Verschenken Sie Ihre Stimme nicht

Wählen ist keine Kunst. Aber wer bei den wichtigen politischen Fragen mitreden will, überlegt sich vor dem Ausfüllen des Wahlzettels, wie er seine 25 Stimmen möglichst wirkungsvoll einsetzen kann.

Die Wahllisten sind verteilt, nun gilt es beim Ausfüllen, die persönlichen Präferenzen möglichst wirkungsvoll einzusetzen.

Die Wahllisten sind verteilt, nun gilt es beim Ausfüllen, die persönlichen Präferenzen möglichst wirkungsvoll einzusetzen.

(Bild: Keystone)

Wahlen sind den Schweizerinnen und Schweizern weniger wichtig als ihren europäischen Nachbarn. Regelmässig bewegt sich die Wahlbeteiligung nur um die 50 Prozent, weil man hierzulande weiss, dass es zu den wichtigen Fragen ohnehin noch eine Volksabstimmung gibt, bei der man sich zu den Vorschlägen des Parlaments äussern kann.

Bei den Parlamentswahlen geht es weniger um sachpolitische Weichenstellungen als um die Mehrheitsverhältnisse in National- und Ständerat. Deshalb sind sie in erster Linie eine Willensäusserung zur Frage, in welche strategische Richtung sich das Land entwickeln soll. Zentral dafür ist, wie der Bundesrat zusammengesetzt ist. Wird am 18.Oktober das Lager von FDP und SVP deutlich gestärkt, dürfte die Mehrheit im Bundesrat von Mitte-links nach Mitte-rechts kippen. Gehen das linke Lager und die Mitte-links-Parteien CVP, BDP, GLP und EVP als Sieger aus der Wahl hervor, dürfte der Bundesrat in seiner aktuellen Zusammensetzung bleiben.

Was entscheidend ist

Auch wenn es zu einzelnen Sachthemen im Bundeshaus wechselnde Koalitionen gibt, so verläuft die wichtigste politische Bruchlinie zurzeit zwischen diesen beiden grossen Lagern. Die Zusammensetzung des Bundesrates ist zentral, weil sie der Diskussion über die Kernfragen wie das Europadossier, die Sicherung der Sozialwerke, die Finanzpolitik und die Asylpolitik die Richtung gibt. Es sind – abgesehen von Volksinitiativen – fast immer die Vorschläge der Landesregierung, die der Ausgangspunkt für die folgenden Debatten im Abstimmungskampf sind.

Wer in diesem Punkt ein Wörtchen mitreden will, macht sich deshalb vor allen personellen Fragen Gedanken darüber, welche Parteien mit seinen Stimmen gestärkt werden sollen. Obwohl die Personalisierung in der Politik manchmal den Eindruck vermittelt, einzelne Parlamentarier hätten grossen Einfluss auf den Lauf der Dinge, so sind sie bei der entscheidenden Abstimmung eben doch nur winziger Bruchteil eines Ja oder eines Nein. Entscheidend ist nicht der Einzelne, sondern die Grösse und Homogenität seiner Gruppierung.

Im Kanton Bern machen es die grösseren Parteien dem Stimmvolk insofern leichter, als sie sich auch über ihre Listenverbindungen zu vier Lagern verbunden haben, die alle klar dem linken oder rechten Block zugeordnet werden können. Wer keine eigentliche Parteipräferenz, aber eine klare Meinung zur Links-rechts-Frage hat, tut also gut daran, alle seine Stimmen entweder auf die Listen der FDP, der SVP und der EDU oder aber auf die Listen von SP, Grünen, BDP, GLP, CVP und EVP zu verteilen. Damit wird verhindert, dass ein Teil der 25 Parteistimmen, die alle wahlberechtigten Bernerinnen und Berner zu vergeben haben, dem «falschen» Lager zukommt.

