So greift die Schweiz den Roma vor Ort unter die Arme

Die Schweiz setzt sich für die Entwicklung Rumäniens ein. 181 Millionen Franken fliessen in 200 verschiedene Hilfsprojekte. Ein Einblick in die Verwendung der Gelder.

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Das Schulzimmer ist liebevoll dekoriert. Von der Decke hängen selbst gemalte Schmetterlinge, Fische und Blumen. Dennoch ist offensichtlich, dass die Schule von Gradinari mit wenig Geld auskommen muss: Nackte Glühbirnen sorgen für Licht. Geheizt wird mit einem alten Kachelofen. Und von Zeit zu Zeit huscht eine Maus die Wand entlang.

Der offizielle Unterricht ist längst vorbei. Dennoch sind die Kinder geblieben. Denn in der Schule erhalten sie eine warme Mahlzeit. Und auch danach werden sie betreut. Sie können unter Anleitung Hausaufgaben machen, Nachhilfe in Anspruch nehmen oder auch einfach gemeinsam Zeit verbringen, anstatt alleine zu Hause zu sitzen.

Lage der Roma verbessern

«Die Eltern können so zur Arbeit gehen, ohne sich Sorgen zu machen, denn sie wissen, dass ihre Kinder auch nach dem Unterricht betreut werden», sagt Oancea Cristinel Budica, eine der Mentorinnen. Auch für den Lernerfolg sei diese Betreuung wichtig. Denn nur etwa 10 Prozent der Eltern seien in der Lage, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

In der Schule von Gradinari, einem Ort 200 Kilometer westlich von Bukarest (siehe Karte in Bildstrecke), gehören 188 von 211 Schülern zur Ethnie der Roma. Diese Minderheit ist landesweit überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialen Problemen betroffen. Ein Teil des Schweizer Erweiterungsbeitrags für Rumänien wird deshalb dafür eingesetzt, die Lebensumstände der Roma zu verbessern. Gemäss Schätzungen sind mindestens 1,5 Millionen der gut 20 Millionen Einwohner Rumäniens Roma. Viele verheimlichen aber aus Furcht vor Nachteilen ihre ethnische Zugehörigkeit. Die Volkszählung 2011 ergab nur 620'000 Roma.

3 Millionen Franken bezahlt die Schweiz an das Projekt Zefir, von dem neben Gradinari auch elf weitere Ortschaften in der Region profitieren. Umgesetzt wird das Programm im Zeitraum 2013 bis 2017 von Terres des Hommes und weiteren sechs Hilfswerken. Von der Betreuung nach dem offiziellen Unterricht profitieren laut den Projektverantwortlichen insgesamt 1200 Kinder. Ein weiteres Ziel von Zefir ist es, den Zugang zu medizinischer Versorgung zu verbessern. 3000 Kinder zwischen 6 und 17 Jahren und 500 schwangere Frauen respektive stillende Mütter erhalten entsprechende Hilfe.

Weniger Schulabbrüche

Die Direktorin der Schule in Gradinari, Maria-Adriana Manolache, ist überzeugt, dass die bessere Betreuung zu weniger Schulabbrüchen führt. Früher hätten jedes Jahr sechs bis sieben Kinder die Schule vorzeitig verlassen. Seit Beginn des Projekts Zefir vor gut zwei Jahren sei das nicht mehr vorgekommen. Zudem hätten mehr Kinder die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium bestanden.

Sie glaubt auch, dass der Anteil der rumänischen Kinder steigen wird. Bisher schicken die Rumänen, die im Dorf in der Mehrheit sind, ihre Kinder bis auf wenige Ausnahmen im Nachbarort zur Schule. Dass dies mit Vorurteilen gegenüber den Roma zu tun haben könnte, streitet die Schuldirektorin ab. Der Grund sei, dass der Unterricht an der dortigen Schule besser sei und die rumänischen Eltern es sich leisten könnten, ihre Kinder dorthin zu schicken.

