Sein Glaube machte ihn zum Minenräumer

Tavannes

Er hat ein Minenräumfahrzeug entwickelt und verkauft das tonnenschwere Gerät in die Kriegsgebiete dieser Welt. An Profit denkt Frédéric Guerne in Tavannes dabei nicht. Sein Antrieb ist der christliche Dienst am Nächsten.

Frédéric Guerne bändigt «das Biest»: Der Bernjurassier ist der geistige Vater des Minenräumfahrzeugs «Digger» D-250.

Frédéric Guerne bändigt «das Biest»: Der Bernjurassier ist der geistige Vater des Minenräumfahrzeugs «Digger» D-250.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Er sieht irgendwie aus wie eine jener grell heulenden Putzmaschinen auf den Strassen der zivilisierten Städte. Nur ist der «Digger» nicht für das Luxusproblem klinisch cleaner Quartiersträsschen gedacht, sondern für den Einsatz gegen einen heimtückischen Tod: gegen die hinterhältige Explosion einer Personenmine.

Tonnenschweres Ungetüm

Noch steht der D-250, das jüngste Modell der «Digger»-Serie, in einer Garage des ehemaligen Zeughauses von Tavannes. Ein wahres Ungetüm aus dickem, sorgfältig von Hand zusammengeschweisstem Stahl, das selbst Panzerminen unbeschädigt zur Explosion bringen kann: sechs Meter lang, 11,8 Tonnen schwer, 250 PS stark, von massiven Ketten angetrieben wie ein Panzer.

Gegen unten ist das Chassis einem Schiffsrumpf ähnlich v-förmig gebogen, damit die Druckwelle einer Minenexplosion seitlich entweicht. Vorne quer am «Bug» wird ein hydraulisch gesteuerter Vorbau angehängt, zwei Motoren lassen die «Flegel» um eine Achse rotieren.

Mit 800 Umdrehungen pro Minute fressen sich die Hämmer durch dichtes, bis zu vier Meter hohes Gehölz oder pflügen sich bis zu 25 Zentimeter tief durch den Boden. Ferngesteuert aus sicherer Distanz. In drei Monaten ist ein «Digger» zusammengebaut. Kostenpunkt: eine halbe Million Franken.

«La bête», das Biest, nennt Frédéric Guerne den stählernen Lebensretter. «Das ist Schweizer Qualität», freut sich der geistige Vater des unförmigen Kolosses. Ende August wird der D-250 nach Bosnien ausgeliefert. Dorthin, wo das Jahrhunderthochwasser vom vergangenen Mai alte Minen des Jugoslawien-Krieges freigelegt und weggespült hat. Was erneut zur akuten, tödlichen Gefahr für die Bevölkerung geworden ist.

Wenn Frédéric Guerne, äusserlich ein Leichtgewicht mit eher linkischem Auftreten, vom tonnenschweren «Digger» erzählt, ist Enthusiasmus pur spürbar. Die Begeisterung ist ungebremst für das, was der 45-Jährige und die rund 20 Angestellten der Stiftung zu bescheidenem Lohn, aber gutem Groove täglich tun.

Kritik am Geschäft

Ein bis zwei Maschinen verkauft das «Digger»-Team pro Jahr. «Das ist viel zu wenig», räumt Guerne ein. Und bestätigt die Kritik eines Hansjörg Eberle, Direktor der Schweizer Stiftung für Minenräumung, «zu viel in die Entwicklung neuer Modelle zu investieren und zu wenig in die serielle Herstellung eines marktfähigen Produktes». Guerne ist sich seiner unternehmerischen Schwäche sehr wohl bewusst, spricht von «klassischen Fehlern eines Ingenieurs in der Rolle des Direktors» und versichert: «Das wurde korrigiert.»

Seine berufliche Herkunft als begeisterter Ingenieur verleugnet er keineswegs. Und steht zu seiner Geschichte, die schon in der frühen Kindheit mit einem eigenwilligen Hobby begann: mit Zündeln und Bubele. Als Kind habe er nur eine Leidenschaft gekannt, berichtet Frédéric Guerne: «Alles, was explodierte.»

Er bastelte Feuerwerkzeug, das er in vermeintlichen Tarnanzügen durch die Wälder streifend zur Explosion brachte – rudimentär geschützt mit einer behelfsmässigen Gasmaske. Er verminte die Böden mit Knallfröschen und bastelte Waffen, die er sogleich im seinem Zimmer austestete. Im Alter von 6 Jahren verlor er beinahe sein linkes Auge beim Spiel mit Pfeil und Bogen.

Es war dann aber doch ein Bubenstreich, der sein Leben radikal verändern sollte. Nachdem eines Nachts diverse Strassenlampen von Tramelan heruntergeschossen worden waren, fiel der Verdacht bald einmal auf den schiessbegeisterten Frédéric.

Der Weg zum Glauben

Doch es dauerte einen Monat, bis ein Polizist in der Schule auftauchte und den Täter aus dem Klassenzimmer holte. Dieser Monat der Ungewissheit und des schlechten Gewissens sollte für den 14-jährigen Jüngling zum Kernerlebnis werden. «Da habe ich nicht gut geschlafen», gesteht Guerne. Und beschloss eines Tages, sich in diesem Dilemma an Gott zu wenden.

In der Lehre traf er dann auf einen Freund, der bei der Heilsarmee mitmachte, und entdeckte in stundenlangen Gesprächen mit ihm die Bibel und das Christentum. Guerne wurde aktives Mitglied einer christlichen Jugendgruppe, lernte dort auch seine Frau Béatrice kennen.

Und doch: «Die Leidenschaft für Explosives ist geblieben.» Als ihm ein Arbeitskollege, der Vietnam bereist hatte, dann von den dortigen Minenfeldern erzählte, war sein altes Feuer neu entfacht. Es war in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre, als ein Professor der ETH Lausanne einen Minenroboter entwickeln wollte und dafür ein Team junger Forscher und Ingenieure brauchte.

Frédéric Guerne zögerte keinen Moment, übernahm die Teamleitung und zügelte mit seiner jungen Familie ins Waadtland: Seine Idealvorstellung eines Einklangs zwischen Berufung und Beruf sollte möglich werden. «Ich will, dass mein Leben zu etwas dient», sagt Guerne, «die Übereinstimmung zwischen meinem spirituellen und meinem beruflichen Leben ist für mich extrem wichtig.»

Doch bis der «Digger» D-250, die vierte Generation des Antiminenbaggers, jetzt vor dem Rollout steht, waren 16 Jahre mühsamer Entwicklungsarbeit nötig. Und viel Durchhaltewille und Stehvermögen – Eigenschaften, die Frédéric Guerne von seinem Vater mitbekommen hat. Seine Eltern waren einfache Fabrikarbeiter.

Sein Vater war zudem ein talentierter Boxer, hatte es sogar bis zum Schweizer Meister gebracht. Was den Buben mit unendlich viel Stolz erfüllte, ebenfalls zum Boxen animierte und zu einer zentralen Berufseinstellung bringen sollte: über die Runden zu kommen. Die von minenverseuchten Feldern bedrohte Bevölkerung in Bosnien wird ihm dies vielleicht einmal verdanken.

Berner Zeitung

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