Neue Bundesrätin? Amherd muss nur wollen

Als Doris Leuthard 2006 in die Landesregierung gewählt wurde, sass Viola Amherd neben ihr. Jetzt hat die Walliserin gute Chancen, ihre Nachfolge anzutreten. 

In aller Munde: Die Walliser Nationalrätin Viola Amherd erwägt eine Kandidatur für den Bundesrat. Bild: Raphael Moser

In aller Munde: Die Walliser Nationalrätin Viola Amherd erwägt eine Kandidatur für den Bundesrat. Bild: Raphael Moser

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Eigentlich hatte sich die CVP-Nationalrätin Viola Amherd (56) alles schon ziemlich gründlich ausgedacht. Den Abschied von Bundesbern im nächsten Jahr. Die Rückkehr in ihre Briger Anwaltskanzlei, in ihren Beruf. Daneben ein paar Mandate. Mehr Zeit, mehr Ruhe. Das waren ihre Pläne. Bis an diesem Donnerstag.

An jenem Tag kündigte Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) ihren Rücktritt per Ende Jahr an. Die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger gestaltet sich schwierig (Text unten). Es gibt viele im Bundeshaus, die gerne kandidieren möchten. Aber es gibt eigentlich nur einen Namen, der derzeit in aller Munde ist. Viola Amherd.

Wo Amherd jetzt hinkommt: Getuschel, gereckte Hälse, prüfende Blicke.

Mit einem Schlag ist das Bundeshaus für sie zu einem anderen Planeten geworden. Wo sie hingeht, beginnt ein Getuschel, recken sich Hälse, gibt es prüfende Blicke: Kann die das? Wäre das gut? Will sie überhaupt?


Bildstrecke: Wer kommt nach Doris Leuthard?


Andere hätten sich versteckt. Hinter den vielen Türen im Parlamentsgebäude, hinter einer vollen Agenda oder hinter gedrechselten Sätzen von Kommunikationsprofis. Viola Amherd hingegen erscheint am frühen Freitagmorgen zur verabredeten Zeit im Café Fédéral am Bundesplatz, bestellt eine Schale und beginnt dann ganz offen zu grübeln: «Ja», sagt sie. «Äbu. Isch das geschter üssacho mit der Doris Leuthard.» Und wie schade es doch sei, so eine gute Bundesrätin zu verlieren. Und dass es sie freue, dass man ihr dieses Amt zutraue. Aber wie es jetzt aussehe bei ihr? Sie wisse es halt wirklich noch nicht, werde jetzt viele Gespräche führen und sich gut überlegen müssen, «ob ich mich zur Verfügung stellen will oder eben nicht».

Viola Amherd ist eine ungewöhnliche Politikerin in einer Zeit, in der die mediale Aufmerksamkeitsspanne stetig abnimmt und die Botschaften immer knapper und aggressiver werden. Sie spricht in einem leisen Singsang. Wenn sie von sich selbst erzählt, kichert sie viel und wackelt dabei mit dem Kopf. Sie hat einen ausgeprägten Sinn für Ironie, auch das ist selten im Bundeshaus, zumal bei Politikern, die schon längere Zeit dort ein- und ausgehen.

Viola Amherd kam 2005 in den Nationalrat, sie rutschte nach für Jean-Michel Cina, der in die Walliser Regierung wechselte. Im Saal wies man ihr den Platz direkt neben Doris Leuthard zu, der damaligen CVP-Parteipräsidentin. Sie hätten sich sehr gut verstanden, erzählt Amherd. «Gestern hat Radio Rottu ein Foto vom Juni 2006 ins Internet gestellt, wie ich neben Leuthard sitze und ihr zur Wahl gratuliere.» Viola Amherd kichert und wackelt mit dem Kopf.

Wo ist der Wille zur Macht?

