«Stadt und Land sind kein Gegensatz mehr»

Weil wir die Landwirtschaft nicht mehr aus Erfahrung kennten und in einer Mischwelt aus Beton, Asphalt und Grün lebten, hätten wir falsche Klischeebilder vom Land und den Bauern, sagt der Berner Agrarhistoriker Peter Moser.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Herr Moser, Sie beklagen, dass das Land in der Geschichtsschreibung kaum mehr beachtet werde. In der Schweiz aber sind doch das Ländliche und das Bäuerliche omnipräsent. Denken wir nur an den Trubel um das Eidgenössische Schwingfest. Peter Moser: Schwingen ist für die Leute heute in der Tat etwas Hochattraktives. Aber: Ist das Schwingen wirklich ländlich? Es ist ja gerade auch in den Städten populär geworden.

Die meisten Schwinger kommen aber vom Land. Der legendäre Schwingerkönig Karl Meli war Wirt in der Industriestadt Winterthur. Und der Hüne Christian Stucki lebt in Lyss, also in der Agglomeration. Ich führe die heutige Begeisterung für das Schwingen eher auf den Körperkult unserer Gesellschaft zurück. Viele setzen Schwingen zwar mit Ländlichkeit gleich. Aber populär ist es eher, weil es durch den engen Austausch zwischen Stadt und Land weder ländlich noch urban ist. Haben Sie sich übrigens die Werbung in der Schwingfestbeilage Ihrer Zeitung angesehen?

Was ist Ihnen daran aufgefallen? Da werben die Migros, die UBS oder Toyota. Sind das besonders ländliche Unternehmen?

Auf den Werbebildern der Beilage präsentieren aber auch bekannte Schwinger Emmentaler Käse oder posieren vor Schweizer Landschaften. Das Ländliche wird lediglich als Appetizer gebraucht. Es soll etwa auf Swissness verweisen, um die Produkte der Nahrungsmittelindustrie unterscheidbar zu machen, die in der globalisierten Welt austauschbar geworden sind. Die Natur wird nur als Freizeitkulisse, aber nicht als Nutzungsgrundlage gezeigt.

Apropos Autowerbung: Autos gehören doch zum Land. In der Stadt besitzen bis zur Hälfte der Bewohner kein Auto, auf dem Land haben die meisten eines. Auto gefahren wird auch in der Stadt. Das Auto gehört seit sechzig Jahren zu Stadt und Land. Gerade das Auto förderte den Austausch zwischen den beiden und führt so zur Annäherung der Lebensweisen in Stadt und Land. Am Auto wird übrigens klar, dass es den im Kanton Bern so viel beklagten Stadt-Land-Gegensatz gar nicht mehr richtig gibt.

Aber alle reden doch davon. Ja, aber nicht alles, was populär ist, ist auch richtig. Heute wollen fast alle urban sein, aber gibt es im Kanton Bern überhaupt einen urbanen Ort? In der Stadt Bern werden Bäume und in Gärten Gemüse angepflanzt. Das ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Aber urban ist das nicht.

Ist es ländlich? Nein, natürlich auch nicht. In fast allen Siedlungsgebieten der Schweiz gibt es heute gleichzeitig beides. Man wohnt in der Stadt – und versucht sich die Annehmlichkeiten des Landes zu organisieren: Ruhe, Grünflächen. Oder man wohnt auf dem Land und will dort die Annehmlichkeiten der Stadt – den schnellen Verkehrsanschluss und das Shoppingcenter. Diese Entwicklung hat offenbar zu einer Art Konfusion in den Köpfen geführt. Stadt und Land sollen gleich und unterschiedlich zugleich sein. Gerade weil viele nicht mehr wissen, was die Stadt und was das Land in der Vergangenheit eigentlich ausmachte, beklagen sie heute lauthals einen angeblichen Gegensatz.

Offenbar weiss das auch die Geschichtsforschung nicht mehr richtig. Veranstaltet Ihr Archiv für Agrargeschichte deshalb nächste Woche an der Uni Bern eine internationale Konferenz für ländliche Geschichte? Das Archiv für Agrargeschichte ist eine unabhängige wissenschaftliche Institution, und wir sind in den Räumen der Universität für diesen Kongress nur eingemietet. Das zeigt vielleicht auch, dass die ländliche Geschichte des 19. und 20.Jahrhunderts an den Universitäten und in den Publikationen zur Schweizer Geschichte lange Zeit fast keine Rolle mehr spielte. Obwohl es gerade Bauern und Agronomen waren, die die moderne Kulturlandschaft prägten, nicht nur Architekten und die Bauindustrie. Wenn wir das Ländliche, das Agrarische ignorieren, können wir die im 19.Jahrhundert entstandene moderne Schweiz gar nicht richtig verstehen.

Woher kommt das Desinteresse am Ländlichen? Ich führe es vor allem auf zwei Ursachen zurück: Erstens kennen nur noch ganz wenige Menschen die Landwirtschaft aus der Praxis. Und zweitens modellieren praktisch alle Sozialwissenschaften ihre Theorien seit den 1960er-Jahren an städtischen und industriellen Welten. Als ich mich in den 1980er-Jahren im Studium für Agrargeschichte zu interessieren begann, sagte mir ein Professor: Sind Sie noch bei Trost? Was wollen Sie später damit anfangen, das interessiert doch keinen mehr.

Was unterscheidet in den Augen des Historikers das Land überhaupt von der Stadt – und die Landwirtschaft von der Industrie? In erster Linie der Umgang mit Tieren und Pflanzen, also die Nutzung lebendiger Ressourcen. Diese erfolgt zyklisch und saisonal. Die industrielle Produktion hingegen basiert seit 200 Jahren auf dem Verbrauch der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Uran. Die Produktionsformel der Industrie, die auf dem Verbrauch toter Materie basiert, kann man nicht tel quel auf die Landwirtschaft anwenden.

Auch die Landwirtschaft produziert heute industriell, Gemüse und Früchte essen wir dank Transport oder Gewächshaus auch ausserhalb der Saison. Ja. Aber die Landwirtschaft verbraucht und nutzt eben gleichzeitig. Seit dem Zweiten Weltkrieg basiert zwar auch die landwirtschaftliche Produktion auf dem Verbrauch fossiler Ressourcen, deshalb war ihre Produktivität hier zeitweise höher als in der Industrie. Aber: Auch eine industrialisierte Landwirtschaft nutzt Pflanzen und Tiere. Sie ist deshalb immer alt und modern zugleich. Sie operiert in der globalen Wirtschaft, muss aber wegen der Bindung an den Boden lokal wirtschaften. Deshalb nimmt sie auch andere Formen an als die Industrie.

Welche denn? Während im 19.Jahrhundert in der Industrie die Betriebe immer grösser wurden, verschwanden in der europäischen Landwirtschaft die grossen Gutsbetriebe und machten Familienbetrieben Platz. Weil die Agrarpreise ab 1860 sanken und die Löhne der Landarbeiter dank der industriellen Konkurrenz stiegen. Das machte die Familienbetriebe konkurrenzfähiger.

Auch wenn es Familienbetriebe sind, sie sind heute topmodern. Modern ist nicht gleich industriell. Wenn man mit Tieren gleich umgeht wie mit industriellen Gütern, löst das zu Recht moralische Empörung aus. Denken Sie nur, wie Tierfabriken und lange Tiertransporte in den Medien dargestellt werden.

Um Grund zur Empörung zu haben, müsste man doch die Produktionsbedingungen der Landwirtschaft kennen. Aber wir wollen es lieber nicht so genau wissen – und nicht zu viel zahlen. Eben gerade darum geht es der ländlichen Geschichte: Sie will Wissen schaffen, damit die komplexen Prozesse verstanden werden können, die bei der Nutzung lebender Ressourcen mit industriellen Verfahren angewendet werden. Allein dem Preis für ein Ei kann man eben nicht ansehen, unter welchen Bedingungen das Huhn lebte und dass bei den Legerassen die männlichen Küken getötet werden müssen. Nur wer über ein umfassendes Wissen verfügt, kann sich auch für andere Produktionsbedingungen einsetzen.

Halten Sie den Vegetarismus für eine konsequente Reaktion auf den problematischen industriellen Umgang mit Tieren? Man muss sicher nicht Fleisch essen, um glücklich zu werden. Da aber die meisten Menschen Fleisch essen, ist es wichtig, zu wissen, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten und geschlachtet werden. Vegetarier essen Käse, aber kein Fleisch. Wo Käse produziert wird, fällt aber zwingend auch Fleisch an. Das zeigt, wie komplex die agrarische Realität ist. Leider klaffen in kaum einem Bereich Wunsch und Wissen so weit auseinander wie bei der Ernährung. In der Werbung werden die Landwirtschaft und die Bauern als Verkörperung einer heilen Biowelt überhöht, nach einem Nahrungsmittelskandal aber dämonisiert.

