Schweinegrippe: «Der Bund hielt die Bürger für dumm»

Heute vor einem Jahr wurde der erste Schweinegrippefall bekannt. Der Immunologe Beda Stadler erklärt, warum auch er unnötige Panik geschürt hat. Viel härter geht er mit dem Verhalten der Behörde ins Gericht.

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Herr Stadler, vor einem Jahr sahen auch Sie mit der Schweinegrippe eine schreckliche Krankheit mit Tausenden von Toten auf die Schweiz zu rollen.
Beda Stadler: Ja, das stimmt, in den ersten Wochen nach Ausbruch in Mexiko hatte auch ich Angst.

Warum irrten sich so viele?
Viele Wissenschaftler, auch ich, hatten die furchtbare Vogelgrippe von 1918 im Kopf. Wir gingen von diesem Ereignis aus, das Millionen von Toten gefordert hatte. Vor diesem Hintergrund haben wir Immunologen uns zu wenig kritisch gefragt, ob eine solche Epidemie heute überhaupt noch möglich ist.

Wie sehen Sie es heute?
Ich habe meine Meinung schon wenige Wochen nach dem Ausbruch der Schweinegrippe geändert und dies auch kundgetan.

Was machte Sie so sicher?
Es liess sich schnell belegen, dass die Ausbreitungsrate nie so gross war wie befürchtet.

Es dürfte Sie freuen, dass Sie viel früher als das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erkannten, dass die Schweinegrippehysterie unbegründet war.
Nein, freuen tut mich das nicht. Beim BAG war leider der fast blinde Glaube an theoretische Computermodelle grösser als die Zahlen und die Fakten, die das Center for Disease Control lieferte. Es führt die internationale Verbreitungsstatistik.

Das ist harte Kritik am BAG.
Ja, was es gemacht hat, war ein Trauerspiel. Man kann es nicht anders sagen. Es lagen wie gesagt schon sehr früh Zahlen vor, die belegten, dass die Schweinegrippe kein so grosses Problem ist. Statt dies so zu kommunizieren, hat das BAG durch seine Kommunikation die Hysterie noch verschärft.

Das BAG hat aber regelmässig nüchterne Zahlen und Prognosen publiziert.
Viele Zahlen waren zwar richtig, aber so unpräzise kommuniziert, dass sie zu krassen Fehlinterpretationen führten.

Zum Beispiel?
Im denkbar dümmsten Moment hat das BAG zum Beispiel prognostiziert, dass in der Schweiz mit bis zu zwei Millionen Angesteckten zu rechnen sei. Damit hat es für Hysterie gesorgt. Der grosse Fehler dabei: Es hat nie gesagt, in welchem Zeitraum diese zwei Millionen Ansteckungen geschehen könnten. Genau das wäre aber der entscheidende Punkt gewesen: Wenn sich nämlich zwei Millionen verteilt auf ein ganzes Jahr anstecken, ist das überhaupt kein Problem.

Aber?
Wenn hingegen zwei Millionen Menschen gleichzeitig wegen Schweinegrippe im Bett liegen, ist es etwas ganz anderes. Dann wäre die Wirtschaft lahmgelegt. Sehr viele haben die Aussage des BAG so interpretiert und sind der Hysterie verfallen. Wenn das BAG tatsächlich jene zweite Version gemeint hat, dann ist es aber einem krassen Rechnungsfehler unterlegen.

Inwiefern?
Es gibt in der Schweiz schlicht zu wenig Menschen für ein solches Szenario. Zum Zeitpunkt der grössten Ausbreitung müssen ja sehr viele, welche die Ansteckung weitergegeben haben, bereits wieder gesund sein. Aufgrund dieser Tatsache lässt sich berechnen, dass gar nie zwei Millionen Menschen auf einmal an der Schweinegrippe erkranken können. Das ist ein unumstösslicher Fakt.

Was ist Ihr Fazit heute?
Offenbar hat die Behörde sehr lange Angst, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie Fehlprognosen eingesteht. Damit hat sie aber das Gegenteil erreicht: Sie hat so ihrer Glaubwürdigkeit stark geschadet. Wie sehr die Glaubwürdigkeit der Behörde gelitten hat, zeigt schon die tiefe Impfquote.

Sie war so tief, weil der Höhepunkt der Pandemie bei der Auslieferung der Impfdosen bereits überschritten war, oder?
Das bezweifle ich stark. Am Anfang hat die Behörde zwar richtig reagiert. Sie hat schnell eine Menge bestellt, die an und für sich für die Schweiz nötig gewesen wäre. Als dann die Impfungen aber eintrafen, war der Höhepunkt der Grippe bereits vorbei. Deshalb hätte man ab diesem Zeitpunkt ganz anders kommunizieren müssen.

Wie denn?
Ich habe damals gesagt, die Gefahr der ersten Grippewelle ist gebannt, aber impft euch doch trotzdem. Denn das kann sich als Vorteil für das nächste Jahr erweisen. Weil das BAG aber auch hier unglaubwürdig kommuniziert hat, haben die Leute die Empfehlungen nicht ernst genommen.

Und wie sinnvoll waren die Desinfektionsbehälter, die zu Tausenden aufgestellt wurden?
Diese Behälter wie auch die Flyer mit den Verhaltensregeln schiessen ebenso am Ziel vorbei. Sie zeigen, dass das BAG den Bürger für dumm hält. Desinfektion nützt nur in ganz wenigen Fällen, zumal Viren auf der Haut nach kürzester Zeit sowieso absterben. Ähnlich ist es mit diesen übertrieben einfach dargestellten Verhaltensregeln auf den Flyern. Solche Regeln wären nur dann sinnvoll, wenn dem Anwender erklärt wird, warum es diese Regeln gibt. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, zu erklären, was eine Tröpfcheninfektion ist.

Blieb dem BAG mehr, als zu tun , was Gesundheitsbehörden andrer Länder auch taten?
In einigen Ländern hat die Behörde zweifellos noch extremer reagiert. Das BAG hatte ein weiteres Dilemma: Sie wollte einerseits die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation einhalten und zugleich das machen, was für die Verhältnisse im eigenen Land vernünftig wäre. Genau diese Mischung ist aber gefährlich. Das BAG hätte den Mut haben sollen, auf für die Schweiz geltenden Fakten abzustellen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.04.2010, 07:27 Uhr

Was die Behörde in Sachen Schweinegrippe getan habe, sei ein Trauerspiel, resümiert der Berner Immunologe Beda Stadler ein Jahr nach Ausbruch der Grippe. Er räumt aber auch einen Irrtum ein. (Bild: Adriana Bella)

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