Viel Skepsis in Sachen Organspende

Nur bei einem Drittel der möglichen Organspenden nach einem Hirntod kommt es tatsächlich zur Organentnahme. Die Stiftung für Organspende fordert mehr Ressourcen in Spitälern, geschultes Personal und etablierte Standards.

Auf der Spendekarte kann man festhalten, welche Organe man im Todesfall spenden will oder dass man seine Organe nicht zur Verfügung stellt.

Auf der Spendekarte kann man festhalten, welche Organe man im Todesfall spenden will oder dass man seine Organe nicht zur Verfügung stellt. Bild: Keystone

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Auf Notfall- und Intensivstationen sind in der Schweiz innerhalb eines Jahres rund 290 Menschen gestorben, die als Organspender infrage gekommen wären. Effektiv wurden aber nur bei 98 Verstorbenen Organe entnommen. Das zeigt eine Studie, welche im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit und der Transplantationszentren verfasst und gestern von der Stiftung für Organspende Swisstransplant vorgestellt wurde. Dass es nur bei einem Drittel der infrage kommenden Fälle nach Hirntod zu einer Organspende kommt, beschäftigt Swisstransplant deshalb, weil die Liste der Menschen, die auf ein Organ warten, immer länger wird. Gemäss den Angaben der Stiftung sterben in der Schweiz jährlich rund 100 Menschen an den Folgen der Organknappheit.

Nein zur Spende

Für die Studie wurden ab September 2011 während eines Jahres 4524 Todesfälle auf Notfall- und Intensivstationen analysiert. Das Potenzial von 290 Organspenden nach einem Hirntod sei eine sehr vorsichtige Schätzung, betonten die Verantwortlichen gestern vor den Medien. Nicht erfasst wurden zudem Patienten, die auf den allgemeinen Abteilungen verstorben sind.

In der Studie wird den Gründen nachgegangen, weshalb es schliesslich nur 98 Spender gab. In 268 Fällen wurde um eine Erlaubnis für die Spende ersucht, doch sagten bei 52,6 Prozent die Angehörigen Nein, oder die Patienten hatten ihre Ablehnung in einer Spendekarte festgehalten. Die Ablehnungsrate sei seit 2008 um 10 Prozent gestiegen, hiess es gestern, europaweit liege er bei rund 30 Prozent. «Es fehlt offenbar das Vertrauen in die Medizin», sagte gestern Franz Immer, Direktor von Swisstransplant. Dieses müsse gestärkt werden.

Massnahmen in Spitälern

Zurückhaltend äussert sich Swisstransplant zur Forderung nach einer Widerspruchslösung, bei welcher nach dem Tod Organe entnommen werden dürfen, ausser die betroffene Person habe zu Lebzeiten dagegen Widerspruch erhoben. Eine solche Neuregelung könne noch mehr Unsicherheit auslösen. «Für uns ist wichtig, dass man nicht gegen den Willen eines Patienten Organe entnimmt», sagte Immer. Handlungsbedarf sieht Swisstransplant vor allem in den Spitälern selbst. So führten auch mangelhaftes Erkennen von Spendern aufgrund ungenügender Kenntnisse sowie fehlende Ressourcen auf Intensivstationen zur geringen Ausschöpfung des Potenzials. Ab Juli steht für die Spitäler ein Kommunikationsteam auf Abruf bereit. Zudem werden Standards erarbeitet, welche in jedem Spital etabliert werden sollen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2013, 10:14 Uhr

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