Gealapu ist voll des Lobes für das Betreuungsangebot. Einerseits, weil sie viel für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium lernen könne. Anderseits, weil der Zusammenhalt unter den Kindern viel besser sei, seitdem sie mehr Zeit zusammen verbrächten.

Lokale Gemeinschaften sollen das Heft in die Hand nehmen

Die Reise geht weiter nach Vizuresti, eine Ortschaft vierzig Kilometer nordwestlich von Bukarest. Das Haus von Jonela in Vizuresti, einer Ortschaft vierzig Kilometer nordwestlich von Bukarest, ist in einem erbärmlichen Zustand. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis der Regen durch das notdürftig gedeckte Dach tropft. Fliessend Wasser gibt es nicht. Statt einer Küche sind lediglich zwei elektrische Herdplatten vorhanden. Fast das ganze Zimmer ist mit Matratzen ausgelegt. Die Toilette steht irgendwo ausserhalb. Die 38-Jährige wohnt hier mit ihrem Mann und ihren elf Kindern auf engstem Raum.

Hilfe zur Selbsthilfe

In einer Umfrage haben Einwohner von Vizuresti – 80 Prozent davon sind Roma – Jonelas Haus und neun weitere Häuser aufgrund des miserablen Zustands für eine Renovation ausgewählt. Die Erneuerung von insgesamt fünfzig Häusern ist Teil des Projekts «At Home in Your Community», das von der Schweiz mit 165000 Franken aus dem Erweiterungsbeitrag für Rumänien unterstützt wird. Umgesetzt wird es im Zeitraum 2013 bis 2015 von drei Hilfsorganisationen.

Ziel des Projekts ist es, die Bevölkerung von Vizuresti und neun weiteren mehrheitlich von Roma bewohnten Gemeinden dazu zu bringen, aktiv zu werden, um die eigenen Lebensumstände zu verbessern. Die Einwohner sollen aber nicht nur selber bestimmen, welche Häuser am dringendsten renoviert werden müssen. Mindestens 200 von ihnen sollen auch daran mitarbeiten. Jeder vierte davon wird dabei in einer Tätigkeit geschult, mit der er später Geld verdienen kann.

Das Projekt hat in Vizuresti zur Bildung einer Arbeitsgruppe geführt, die sich einmal im Monat trifft. An diesen Sitzungen wird besprochen, wie das Gemeindeleben verbessert werden könnte. Bereits realisiert wurde unter anderem die Betreuung von Kindern aus armen Familien nach dem Schulunterricht sowie die Renovierung des Schulhauses und des Kindergartens.

Das derzeit wichtigste Ziel der Arbeitsgruppe ist es, von den Behörden die Erlaubnis zur Wiedereröffnung des bereits renovierten kleinen Gesundheitszentrums zu erhalten. Die Einwohner von Vizuresti müssten so für eine medizinische Behandlung nicht mehr in den zehn Kilometer entfernten Nachbarort fahren.

Offener Brief bringt Erfolg

Vizuresti ist auch ein gutes Beispiel dafür, was zivilgesellschaftliches Engagement gerade im Umgang mit den Behörden bewirken kann. Nachdem die Einwohner eine Mängelliste der öffentlichen Infrastruktur erstellt hatten, wandten sie sich in einem offenen Brief an den Bürgermeister, um so Druck auf ihn auszuüben. Und weil dieser deshalb plötzlich um seine bevorstehende Wiederwahl bangen musste, konnte er es nicht wie früher bei leeren Versprechen bewenden lassen.

Wie im offenen Brief gefordert, wurden eine Brücke und die Strasse zum Bahnhof erneuert. Der Ortsbus kann nun wieder normal verkehren, sodass die Kinder nicht mehr zu Fuss zur Schule gehen müssen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.05.2015, 11:07 Uhr

Fähigkeiten betonen

Die Stiftung Motivation Romania setzt sich in vielfältiger Weise für Behinderte ein. Für Rollstuhlfahrer bietet sie unter anderem Trainings für selbstständiges Leben, Physiotherapie oder eine Anpassung des Rollstuhls an die individuellen Bedürfnisse an. Für die meisten Rollstuhlfahrer bleibe ein selbstständiges Leben aber ein fernes Ziel, solange das Gesundheitswesen den Fokus auf die Einschränkungen durch die Behinderung lege, kritisiert Motivation Romania. Nötig sei ein Zugang, bei dem die Fähigkeiten im Zentrum stünden. Um ein Umdenken herbeizuführen, hat sich die Stiftung einerseits vorgenommen, das von der WHO entwickelte Klassifizierungssystem ICF in Rumänien einzuführen.