Denn wer Nationalräte wählt, muss wissen: Jede Stimme für einen Kandidaten oder eine Kandidatin ist vor allem anderen eine Stimme für dessen Partei. Diese Parteistimmen werden zuerst ausgezählt. Bei Parteien, deren Listen verbunden sind, kommen zunächst alle Stimmen in einen Topf. Aufgrund der Parteistimmen werden die Sitze proportional verteilt. Im zweiten Schritt werden sie innerhalb der Listenverbindungen aufgeteilt. Und erst im dritten Schritt wird ermittelt, welche Kandidaten diese Sitze gewonnen haben.

Die Lockvogelangebote

Viele Parteien haben damit begonnen, zusätzliche Listen für Pensionierte, Unternehmer oder andere potenzielle Wählergruppen aufzustellen. Eigentlich sind diese Listen Lockvogelangebote, die Parteistimmen in den grossen Topf der Hauptliste spülen sollen. Die Kandidierenden auf diesen Listen haben kaum eine reelle Wahlchance. Wer aufgrund persönlicher Sympathien solche Kandidaten wählt, hat zunächst einmal einfach eines der grossen Lager mit seiner Parteistimme gestärkt und seine Kandidatenstimme verschenkt.

Im linksgrünen Lager, bei den Freisinnigen und im SVP-EDU-Lager ist recht klar, dass die Stimmen für deren Jungparteien und Speziallisten vor allem ihren Hauptlisten nützen werden. Etwas komplizierter ist die Lage in der grossen Listenverbindung der Mitteparteien. Wer Kandidierende von BDP, GLP, EVP oder CVP wählt, unterstützt natürlich zunächst deren Partei, hilft aber gleichzeitig auch den drei anderen. Wer am Schluss profitieren wird, ist eine mehr als offene Frage.

Wer auch dabei mitreden will, welche Personen für die von ihm bevorzugten Parteien im Bundeshaus mitreden sollen, verteilt seine Stimmen nur auf Kandidierende, denen er eine reelle Wahlchance zutraut. Zunächst einmal sind das alle, die ihren Namen mit dem Zusatz «bisher» schmücken dürfen. Jene, mit denen man zufrieden ist, lässt man stehen, die andern werden gestrichen. Im zweiten Schritt werden die neuen Namen hinzugefügt. Wer eher aussichtsreiche als unbekannte Kandidierende auf die Liste setzt, beteiligt sich an Weichenstellungen: etwa indem der Favorit anderer gestrichen und der eigene gewählt wird. Die grösste Wirkung erzielt, wer «kumuliert» und zwölf Namen doppelt und einen allein auf seine Liste setzt.

Zumindest die taktischen Spielchen mit den Namen setzen allerdings voraus, dass man sich im Vorfeld der Wahl etwas informiert hat. Und natürlich ist es jeder Wählerin und jedem Wähler freigestellt, seine Stimmen nach ganz anderen Kriterien zu verteilen und zum Beispiel gezielt Landwirte, Geistheiler oder Gewerkschafter zu wählen.

2. Wahlgang so gut wie sicher

Etwas einfacher ist die Ausgangslage bei den Ständeratswahlen. Auch hier spielt die Frage, welche Lager gestärkt werden, natürlich eine zentrale Rolle. Aber stärker als bei den Nationalratswahlen geht es hier um die Personen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kommt es zu einem entscheidenden zweiten Wahlgang. Wer darauf hofft, dass seine Kandidatin oder sein Kandidat die Hürde des absoluten Mehrs im ersten Wahlgang schafft, setzt nur diesen einen Namen auf die Liste und lässt die zweite Linie leer.

Bei Ständeratswahlen darf nicht kumuliert, also kein Name doppelt auf die Liste gesetzt werden. Mit der leeren zweiten Stimme wird aber nach bernischer Zählart gleichzeitig die Hürde des absoluten Mehrs heruntergesetzt. Im zweiten Wahlgang geht es dann nur noch um das relative Mehr, weshalb man mit Vorteil seine Stimme für jene beiden Kandidierenden abgibt, die man von den zur Auswahl stehenden am liebsten in die kleine Kammer wählen möchte.

Wählen ist also nicht nur «Bürgerpflicht». Die älteste Castingshow der Schweiz hat durchaus auch spielerischen Charakter.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt