Sexismus ist weder nur männlich noch nur rechts

Unzählige Frauen protestieren derzeit unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei gegen Sexismus im Alltag. Die Debatte ist bitter nötig.

Mirjam Comtesse

Schweizer Frauen schreiben in den sozialen Medien unter #Schwei-zerAufschrei von ihren teilweise schockierenden Erfahrungen: Sprüche im Büro, Betatschen im Tram bis hin zu klaren Übergriffen. Viele Erzählungen machen betroffen, wie die einer Frau, die als 12-Jährige erlebte, wie der Vater einer Freundin sie belästigte.

Solche Fälle sind indiskutabel und verstossen gegen das Gesetz. Doch in der jetzt laufenden Debatte klagen unter anderen auch Politikerinnen, sie müssten sich im Bundeshaus gegen Anmachen wehren oder würden zu wenig ernst genommen. Die Zürcher SP-Nationalrätin Min Li Marti schreibt etwa auf Twitter, ein Ratskollege habe gemeint, «das Thema sei halt kompliziert, vielleicht könne mir das mein Mann später erklären». Das ist stossend. Aber eine im besten Fall schlagfertige Antwort dürfte dafür ausreichen, den Betreffenden in seine Schranken zu weisen.

Schlimmer ist Sexismus à la US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump.Er hat mit seinen viel kritisierten Bemerkungen gezeigt, wie wenig er von der körperlichen Integrität der Frauen hält. Dass die Debatte in der Schweiz aber gerade jetzt so heftig aufbricht, hat noch weitere Gründe: Bereits die Vorwürfe von sexueller Belästigung gegen den Zürcher Unia-Chef Roman Burger und der zögerliche Umgang damit haben viele Frauen vor den Kopf gestossen.

Schliesslich haben die höchst un­geschickten Aussagen der Berner SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Politikerin meinte, Frauen müssten klarer kommunizieren. Sonst bestehe die Gefahr, dass ein Vergewaltiger ungeschoren davonkomme. Viele interpretierten dies dahingehend, dass Frauen bei einer Vergewaltigung eine Mitschuld treffe.

Dass die Emotionen nun hochkochen, zeigt, dass sich zu viele Frauen schon zu oft herabgesetzt fühlten oder sogar misshandelt wurden.Als Vorbild dient der «Aufschrei» in Deutschland im Jahr 2013, der durch das sexistische Verhalten des FDP-Politikers Rainer Brüderle ausgelöst wurde. Die Diskussion schuf damals ein Bewusstsein dafür, dass anzügliche Bemerkungen in einem professionellen Umfeld nichts zu suchen haben.

Wichtig ist aber auch, dass der aktuelle Protest nicht zu einem blossen Hickhack von Frauen gegen Männer und Linken gegen Rechte verkommt. Genau das droht im Moment in den sozialen Medien zu passieren. Dabei werden auch Männer diskriminiert. Wenn sie sich beispielsweise kaum getrauen, einem Mädchen auf dem Spielplatz zu helfen, weil sie befürchten, als potenzieller Pädophiler zu gelten.

Und die Aussagen der SVP-Politikerin Andrea Geissbühler sollten nicht auf ihr Parteibuch reduziert, sondern rein inhaltlich beurteilt werden. Denn Sexismus ist weder eindeutig männlich noch eindeutig rechts. Letzteres belegt unter anderem das Beispiel bei der Unia.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt