So werden Sie Bundesrat

Autorentext

Der Weg nach oben ist ein Hindernislauf. Was man als Kandidat oder Kandidatin unterwegs beachten und vermeiden sollte.

Wenn alle lügen, dann lügen auch Sie: Karikatur von Felix Schaad.

Wenn alle lügen, dann lügen auch Sie: Karikatur von Felix Schaad.

Jean-Martin Büttner@Jemab

Bevor Sie den Piz Bundesrat erklimmen und vom Rednerpult aus Ihre ehemaligen Kolleginnen und Kollegen im Parlament, Ihre sechs zukünftigen Mitbundesräte, die Presse, die Familie, das Volk draussen und allenfalls noch den Herrgott darüber adressieren dürfen und dabei Ihren einen Satz auf Rumantsch sagen, weil das alle gerne hören von einem neu gewählten Bundesrat – davor müssen Sie einiges lernen und noch viel mehr vermeiden.

Der Hindernislauf, der Ihnen beim Aufstieg bevorsteht, verlangt gelegentlich einen Slalom. In den seltensten Fällen empfiehlt es sich, das Hindernis zu rammen. Diese Art von Konfrontation sollten Sie meiden, solange Sie noch kandidieren. Um Enttäuschungen nach der Wahl schon vor der Wahl zu vermeiden, müssen Sie diesen Rat befolgen:

Glauben Sie keinem!

Sparen Sie sich die Vorstellung einer Politik der Ehrlichkeit für den 1. August oder für den 1. April, je nachdem, ob Sie zu Pathos neigen oder zur Satire. Geht es nämlich um die Wahl eines Bundesrates, lügen alle, und zwar gerade dann, wenn sie ihre Lüge als unverrückbar letzte und damit nicht verhandelbare Wahrheit verkünden. Nur so lässt sich erklären, dass der Thurgauer Roland Eberle, von der SVP vor elf Jahren mitnominiert und mit guten Aussichten angetreten, im fünften Wahlgang mit nur 25 Stimmen schwer enttäuscht ausschied.

Wer glaubt, was vor einer Wahl herumerzählt wird, sollte sich die Stellungnahmen der Parteipräsidenten der letzten Wochen vornehmen; die haben sich umso schneller widersprochen, je näher der Termin rückte, manchmal noch am selben Tag. Dass dabei jedes Mal die Konkordanz beschworen wurde, heisst gar nichts; diese nimmt, je nach Auslegung, die unterschiedlichsten Aggregatszustände ein: Mal ist sie fest, mal flüssig und meistens gasförmig.

Wenn alle lügen, dann lügen auch Sie. Mit einem Unterschied: Sie fangen schon viel früher damit an. Je mehr Sie Bundesrat werden wollen, desto wichtiger ist es nämlich, dass Sie:

Ihren Ehrgeiz im Griff haben

Weil Sie von einer Mehrheit der Parlamentsmitglieder gewählt werden, die genau dasselbe denken wie Sie, dass sie nämlich in den Bundesrat gehören, müssen Sie ihnen helfen, mit ihrem Nichtbundesratsein und wahrscheinlichen Niebundesratwerden umzugehen. Das Parlament hasse jede Form von Arroganz und Herablassung, sagt der Politberater Franz Egle. Ein Bundesratskandidat müsse «den Eindruck eines Schaffers erwecken, der nicht an einem luxuriösen Leben interessiert ist». Das habe viel mit der bäurischen Grundierung der Schweiz zu tun, die zwar ein reiches Land sei, aber Politiker bevorzuge, die nicht mit Limousinen, Villen und anderen Accessoires von sich reden machten.

Unbeliebt ist in Bern auch das Eigenlob. Beschaffen Sie sich Göttis und Gotten im Parlament, die das Anpreisen für Sie erledigen. Umso huldvoller können Sie dann allfällig einprasselnde Komplimente von sich weisen.