Bauern sind die Prügelknaben. Manchmal schon. Ich habe einmal in den Onlinekommentaren zu einem kritischen Zeitungstext über die Landwirtschaft das Wort «Bauer» durch «Ausländer» ersetzt. Wären die Texte so publiziert worden, hätte es zu Recht einen Aufschrei gegeben. Ähnlich wie Ausländern werden Bauern heute oft stereotype Verhaltensweisen zugeschrieben.

Halten Sie den Stadt-Land-Gegensatz auch für so eine Zuschreibung? Ja. Ich erkenne weniger einen Stadt-Land-Gegensatz als vielmehr ein komplexes Bild von Widersprüchen, Interessenkollisionen und unterschiedliche Entwicklungsvorstellungen innerhalb der ländlichen wie auch innerhalb der städtischen Gesellschaft. Der angebliche Stadt- Land-Gegensatz im Kanton Bern wird vermutlich gerade deshalb so lautstark beklagt, weil man nicht genau hinsehen mag.

Aber es gibt doch im Kanton Bern diesen antistädtischen Reflex und den Schulterschluss der Landvertreter im Grossen Rat, der etwa dazu führte, dass die Fachhochschule nicht in Bern zentralisiert wird, sondern eine Abteilung in Burgdorf behält. Ist das ein Stadt-Land-Gegensatz, wenn zwei zwanzig Minuten voneinander entfernte Städte dafür kämpfen, die Fachhochschule bei sich zu haben?

Wenn sich das Land kaum mehr von der Stadt abhebt, warum versammeln Sie dann nächste Woche in Bern 300 Historiker, die sich mit der Geschichte des Landes beschäftigen? Man braucht eine internationale Community, wenn man seriös Wissenschaft betreiben und auch kontrovers diskutieren will. Das ist die organisatorische Antwort. Die inhaltliche Antwort: Das Ländliche und das Agrarische brauchen mehr intellektuelle Aufmerksamkeit, damit wir wissen, weshalb Menschen in unterschiedlichen Zeiten mit lebendigen Ressourcen unterschiedlich umgingen. Und: Um die Auflösung des Ländlichen und seine Vermischung mit dem Städtischen verstehen zu können, muss man wissen, was das Ländliche einmal ausgemacht hat. Die Landhistoriker blicken aber nicht nur zurück, sie beschäftigen sich auch mit dem, wovon alle menschliche Zukunft abhängig ist: der Nutzung von Tieren und Pflanzen. Nur sie können im Produktionsprozess wieder reproduziert werden. Aus einem Autopneu hingegen wird nie wieder Erdöl.

An der Konferenz der Landhistoriker gibt es nicht nur Referate über die Geschichte des Holzschlags oder die Rolle der Frau in der Agrarwelt, es wird auch debattiert, ob es gut sei, dass Englisch die Wissenschaftssprache ist. Wo ist das Problem? Natürlich ist es toll, dass sich die Historikergemeinde aus aller Welt nächste Woche in Bern dank dieser Sprache überhaupt unterhalten kann. Gleichzeitig ebnet diese Dominanz einer einzigen Sprache nicht nur regionale Unterschiede ein, sondern macht es auch unmöglich, Dinge richtig zu benennen. So ist ein «Bauer» auf Englisch nicht einfach ein «peasant» und ein «farmer» nicht einfach ein Landwirt.

Sind denn diese feinen Unterschiede so wichtig? Und wie! Wir finden Biodiversität zu Recht wichtig, wieso sollen dann die sprachlichen, regionalen und kulturellen Vielfalten, die auf dem Land noch deutlicher sichtbar sind, eingeebnet werden? Erst die Differenz macht die Welt farbig und lebendig – auch im Kleinen. Deshalb ist die Vielfalt der Regionen eine Stärke und nicht eine Schwäche des Kantons Bern. Wenn man die Dinge nicht richtig benennt, kann man sie kaum adäquat deuten und sicher nicht verändern.

Die Verstädterung schreitet weltweit voran. Fürchten Sie eigentlich, dass das Ländliche einmal verschwinden könnte? Als Historiker und Kenner der Agrarwelt habe ich keine Angst, wenn etwas verschwindet. Es gehört zum Wesen alles Lebendigen, dass es sich verändert, dass es altert und stirbt – und Neues entsteht. Um die Vitalität auf dem Land mache ich mir keine Sorgen.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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