Schweizer Bauern haben immer mehr ausländische Angestellte

Die Initiative für Ernährungssouveränität verlangt, dass der Bund mehr Jobs für Bauern schafft. In einem Bereich ist dies längst der Fall.

Das soziale Gefüge auf Schweizer Bauernhöfen verändert sich. Infografiken: Klaudia Meisterhans

Das soziale Gefüge auf Schweizer Bauernhöfen verändert sich. Infografiken: Klaudia Meisterhans

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Die Zahlen sind eindrücklich: 100'000 Personen weniger sind heute in der Landwirtschaft beschäftigt als vor einem Vierteljahrhundert. Total sind es noch rund 154'000 Personen oder jeder 33. Beschäftigte in der Schweiz. Das ist der Hintergrund, vor dem mit der Initiative für Ernährungssouveränität in die Verfassung geschrieben werden soll, dass der Bund für mehr Beschäftigte in der Landwirtschaft zu sorgen hat. Am 23. September wird darüber abgestimmt.

Wer jedoch die Beschäftigungszahlen genauer anschaut, stellt fest, dass bei weitem nicht in allen Bereichen der Landwirtschaft abgebaut wird. Betroffen sind vor allem die Bauernfamilien selber. Im gleichen Tempo, in dem Höfe aufgegeben werden, geht auch die Zahl der familieneigenen Beschäftigten zurück: Knapp 120'000 waren es 2017 noch. Über 20000 weniger als zehn Jahre zuvor.

Der Ausländeranteil steigt

Auf der anderen Seite wächst die Zahl der familienfremden Angestellten. Vor allem jene aus dem Ausland. Gut 17000 Ausländer auf Schweizer Bauernhöfen zählte das Bundesamt für Statistik 2017. Ein Drittel mehr als vor zehn Jahren. Die Schweizer ­Bauern nutzen die Personenfreizügigkeit mit der EU. In der Deutschschweiz werden vor allem Polen angestellt, in der Westschweiz und dem Tessin Portugiesen. Die Zahl der Schweizer Angestellten (knapp 17000) ging dagegen in den letzten zehn Jahren leicht zurück.

Vermutlich arbeiten noch mehr ausländische Beschäftigte in der Landwirtschaft. Die offiziellen Zahlen seien tendenziell zu tief, sagt Arthur Zesiger, der Zuständige beim Bundesamt für Statistik. Die Mehrheit der Angestellten arbeitet saisonal. Die Bauern melden sie jeweils per Ende Januar. Erfasst werden Personen, die mindestens einen Monat auf einem Hof tätig waren. Durch die saisonalen Unterschiede sind gemäss Zesiger viele Erntehelfer in der Statistik gar nicht enthalten.

Darauf deuten auch die Daten von Agristat hin. Der statistische Dienst des Bauernverbandes ­erfasst alle fünf Jahre mit einer repräsentativen Stichprobe die Arbeitssituation der familienfremden Angestellten. Bei der letzten Stichprobe 2014 stammten 27 Prozent der Angestellten aus der Schweiz. Zehn Jahre zuvor waren es noch 47 Prozent.

«Die Betriebe in der Schweiz werden grösser oder intensiver. Dadurch benötigen die Bauern mehr fremdes Personal als früher.» Arthur Zesiger, Bundesamt für Statistik

Es gibt zwar immer weniger Bauernhöfe. Der Output der Schweizer Landwirtschaft nimmt aber nicht ab. Die inländische Nahrungsmittelproduktion ist seit Jahrzehnten konstant. Und auch die landwirtschaftlich genutzte Fläche geht nur langsam zurück – um etwas mehr als ein Prozent in den letzten zehn Jahren. Das ist der Grund für die steigende Zahl von Angestellten in der Landwirtschaft: «Die Betriebe in der Schweiz werden grösser oder intensiver», sagt ­Zesiger. «Dadurch benötigen die Bauern mehr fremdes Personal als früher.» Hatte ein hauptberuflich geführter Hof 1990 im Schnitt eine Fläche von 15 Hektaren, sind es heute 25 Hektaren.

Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes, weist allerdings darauf hin, dass fremdes Personal nicht überall in der Landwirtschaft gleich stark eingesetzt werde: Der Gemüseanbau sei zum Beispiel ein Bereich, in dem die Wertschöpfung vergleichsweise hoch sei und es sich die Bauern leisten könnten, Personal einzustellen. Anders die Situation in der Milchwirtschaft: Dort sei die Wertschöpfung so tief, dass kaum ein Betrieb sich Angestellte leisten könne, sagt Ritter. Auch dann nicht, wenn die Betriebe grösser würden.

Höhere Preise sollen helfen

Der kleinen Bauernorganisation Uniterre, die hinter der Initiative für Ernährungssouveränität steht, passt diese Entwicklung nicht. Sie hat die Vision einer lokal verankerten Landwirtschaft, in der sich Konsumenten und Produzenten nahestehen. «Wir wollen keine Landwirtschaft wie zu Gotthelfs Zeiten. Aber es ist ein Fakt, dass kleinere und diversifizierte Betriebe krisenresistenter sind», sagt Mathias Stalder, Sekretär von Uniterre.

Der viel grössere Bauernverband unterstützt die Initiative nicht. Er hat Stimmfreigabe beschlossen. Wenn es um den Schutz der Bauernfamilien geht, tönt es jedoch nicht viel anders als bei Uniterre. «Wir wollen keine Landwirtschaft, die am Ende noch aus wenigen Tausend Grossbetrieben besteht», sagt Markus Ritter. Von einer Erhöhung der Beschäftigtenzahl spricht beim Bauernverband niemand. Ritter will aber den Abbau beschränken: Mindestens 43000 Betriebe sollen erhalten bleiben, das ist das langfristige Ziel seines Verbandes. Heute sind es noch knapp 52000 Betriebe.

Für den Erhalt der traditionellen Familienbetriebe sorgen sollen gemäss Uniterre und dem Bauernverband höhere Lebensmittelpreise. «Es braucht faire Einkommen für die Bauern. Die Preise, die die Nahrungsmittelproduzenten heute erhalten, sind zu tief», sagt Stalder. «Die Landwirte müssen ihre Kosten decken können und ein vergleichbares Einkommen erzielen», sagt Ritter. Uniterre will zusätzlich auf mehr Direktvermarktung setzen. Sie müsse gefördert werden, sagt Stalder. Mit Direktvermarktung sei für die Bauern eine höhere Wertschöpfung möglich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 22:13 Uhr

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