Telemedizin für chronisch Kranke

Spezielle Betreuungsprogramme helfen chronisch Kranken dabei, Diabetes oder Bluthochdruck besser zu managen. Als Folge sollen sich Arztbesuche und Hospitalisierungen reduzieren.

Ein kleiner Stich, und schon sind die Blutzuckerwerte beim Arzt. Telemedizin erleichtert Diabetikern und anderen chronisch Kranken das Leben.

Ein kleiner Stich, und schon sind die Blutzuckerwerte beim Arzt. Telemedizin erleichtert Diabetikern und anderen chronisch Kranken das Leben.

(Bild: Fotolia)

Juliane Lutz@JulianeLutz

Ein kleiner Piks in den Finger, und schon werden die Blutzuckerwerte von daheim aus an Medgate übermittelt. Dort werden sie von den Ärzten des Basler Telemedizinunternehmens Medgate analysiert oder vom Hausarzt. Weichen die Werte zu stark von den individuell unterschiedlichen Richtwerten ab, melden sich die Ärzte per Telefon bei den betroffenen Zuckerkranken. Doch sehr oft ist das nicht der Fall, da die rund 170 Diabetiker dank Schulungen gut über den Umgang mit der Stoffwechselstörung informiert sind. Und wissen, wie sie ihre Werte im Griff behalten. Die «Chronic care»-Programme von Medgate, die die Krankenversicherung CSS ihren Kunden anbietet, gibt es auch für Patienten mit Bluthochdruck und Herzinsuffizienz.

Therapietreue ist günstiger

Chronische Krankheiten wie Diabetes, Krebs oder Bluthochdruck verursachen bereits heute 80 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen. Das waren im Jahr 2011 etwa 51 Milliarden von einem Total von 64,6 Milliarden Franken. Dabei könnte ein Teil dieser Kosten reduziert werden, wenn alle Patienten umsichtig mit ihren chronischen Erkrankungen umgehen würden. Das heisst konkret: möglichst gut über Diabetes oder Bluthochdruck informiert zu sein, Medikamente nach Plan einnehmen, sich entsprechend ernähren und bewegen sowie Werte wie Blutzucker oder Bluthochdruck richtig interpretieren. Eine derart verbesserte Therapietreue könnte Arztbesuche und Hospitalisierungen vielfach reduzieren sowie teure Langzeitschäden verringern. «Dadurch liessen sich Kosten von 500 bis 600 Millionen Franken pro Jahr einsparen», schätzt Peter Behner von der Strategieberatung Booz&Company in Berlin. Der Healthcare-Experte war Mitautor einer Studie, die für mehrere europäische Länder die Schäden berechnete, die sich durch Arbeitsausfälle aufgrund mangelnder Therapietreue ergaben.

Elektronischer Datentransfer

Um die Therapietreue chronisch Kranker zu verbessern, hat Medgate bereits vor drei Jahren mit den «chronic care»-Programmen begonnen. Die Krankenkasse CSS bietet diese ihren Versicherten an. Auch andere Anbieter und Krankenkassen versuchen sich an Betreuungsprogrammen, doch das Medgate-Modell hebt sich durch zwei wesentliche Details von anderen ab: Patienten, die nach erteilter Kostengutsprache teilnehmen, erhalten von Medgate eine Basisstation, wenn es die Krankheit erfordert. Sie übermittelt Daten wie beispielsweise Blutzucker- oder Blutdruckwerte in elektronischer Form direkt an die Ärzte. Durch die elektronische Übermittlung werden Lese- oder Schreibfehler von Seiten der Patienten ausgeschlossen. Das Gerät wird je-doch höchstens ein Jahr lang ausgeliehen, denn das Programmziel ist die Selbstständigkeit der Patienten.

Massgeschneiderte Module

Zum anderen ist das «chronic care»-Modell Medgate mit seinen Modulen für den jeweiligen Patienten massgeschneidert. Etwa eine intensive Schulung zu Diabetes von A bis Z oder nur ein kurzes Coaching per Telefon, je nach Wissensstand. Wie es darum bestellt ist, sagen die Hausärzte, die von Anfang an eingebunden sind. «Ein weiterer Vorteil des Programms liegt darin, dass die Patienten alles von zu Hause aus erledigen können», sagt Mascha Bethke, Ärztin Chronic Care Management bei Medgate. Es eigne sich daher auch für vielbeschäftigte Manager oder Landwirte, die keine Zeit hätten, regelmässig zu Schulungen an einen bestimmten Ort zu kommen.

Nachhaltige Wirkung

Zwischen 300 und 400 chronisch kranke Patienten nutzten bislang bei CSS das Angebot beziehungsweise befinden sich noch mittendrin. «Auf die Frage, ob sie auch nach dessen Abschluss die gewonnenen Erkenntnisse umsetzen können, antworteten 71 Prozent der Teilnehmer mit ‹ja, sehr›», sagt Gabriella Chiesa. Sie ist bei CSS als Leiterin Innovation im Versorgungsmanagement tätig. Und 75 Prozent der Patienten sagten, dass sich durch das «chronic care»-Angebot ihre Lebensqualität verbessert habe. Auch die Hausärzte, die anfangs dem Telemedizinmodell eher skeptisch gegenüberstanden, hätten es heute meist akzeptiert, so Chiesa.

Ärzte um ein Drittel entlastet

Zu den Einsparungen durch weniger Arztbesuche und Hospitalisierungen gibt man sich beim Basler Unternehmen Medgate wie auch bei der Krankenversicherung CSS zurückhaltend. «Wenn durch ein ‹chronic care›-Programm vermieden werden kann, dass ein Patient mit Herzinsuffizienz ins Spital muss, werden Tausende von Franken eingespart», sagt Medgate-Mitarbeiterin Bethke.

Bei einem deutschen Telemedizinprogramm für Diabetiker verringerten Schulungen der Patienten und das Monitoring ihrer Daten die Arztbesuche deutlich. Das entlastete in der Folge Allgemeinmediziner um ein Drittel ihrer Routinetätigkeiten.

Berner Zeitung

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