ICF ermögliche es, die «Funktionsfähigkeit» jedes Menschen präzise zu beschreiben und zu klassifizieren, sagt Erika Garnier von Motivation Romania. Für Garnier, die selber im Rollstuhl sitzt, ist ICF die Voraussetzung für einen an den Fähigkeiten orientierten Umgang mit Behinderten. Anderseits möchte die Stiftung die Umsetzung des WHO-Berichts «International Perspectives on Spinal Cord Injury» (IPSCI) in Rumänien vorbereiten. Er hat zum Ziel, Informationen über Rückenmarksverletzungen zu sammeln, damit auf dieser Basis eine Empfehlung für das weitere Vorgehen abgegeben werden kann.

Zusammen mit der Paraplegiker-Stiftung in Nottwil hat Motivation Romania ein Projekt gestartet, das Personen in Rumänien, die beruflich mit Behinderten zu tun haben, mit ICF und IPSCI vertraut macht. Die Schweiz unterstützt das Projekt mit 250'000 Franken. phh

Schweizer Erweiterungsbeitrag

Mit dem Ja zum Osthilfegesetz hat das Schweizer Stimmvolk im November 2006 auch den Erweiterungsbeitrag an die neuen EU-Staaten im Grundsatz genehmigt. Seither hat das Parlament dafür rund 1,3 Milliarden Franken gesprochen. Den Löwenanteil macht die sogenannte Kohäsionsmilliarde aus für die 10 Staaten, die 2004 der EU beigetreten sind. 257 Millionen Franken werden Rumänien und Bulgarien zur Verfügung gestellt, die seit 2007 zur EU gehören. Weitere 45 Millionen Franken sind für Kroatien vorgesehen, das 2013 in die EU aufgenommen wurde.

Mit dem Erweiterungsbeitrag unterstützt die Schweiz den Abbau von wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten innerhalb der EU. Die damit finanzierten Projekte sollen konkret das Wirtschaftswachstum fördern, die soziale Sicherheit erhöhen, die Umwelt schützen und die Zivilgesellschaft stärken. Die Projektvorschläge werden von den einzelnen Ländern eingereicht und danach von der Schweiz geprüft und bewilligt.

Der Erweiterungsbeitrag für Rumänien, das nach Bulgarien das zweitärmste Land der EU ist, beläuft sich auf 181 Millionen Franken. 30 Prozent davon sind für Projekte zur Förderung des Wirtschaftswachstums vorgesehen. 29 Prozent werden für den Umweltschutz eingesetzt. Je 12 Prozent sind für die soziale Sicherheit respektive die Stärkung der Zivilgesellschaft bestimmt. 10 Prozent fliessen in die öffentliche Sicherheit. Mit 2 Prozent wird technische Hilfe geleistet. 5 Prozent betragen die Umsetzungskosten auf Schweizer Seite.

Bis Ende 2014 mussten Projekte für diese Summe bewilligt werden. Ausgewählt wurden 200 Projekte, die in Zusammenarbeit mit rund 230 lokalen Organisationen bis 2019 umgesetzt werden. 20 Prozent des Budgets werden jeweils bei Projektbeginn von Rumänien bezahlt. Die Schweiz erstattet dieses Geld erst zurück, nachdem die Fortschritte überprüft worden sind. Bisher hat sie gut 50 Millionen Franken an Rumänien überwiesen.

Im Rahmen einer vom Departement für auswärtige Angelegenheiten organisierten Pressereise konnten mehrere Projekte besucht werden. In zwei Folgen stellt diese Zeitung fünf davon vor. phh

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