Seeland-Bauern planen ein Treibhaus der Superlative

86 Bauern aus der Region Murtensee wollen auf einer Fläche von 80 Hektaren das mit Abstand grösste Treibhaus der Schweiz bauen. Die Schweiz müsste so weniger Gemüse importieren.

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Das Vorhaben von 86 Bauern aus dem Berner und Freiburger Seeland wird für Diskussionen sorgen: Sie wollen als Genossenschaft Gemüseerzeuger Seeland (GES) zusammen mit der landwirtschaftlichen Vermarktungsorganisation Fenaco ein Treibhaus der Superlative bauen, 80 Hektaren gross. Das zeigen Nachforschungen dieser Zeitung.

Es wäre das mit Abstand grösste Gewächshaus der Schweiz. 80 Hektaren entsprechen 110 Fussballfeldern oder dem Land von vier durchschnittlichen Bauernhöfen. Angrenzend soll auf 20 Hektaren ein Verarbeitungs- und Logistikzentrum gebaut werden. Bis jetzt haben die Seeländer das Projekt nicht öffentlich vorgestellt.

Hinter den Kulissen weibeln sie bei den Behörden aber seit einem Jahr für ihre Vision. GES-Geschäftsführer Sam Zurbrügg erklärt: «Mit dem Projekt reagieren wir auf den Preisdruck auf dem Gemüsemarkt». Ein ähnliches Projekt verfolgt die Migros: Sie will in den Gemüseanbau einsteigen und ­Peperoni anbauen. Deshalb plant sie im Wallis auf 20 Hektaren ebenfalls ein grosses Gewächshaus.

Kontroverse ums Glasdach

Es gibt aber ein Problem, im Seeland wie im Wallis: Der Bau von Gewächshausplantagen, wie sie in der EU gang und gäbe sind, ist hierzulande wegen einer Bundesvorschrift stark beschränkt, vielerorts praktisch unmöglich. Die Migros kämpft seit drei Jahren für die Bewilligung ihres Gewächshausprojektes. Wegen des Bewilligungsverfahrens komme es zu Verzögerungen, sagt Migros-Sprecher Tristan Cerf.

Vieles spricht dafür, dass beide Projekte eine Utopie bleiben. Das Problem ist, etwas salopp gesagt, das folgende: Land, auf dem grosse, fest verankerte Gewächshäuser stehen, gilt in der Regel nicht mehr als sogenannte Frucht­folgefläche. Fruchtfolgeflächen sind, gesetzlich definiert, wertvolles Ackerland zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit in Krisenzeiten.

Der Bund verlangt, dass jeder Kanton eine ­bestimmte Anzahl Hektaren Fruchtfolgeflächen ausweist. Etliche Kantone haben nur wenig mehr Fruchtfolgeflächen, als der Bund ihnen vorschreibt. Die Folge: Die Kantone sind nicht bereit, diese Reserven für Gewächshäuser herzugeben. Sie brauchen sie für Infrastrukturen, zum Beispiel die Verbreiterung von Strassen und Autobahnen.

Gewächshaus oder Import?

Man kann den Gemüsebau in geheizten Gewächshäusern gut finden oder nicht. Und man kann für oder gegen Hors-sol-Gemüse sein. Fakt ist: Wenn die dafür notwendigen Gewächshäuser im Inland nicht gebaut werden dürfen, wird das Gemüse auf weiten Wegen aus dem Ausland importiert, wo es oft unter zweifelhaften Bedingungen und oft ebenfalls in Gewächshäusern angebaut wurde.

Das gilt etwa für Peperoni, Tomaten oder Gurken. Peperoni sind das in der Schweiz am drittmeisten konsumierte Gemüse. Bis heute werden 97 Prozent der in der Schweiz verkauften Peperoni aus dem Ausland eingeführt. Genau das will die Migros mit ihrem Projekt im Wallis ändern: «Gemüse, das bisher importiert wurde, soll zukünftig weitgehend CO2-neutral in der Schweiz ­produziert werden», sagt Migros-Sprecher Cerf.

Das Migros-Gewächshaus soll mit der Abwärme einer Kehricht­verbrennungs­anlage geheizt werden. Auch GES-Geschäftsführer Zurbrügg verspricht im Hinblick auf das Seeland-Treibhaus: «Wir werden den Energieverbrauch pro Kilo Gemüse senken und die benötigte Energie CO2-neutral gewinnen.»

Trotzdem stehen die Chancen für eine Bewilligung schlecht. Die Seeländer haben ihr Projekt dem Berner Justizdirektor Christoph Neuhaus vorgestellt. Sein wenig ermutigender Kommentar: Er persönlich stehe dem Gewächshausprojekt zwar positiv gegenüber, weil es visionär sei. «Es gibt aber Stolpersteine.»