Eine weitere Vermeidungsstrategie gilt Ihrer Autorität. Die braucht es für einen guten Bundesrat, für einen Kandidaten ist sie gefährlich. Weshalb Sie unbedingt schauen müssen, dass Sie:

Ihre Stärke nicht zeigen

Denn das Parlament hat Angst vor zu wuchtigen Typen oder, in der subtilen Formulierung des ehemaligen Regierungssprechers Oswald Sigg, «vor Leuten mit einem allzu entwickelten Selbstbewusstsein». Erstens gönnt keine Partei der anderen einen charismatischen, unerschrockenen, bei der Bevölkerung zu beliebten Bundesrat. Zweitens passen allzu dominante Typen nicht in unser System. Der Bundesrat sei keine Regierung, sagt Sigg, sondern ein Bundesverwaltungsrat. Er habe auszuführen, was Parlament, Volk und Stände entscheiden – und das mit einer starken Verwaltung. So viele einwirkende Kräfte führen zu einer «sehr abtemperierten Regierungsform», sagt Sigg. Am wichtigsten sei deshalb das Gespür für Kollegialität. Als guter Bundesrat dürfe man nicht mehr sein wollen als die anderen, ergänzt der Politberater und Publizist Kenneth Angst: «In diesem Mehrparteienkollektiv sind alle sieben gleich mächtig und ohnmächtig.»

Auch deshalb müssen Sie darauf achten, dass Sie:

Berechenbar bleiben

Der Wahlkörper schätzt Kandidatinnen und Kandidaten, die wenig anecken, sagt der ehemalige Appenzeller CVP-Ständerat Carlo Schmid: «stark in der Mitte, präsentabel und konkordant». Die Kandidierenden müssen sich in den Dossiers auskennen, aber bei ihren Ansichten «ehrlich, verlässlich und berechenbar» sein. Sich zugleich für und gegen den Atomausstieg auszusprechen, wie das der gescheiterte SVP-Kandidat Bruno Zuppiger vor kurzem tat, wirkt befremdlich. Auch linke Kandidaten machen sich unglaubwürdig, wenn sie ihre Positionen auswechseln.

Die Berechenbarkeit hat den zusätzlichen Vorteil, dass sie sich von der wachsenden Unberechenbarkeit der Bundesratswahlen angenehm abhebt. «Es ist schwieriger geworden, einen Bundesrat zu machen», sagt Carlo Schmid. Mit der Abwahl von Ruth Metzler vor acht Jahren brachen SVP und der Freisinn ein Tabu, seither häufen sich die Überraschungen. Immer häufiger kandidieren Regierungsräte ohne Bundeshauserfahrung, immer häufiger werden Wahlen mit nur einer Stimme entschieden. Das schränkt auch den Einfluss der sogenannten Königsmacher ein. Wer sich übrigens selber in dieser Funktion anpreist, ist es selten. Hätte der Bündner Sozialdemokrat Andrea Hämmerle seine Rolle bei der Wahl von Eveline Widmer Schlumpf öffentlich auch nur erwähnt, wäre sie nicht gewählt worden. Der Bündnerin wurde durch ihre Intercity-Direktwahl einiges erspart, um das Sie kaum herumkommen:

Die Presse und die Hearings

Auch wenn die Presse gelegentlich einen Kandidaten verhindern kann, wie die letzte Woche gezeigt hat, vermag sie keinen Bundesrat zu machen. Geben Sie den Journalistinnen und Journalisten dennoch freundliche, sachlich konturierte Interviews und beziehen Sie dabei Position. Drängen Sie sich nie vor, sagt der Politberater Franz Egle, verhalten Sie sich reaktiv. «Auf keinen Fall ist mit den Parlamentariern über die Medien zu kommunizieren.»

Wie wichtig die Hearings der Fraktionen vor dem Wahlgang sind, bleibt umstritten. Gute Kandidaten können bei den Befragungen durch die anderen Parteien einen positiven Eindruck nur noch abwerten. Am wichtigsten bleibt der Auftritt in der eigenen Fraktion, um den Mitnominierten parteiintern auszustechen, sagt Carlo Schmid. Anbiederungsversuche bei anderen Fraktionen machen schnell die Runde.

Und zum Schluss noch dies:

Die Leichen im Schrank

Sie sollten ihren Schrank aufmachen, Ihren Leichen lange in die Augen sehen und sich fragen, wer sonst noch einen Schrankschlüssel hat oder haben wird. Das sind immer mehr, als Sie glauben. In jedem Fall empfiehlt sich, die Parteileitung zu informieren. Hätte Bruno Zuppiger das getan, wäre ihm die Peinlichkeit des Rückzugs durch Nichtnomination erspart geblieben.

Vieles können Sie nicht planen, nur darauf reagieren. Steigen Sie also unverdrossen den Berg hinauf. Es mag schwierig sein, Bundesrat zu werden, aber das Tolle ist: Wenn Sie es einmal sind, bekommt man Sie fast nicht mehr weg.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt