Ursula Wyss sagt Adieu

Heute Freitag geht für die Berner SP-Nationalrätin Ursula Wyss die letzte Session zu Ende. Die frühere Fraktionschefin und künftige Berner Gemeinderätin erzählt, wie sie unter Genossen anfänglich auf einer «Pfui»-Liste figurierte.

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Fällt der Abschied von der Bundespolitik schwer?
Ursula Wyss: Ich habe es gerne gemacht und mit Herzblut unzählige Diskussionen geführt. Insofern werde ich die Bundespolitik sicher vermissen. Aber in der Stadt Bern erwarten mich nun derart grosse Herausforderungen, die ich mit Freude anpacken will, dass es mir trotzdem leicht fällt, die Bundespolitik zu verlassen.

Sie blicken mit 39 Jahren bereits auf eine beachtliche politische Karriere zurück. Hat eine Frau heute keine Probleme mehr, sich in der schweizerischen Politik Gehör zu verschaffen?
Es ist sinnvoll, zu unterscheiden zwischen linken, progressiven auf der einen sowie bürgerlichen Kräften – insbesondere der SVP – auf der anderen Seite. In der SP ist eine Frau gegenüber dem Mann mindestens gleichgestellt.

Von SP-Männern hört man gar, dass sie in der eigenen Partei im Nachteil wären.
Ich streite das nicht ab. Die Wahlresultate sprechen jedoch regelmässig für die Frauen: Diese werden bei der SP oft besser gewählt als Männer. Es scheint, als könnten die Frauen die Bürgerinnen und Bürger überzeugen.

Was machen die SP-Männer falsch?
Da müssen Sie einen SP-Mann fragen. Aber ich muss schon betonen: Inhaltlich gibt es zwischen SP-Frauen und SP-Männern keine Unterschiede. Die gezielte Frauenförderung hat sich aber sicher ausbezahlt – so zum Beispiel der gemeinsame Wahlkampf unter Frauen.

Der Bundesrat reizt Sie nicht?
In der Politik lässt sich die Karriere nicht planen. An diesen Leitsatz halte ich mich. Ich habe genügend Ratsmitglieder erlebt, die mit ihrer Abwahl ein persönliches Drama durchlebten. Das wird mir nicht passieren, da ich mir stets vor Augen halte, dass es auch neben der Politik ein Leben gibt. Die Politik ist nicht wie eine Karriere in der Privatwirtschaft, wo es stufenweise nach oben geht. Die Politik ist sehr viel unberechenbarer. Es ist ja auch richtig, dass Wählerinnen und Wählern über das Schicksal von Politikern entscheiden. Das ist Demokratie und damit müssen wir Politiker umgehen können. Deshalb kann ich mit Ihnen über die nächsten vier Jahre reden, aber nicht über mehr.

Welches war der schönste Erfolg und welches der schmerzlichste Tiefpunkt in der Bundespolitik?
Ich verfüge über ein ausgeprägtes Kurzzeitgedächtnis. Deshalb bin ich nie nachtragend. Auch dann nicht, wenn Journalisten Unsinn schreiben.

Gut zu wissen. Worauf wollen Sie hinaus?
Ich kann nicht eine Bilanz mit allen wichtigen Ereignissen ziehen.

Je eines reicht mir.
Ich beginne mit dem Positiven: Beim Ja zum Atomausstieg, als das Parlament dem Bundesrat folgte, verspürte ich eine grosse Genugtuung. Das war ein Entscheid von grosser Tragweite. Neben diesem grossen Moment gab es natürlich auch viele kleine Gründe zur Freude.

Und die Wahl als relativ junge Politikerin zur SP-Fraktionspräsidentin? War das nicht ein persönlicher Höhepunkt Ihrer Karriere?
Darüber habe ich mich natürlich auch sehr gefreut. Bei meiner Wahl hätte ich vom Alter her die Tochter einiger anderer Parlamentarier sein können. Ich empfand es als stark, dass die Fraktion den Mut hatte, mich zu wählen.

Zweifel gab es keine?
Ich habe mir tatsächlich zweimal überlegt, ob ich diese Aufgabe wahrnehmen soll. Denn ich war mir nicht sicher, ob ich das auch schaffen würde. Rückblickend bin ich aber froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.

Gab es in der Fraktion auch Genossen, die Mühe hatten, Sie zu akzeptieren?
André Daguet war zu Beginn sehr skeptisch.

Also ausgerechnet ein Berner Ratskollege. Woher rührte seine Skepsis?
Es ging wohl vor allem um die politische Ausrichtung. Wir haben uns aber rasch gefunden und verstehen uns nun sehr gut.