Trotz ihrer langen Zeit in Bern ist Viola Amherd ausserhalb des Kantons Wallis wenig bekannt. Das hat mehrere Gründe. Mit dem Kinder- und Jugendschutz ist ihr wichtigstes Anliegen medial nicht sehr ergiebig. Bei den grossen Streitthemen wie Europa, Zuwanderung, Steuern und Wirtschaftspolitik hat sie stets anderen in ihrer Partei den Vortritt gelassen. Schon seit sieben Jahren ist sie Vizepräsidentin der CVP-Fraktion, doch übt sie diese Aufgabe neben dem dominanten Filippo Lombardi sehr zurückhaltend aus. Sie wirke dort, wo Lombardi seinen Job vernachlässige, nämlich hinter den Kulissen, sagt ein CVP-Nationalrat. Wenn sie selbst über ihre inzwischen 25-jährige politische Laufbahn spricht, fragt man sich, ob es eher gut ist oder eher schlecht, wenn der unbedingte Wille zur Macht fehlt.

Viola Amherd wird 1962 in Brig geboren. Die Eltern betreiben ein florierendes Elektrogeräte-Geschäft, der Vater ist Mitglied der CVP. Die Kirche spielt keine grosse Rolle im Alltag der Familie. Während der Primarschule nimmt die Mutter Viola manchmal mit in die Messe, später kann sie selbst über den Besuch entscheiden. Der Glaube gebe ihr heute noch Halt, sagt Amherd. Sie sei aber nur eine sporadische Kirchengängerin.

Nach dem Gymnasium studiert Viola Amherd Jura in Freiburg, sie bleibt aber in Brig verwurzelt. Amherd wirkt unter anderem bei einer Frauenorganisation im Wallis mit, hilft etwa beim Aufbau einer Vermittlungsplattform für Tagesmütter. Gegen Ende des Studiums tritt der Präsident der örtlichen CVP, ein Freund des Vaters, an sie heran und überzeugt sie, dem Parteivorstand beizutreten. 1992 sucht die Partei noch eine Frau für die Wahlliste für die Briger Stadtregierung. Amherd, inzwischen Anwältin, will sich eigentlich auf den Aufbau ihrer Advokatur konzentrieren, lässt sich dann aber doch überreden – und wird gleich gewählt. Vier Jahre später steigt sie zur Vizestadtpräsidentin von Brig auf, von 2000 bis 2012 ist sie Stadtpräsidentin.


Video: Bundesrätin Doris Leuthard tritt zurück

«Wechsel sind immer mit Emotionen verbunden»: Doris Leuthard kämpft mit den Tränen während ihrer Rücktrittserklärung.


Es ist diese Erfahrung, die Amherd heute aus dem guten Dutzend Bundesratsaspiranten ihrer Partei herausragen lässt. Sie hat eine grosse Organisation geführt. Und sie konnte als Stadtpräsidentin eine weitere für die Landesregierung wertvolle Eigenschaft schärfen: den sachpolitischen Austausch mit dem Volk. Brig zählt zu den einwohnerstärksten Gemeinden der Schweiz ohne Stadtparlament. Die Stadtregierung muss jedes grössere Geschäft an einer sogenannten Urversammlung verteidigen. Das macht die Politik unberechenbar und gefährlich für die Exekutive. Amherd jedoch fand Gefallen an dieser Direktbegegnung. Nur einmal sei eines ihrer Geschäfte versenkt worden. Eine Eishalle. Bei FDP und SVP habe es geheissen, sie sei zu teuer, sagt Amherd. Später habe Brig die Halle doch noch gebaut. «Wahrscheinlich nicht wirklich günstiger, aber kleiner.»

Für die Linken und die Bergler

In Bern gilt Amherd als Vertreterin des linken CVP-Flügels. In sozial- und gesellschaftspolitischen Fragen hat sie sich mehrmals exponiert. Sie unterstützt die Stiefkindadoption für homosexuelle Paare und den Vaterschaftsurlaub. In der Wirtschafts- und Umweltpolitik befindet sie sich aber relativ klar auf Parteilinie. Kandidiert Viola Amherd, könnte sie bei den Linken und den Vertretern der Bergregionen Stimmen holen. «Sie wäre eine progressive, aber keine etatistische Bundesrätin», sagt ein Fraktionsmitglied. Wenn sie denn will.

