutzen wollte, um eine Debatte loszutreten.

Alle verfügbaren Zahlen zeigen, dass 50- bis 60-Jährige ausgesprochen gut situiert sind.*

Er lancierte die Idee einer Art «Sondersteuer», die nur Rentner zahlen müssten. Das brachte die Senioren erst recht in Rage, wie sich Wanner erinnert. «Viele waren ehrlich empört. Sie sind echt überzeugt, ihnen gehe es nur deshalb so gut, weil sie ihr Leben lang hart gearbeitet und immer gespart hätten. Sie sehen nicht, wie viel Glück sie hatten.»

Glück? «Ja. Es gab noch nie eine Generation, die so komfor­tabel in den Ruhestand treten konnte, wie die Neurentner von heute. Und ob es je wieder einer Generation im Alter so gut gehen wird, ist fraglich.»

Mit dem Langzeitblick des ­Demografen resümiert Wanner (Jahrgang 1964), wer zum Beispiel in den 1950er-Jahren geboren sei, habe mehr oder weniger während des ganzen Arbeits­lebens ausgesprochen vorteil­hafte Bedingungen angetroffen. Die Wirtschaft wuchs, die Löhne ­stiegen, Arbeitslosigkeit war kein Thema. Im Gegensatz dazu ­hätten die Jahrgänge der 1980er einen schlechteren Start erwischt. «Sie haben grossen Rückstand auf ihre Eltern. Ob sie das je aufholen, ist fraglich.»

Umverteilung? Ja, aber richtig

Damit kein falscher Verdacht aufkommt: Philippe Wanner ist keiner jener rechtsliberalen Ökonomen, die dem Sozialstaat generell skeptisch begegnen. Im Gegenteil, er hält viel von Umverteilung. Ginge es nach ihm, würde in der Schweiz eher mehr als weniger umverteilt. «Einfach richtig: von denen, die mehr haben, zu denen, die weniger haben.»

Konkret lehnt Wanner die generelle Rentenerhöhung à la AHV-plus-Initiative ab, weil die Senioren im Durchschnitt besser situiert sind als die Erwerbs­tätigen, die die höheren Renten bezahlen müssten. Komme ­dazu, dass ausgerechnet die ­wenigen armen Senioren gar nicht profitieren würden, da sie einfach weniger Ergänzungsleistungen (EL) erhielten. Wanner wäre aber sofort dafür, dass die Schweiz den Rentnern, die es nötig haben, grosszügiger unter die Arme greift und mehr EL gewährt.

Rentenalter je nach Bildung

Generell rät der Demograf, ­weniger von jung zu alt umzuverteilen, dafür mehr von Reich zur Arm innerhalb derselben Generation. Möglich wäre dies etwa, indem Gutbetuchte tiefere AHV-Renten erhielten oder gar keine. Technisch wäre das machbar – politisch kaum. Weiter empfiehlt Wanner die Einführung von EL für Familien und andere «Risikogruppen», wie dies einzelne Kantone wie Tessin oder Solothurn etabliert haben.

Die grössten Armutsrisiken tragen alleinstehende Frauen, kinder­reiche Familien, Alleinerziehende und IV-Rentner.*

Eine generelle Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre lehnt der Forscher hingegen ab. «Das wäre unfair. Viele Akademiker können locker bis 70 arbeiten, Maurer zum Beispiel sind aber oft schon mit 60 müde.» In Studien hat Wanner gezeigt, dass die Lebenserwartung stark vom Beruf abhängt. Sein unbürokratischer Ansatz: verschiedene Rentenalter je nach Ausbildungsgrad – je höher der Abschluss, desto länger muss man arbeiten.

Gut gepolstert in Pension

Zurück in die Realität. «Die Schweiz hat eine einmalige ­Chance.» Diesen Satz sagte Philippe Wanner immer wieder, als er 2008 seine Studie vorstellte. Er sagt ihn auch heute noch – einfach in der Vergangenheitsform. «Die Schweiz hatte die einmalige Chance, eine sozialverträgliche Reform der Altersvorsorge zu ­gestalten, weil die grosse Gene­ration der 50- bis 60-Jährigen, die vor der Pensionierung steht, finanziell ausserordentlich gut situiert ist.»

Seine Zahlen geben zu reden: Demograf ­Philippe ­Wanner. Bild: zvg

Die Steuerdaten von 2003 zeigten, dass dies die wirtschaftlich potenteste Altersgruppe ist. Aus Wanners Sicht wäre es naheliegend gewesen, die Rentenreform so aufzugleisen, dass diese Altersgruppe einen wesentlichen Beitrag leistet, über eine Erhöhung des Rentenalters oder eine temporäre Reduktion des Rentenniveaus.

Inzwischen sind wertvolle Jahre verstrichen. Ungenutzt. Diese grossen, ­finanziell gut gepolsterten Jahrgänge sind mittlerweile in Pension gegangen oder stehen so kurz davor, dass man sie kaum mehr belangen kann. Und sind sie einmal pensioniert, sind ihre Renten unantastbar. «Diese Chance haben wir verpasst», konstatiert Wanner.

*?Ergebnisse der Studie «Die wirtschaftliche Situation von Erwerbstätigen und Personen im Ruhestand» von 2008. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2016, 06:27 Uhr

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