Wie erlebten Sie die Auseinandersetzung zwischen dem gewerkschaftlichen und dem gemässigten Flügel?
Vor meiner Wahl zur Fraktionspräsidentin führte ich die Auseinandersetzung schon meist mit den Gewerkschaftern. Zum Beispiel bei der Strommarktliberalisierung wurde klar unterschieden zwischen guten und schlechten Sozialdemokraten. Dort zählte ich zur Gruppe «Pfui», die auf schwarzen Listen auftauchte. Aber auch dort ist der Tonfall moderater geworden.

Es wird mit derart harten Bandagen gekämpft?
(lachend) Ja, sicher. Das habe ich alles durchgemacht.

Heute nehmen Sie das offensichtlich locker. Die Flügelkämpfe scheinen aber nicht mehr derart heftig ausgetragen zu werden.
Sie finden in der SP-Fraktion immer noch statt, es geht heute aber weniger um die Person und mehr um die Sache. In meiner Anfangszeit, als Ursula Koch Parteipräsidentin war und sich Franco Cavalli als Fraktionspräsident gegen Rudolf Strahm durchsetzen konnte, herrschte ein anderes Klima. Nur wenn Strahm schon etwas sagte, folgte auf dem Fusse eine harsche Gegenreaktion von Gewerkschafterseite. Dasselbe beim früheren Berner Nationalrat Peter Vollmer. Das Thema war jeweils völlig irrelevant.

So ging Zeit verloren.
Definitiv. Zeit und viel Kraft. Es war einfach sinnlos. Es folgte aber eine Generation, die sagte: Es reicht, uns gehts um die Sache.

Das waren die Jungen?
Das waren jene, die neu zur Fraktion gestossen sind. Und die bisherigen waren offensichtlich sehr erleichtert, dass es mit solchen Auseinandersetzungen ein Ende nahm. Hinzu kam das Gurtenmanifest, an dem auch die heutige Bundesrätin Simonetta Sommaruga mitgearbeitet hat. Sie brachen mit Tabus und ermöglichten so, dass die SP zum Beispiel unbefangener über Asylpolitik diskutieren konnte.

Sie selbst wurden als Juso-Politikerin in den Nationalrat gewählt. Heute vertreten Sie auch andere Positionen als die Juso. So zum Beispiel bei der Überwindung des Kapitalismus.
Das ist so. In vielem bin ich mit der Juso einig, in einigen Punkten aber auch nicht. Die SP hat eine Jungpartei, die radikaler ist und versucht, ihre Positionen innerparteilich durchzusetzen. Ich halte es für wichtig, dass die Jungen eine Möglichkeit haben, sich in die Politik einzubringen.

Noch nicht gesprochen haben wir jetzt über Enttäuschungen oder Tiefpunkte.
Eine der schlimmsten Abstimmungen war wohl die Unternehmenssteuerreform II, die vom damaligen Bundesrat Merz dem Volk so harmlos präsentiert wurde und heute zu Milliardenausfällen bei Bund, Kantonen und Gemeinden führt.

Sie erlebten etliche Bundesratswahlen und zogen unter anderem bei der Abwahl des SVP-Vordenkers Christoph Blochers die Fäden. Welche Bedeutung messen sie diesen Ereignissen rückblickend bei?
Bei allen Bundesratswahlen fällt mir auf, dass der mediale Aufwand und die tatsächliche Bedeutung in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis stehen.

Arbeitet die SP-Fraktion eng mit ihren Bundesräten zusammen?
Ja, diese Zusammenarbeit haben wir unter meinem Fraktionspräsidium verstärkt. Es ist heute nicht mehr so wie mit Bundesrat Moritz Leuenberger. Damals konnte die Fraktionsleitung froh sein, wenn Sie pro Jahr ein paar Mal eine Audienz erhielt.

Mit Moritz Leuenberger hat das also nicht gut funktioniert?
Er hatte andere Qualitäten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.12.2012, 10:02 Uhr

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1999 wurde die Bernerin Ursula Wyss als erste Jungsozialistin (Juso) in den Nationalrat gewählt. Schon mit 16 war sie Juso-Mitglied und wurde dort später in die Geschäftsleitung gewählt. Nachdem Wyss in Bern Ökonomie, Ökologie und Soziologie studiert hatte, begann sie 1997 im Grossen Rat zu politisieren.

Im Nationalrat blieb sie keine Hinterbänklerin. 2006 wurde sie ohne Gegenkandidaten zur Fraktionspräsidentin gekürt. Bis 2012 übte sie dieses Amt aus und zog deshalb bei etlichen wichtigen Entscheiden der linken Fraktion die Fäden. So unter anderem bei der Abwahl von SVP-Bundesrat Christoph Blocher.

Bei der Ständeratswahl 2011 konnte sich Wyss nicht gegen Adrian Amstutz durchsetzen. Am 25.November dieses Jahres wurde sie in den Berner Gemeinderat gewählt. Sie will sich nun voll diesem Exekutivamt widmen und verlässt deshalb die nationale Politik.

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