«Kann der Kanton Hand bieten und für das Gewächshaus im Seeland seine knappen Reserven einsetzen?»Christoph Neuhaus

Praktisch ­alle landwirtschaftlichen Parzellen im Seeland seien sogenannte Fruchtfolgeflächen. Der Kanton müsse insgesamt 82 200 Hektaren Fruchtfolgeflächen vorweisen. Derzeit habe er nur noch gerade 300 Hektaren in Reserve. Neuhaus fragt quasi rhetorisch: «Kann der Kanton Hand bieten und für das Gewächshaus im ­Seeland seine knappen Reserven einsetzen?»

Bauernland ohne Gemüse?

Der Anbau etlicher Gemüsearten wie Gurken und Tomaten lohnt sich in der Schweiz im Freiland nicht oder funktioniert aus klimatischen Gründen schlecht.

Um den Gemüsebedarf der Schweizer zu decken, gibt es bis heute viel zu wenig Treibhäuser: 45 Prozent des Gemüses in den Regalen der Schweizer Läden werden importiert, vor allem aus Italien, Spanien und den Niederlanden.

Politik und Behörden müssen in Anbetracht von Gewächshausprojekten wie jenen im Seeland und im Wallis entscheiden: Soll in Zukunft mehr Gemüse in Schweizer Treibhäusern produziert werden, oder sollen die für Treibhäuser notwendigen wertvollen Ackerböden für Krisen­zeiten freigehalten werden?

Die Bundesbehörden argumentieren, dass beim Bau von festen Treibhäusern mit Fundamenten und insbesondere bei Gewächshäusern für Hors-sol-Produktion die Bodenqualität verloren gehe, weil sich die Böden unter den ­Gewächshäusern verfestigten und Mikroorganismen im Boden abstürben.

Die Diskussion läuft seit mehreren Jahren. Eine Kompromisslösung war schon in Griffnähe, eine Formulierung im Entwurf zur Revision des Raumplanungsgesetzes. Der Entwurf sah vor, dass Land, auf welchem Gewächshäuser gebaut werden, weiterhin zu den Fruchtfolgeflächen zählt, sofern der Rückbau und die Rekultivierung des Bodens als Fruchtfolgefläche sichergestellt sind.

Die Passage schaffte es allerdings nicht in die definitive Fassung des Gesetzes. Zu gross waren die Befürchtungen der Beamten und Wissenschaftler, dass der Boden unter dem Treibhaus letztlich eben doch zerstört ­werde.

«Absurd»

Für Gemüseproduzenten ist die Argumentation unverständlich. Beat Bösiger aus Niederbipp im Oberaargau, Vorzeigebauer und einer der grössten Gemüseproduzenten im Mittelland, ärgert sich: Sinn der Fruchtfolgeflächen sei ja, «die Versorgungsbasis des Landes zu erhalten».

Dass nun ausgerechnet Gewächshäuser, die pro Quadratmeter viel mehr Ertrag abwerfen, nicht als Fruchtfolgeflächen gelten, sei absurd. «Wird auf einem Stück Land ein Treibhaus gebaut, bedeutet das eine Verbesserung der Ernährungssicherheit», sagt er. Bösiger baut in seinen Gewächshäusern auf einer Fläche von 15 Hektaren Tomaten, Gurken und Salate an.

Viel weniger Pestizide

Eine Hoffnung bleibt den Seeländern: Sie bauen auf den Support der lokalen Behörden. Der Gemeinderat der Seeländer Gemeinde Ins setzt sich aktiv für das Treibhausprojekt ein – allen voran Vizegemeindepräsident Peter Thomet.

Die Gemeinde Ins unterstützt die Pläne der Bauern: Der Vizepräsident und der Präsident der Gemeinde, Peter Thomet (links) und Kurt Stucki. Bild: Iris Andermatt

Thomet ist pensionierter Ingenieuragronom und sieht in einem grossflächigen Gewächshaus im Seeland nur Vorteile: «Ein solches Gewächshausprojekt ist volkswirtschaftlich wichtig und bringt dem Kanton Bern eine hohe Wertschöpfung.»

«Im Gewächshaus braucht man viel weniger Pestizide, weil man Schäd­linge biologisch bekämpfen kann.»

Peter Thomet

Der Boden sei im Treibhaus viel effizienter genutzt als bei Aussenkulturen. Die Erträge pro Quadratmeter seien drei- bis viermal höher. Dabei brauche man erst noch viel weniger Pestizide, weil man Schädlinge im Treibhaus biologisch bekämpfen könne. Für Thomet ist klar, dass der Kanton Bern das Projekt mit mehr Weitsicht unterstützen müsste. «Es wäre für mich unverständlich, wenn Bern die Weiterentwicklung eines so wichtigen Produktionszweiges verschlafen würde.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.09.2017, 11:24 Uhr

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