Viele in der CVP rechnen mit einer Kandidatur. Die Signale seien relativ eindeutig, sagt ein Ständerat. Hinzu kommt: Amherds ursprünglicher Plan läuft nicht weg. Brig kann warten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.09.2018, 22:42 Uhr

Externe Juristen prüfen die Anwärter

CVP-Präsident Gerhard Pfister und Fraktionschef Filippo Lombardi sind gestern im Bundeshaus vor die Medien getreten. Sie dankten Doris Leuthard und erklärten die Suche nach ihrem Nachfolger, ihrer Nachfolgerin für eröffnet. Am Ende würden die richtigen Namen auf dem CVP-Ticket stehen, beteuerte Pfister und bemühte die Bibel. Matthäus 22, 14: «Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte.»

Ein genaues Anforderungsprofil definiert die Parteispitze nicht. Leute mit Führungsqualitäten und guten Kommunikationsfähigkeiten sollen es sein. «Doris Leuthard hat die Latte sehr hoch gelegt», sagte Pfister. Aber die Partei verfüge über geeignete Köpfe. Er geht davon aus, «dass mindestens eine Frau auf dem Ticket sein wird». Ob es ein Einer-, Zweier- oder gar Dreierticket gibt, konnte er noch nicht sagen. Er liess allerdings durchblicken: Eine Einzelkandidatur ist unwahrscheinlich.

Die Partei hat bereits eine Findungskommission eingesetzt. Deren Leitung übernimmt Filippo Lombardi. Auch Gerhard Pfister sitzt im Gremium und beendet damit wohl auch die letzten Spekulationen um seine eigenen Bundesratsambitionen. Die Kantonalparteien haben nun bis zum 25.?Oktober Zeit, ihre Kandidaten zu nominieren. Am 16. oder 17. November gibt die CVP-Bundeshausfraktion schliesslich das Ticket bekannt. Zumindest terminlich ist dieser Plan praktisch identisch mit jenem der FDP, die nach dem Rücktritt von Johann Schneider-Ammann ihrerseits einen Bundesratssitz neu zu besetzen hat.

Und es gibt weitere Gemeinsamkeiten: Wie die FDP will auch die CVP ihre Kandidierenden einer strengen Prüfung unterziehen. Hintergrund ist die Affäre um Pierre Maudet. Der Genfer FDP-Staatsrat wird der Vorteilsnahme im Zusammenhang mit einer Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate verdächtigt. Vor einem Jahr war Maudet noch Bundesratskandidat. Der Freisinn will seine Kandidaten nun von einer Prüfungskommission bestehend aus ehemaligen und aktuellen FDP-Exponenten untersuchen lassen. Die CVP geht weiter: Sie lässt ihre Hintergrundchecks von Juristen durchführen. Unter ihnen: Alt-Bundesrichter Heinz Aemisegger und die ehemalige Untersuchungsrichterin Judith Fischer.

Aemisegger und Fischer sind zwar beide in der CVP, agieren aber unabhängig von der Bundeshausfraktion. «Sie werden weitreichende Kompetenz haben und bei ihren Recherchen auch schwierige Dinge ansprechen», erklärte Pfister. Offene Fragen gibt es allerdings noch betreffend Informationsaustausch zwischen den Gremien. Finden die Juristen in der Steuererklärung eines Kandidaten Unregelmässigkeiten, so müssen sie diese zwar melden. Die Details aber sollen sie für sich behalten, um die Persönlichkeit des Kandidaten zu schützen. Ein Widerspruch? Nicht wenn es nach der Parteispitze geht. Filippo Lombardi spricht von einer «Firewall» zwischen den Experten und der Fraktion. Und Pfister erklärt: Die Kandidierenden müssten sich zurückziehen können, ohne dabei Schaden zu nehmen. (cef)

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