Ruedi Noser ist für die Zürcher FDP ein Gewinn

Der Zürcher Freisinn schickt mit Ruedi Noser einen kantigen Unternehmer mit alpinem Wurzelwerk in den Kampf um seinen prestigeträchtigen Ständeratssitz.

In der FDP steht er mal weiter rechts, mal weiter links, in der Summe also genau in ???der Mitte: Ruedi Noser, Kandidat des Zürcher Freisinns für den Ständerat.

In der FDP steht er mal weiter rechts, mal weiter links, in der Summe also genau in ???der Mitte: Ruedi Noser, Kandidat des Zürcher Freisinns für den Ständerat.

(Bild: Keystone)

Acht Firmen mit 500 Angestellten dirigiert Ruedi Noser als Alleininhaber von seinem Hauptsitz in Zürich-Altstetten aus. Sie entwickeln Software für die Bedürfnisse unterschiedlicher Branchen. Manche erzielen Gewinne, andere Verluste. Insgesamt resultierte 2013 ein Gewinn von sieben Millionen Franken. Eine der Firmen heisst Noser Young Professionals und bildete 2013 nicht weniger als 37 Lernende aus. Innerhalb der Noser-Gruppe geniesst sie den Status einer Non-Profit-Organisation. Ihre Mittel muss sie sich selbst erarbeiten, indem sie intern und extern Dienstleistungen etwa für die Weiterbildung anbietet.

Das Firmenkonglomerat passt gut zu seinem Chef. Ruedi Noser hat viele Facetten. Seit 1999 ist er auch Politiker. Seit 2003 Nationalrat. Mal gewinnt er, mal verliert er. Er scheut das Risiko nicht und kalkuliert das Scheitern mit ein. Ein beträchtlicher Teil seines Engagements gilt der Ausbildung – auch der eigenen. Seine Mittel hat er sich selbst erarbeitet. Politik ist für ihn nicht Lebensunterhalt, sondern ein Non-Profit-Geschäft. Dafür ist er unabhängig. «Total unabhängig», wie er mit Nachdruck betont. Innerhalb der FDP steht er mal weiter rechts, mal weiter links, in der Summe genau in der Mitte. In seiner Zeit als Vizepräsident an der Seite von Fulvio Pelli strapazierte er die FDP mit ungefilterter Kritik und Reformvorschlägen. «Ruedi hat zu wenig Geduld», sagte Pelli, als er 2009 nach Differenzen zurücktrat.

Unter grossem Druck

Insgesamt ist der unberechenbare Ruedi Noser auch für seine Partei ein Gewinn. Jetzt haben ihm die Zürcher Freisinnigen ihre heikelste politische Mission im Wahljahr 2015 anvertraut. Er soll den prestigeträchtigen Ständeratssitz verteidigen. Gelingt es ihm nicht, ist die einst allmächtige Partei in ihrem Innersten getroffen.

Der Druck ist gross. Daniel Jositsch wird für die SP antreten. Bei der SVP und den Grünen bringen sich bekannte Köpfe in Stellung. Verena Diener von den Grünliberalen, die den anderen Zürcher Ständeratssitz innehat, hat eben erklärt, dass sie nicht mehr zur Wiederwahl antritt. Möglich ist also vieles im kommenden Herbst.

Entwaffnend offen

Ruedi Noser langweilen Fragen zu seiner Befindlichkeit. Hat er das Scheitern seiner Bundesratskandidatur 2010 überwunden? Hat er Angst, diesen Herbst zu verlieren? Eine Nichtwahl sei immer eine Enttäuschung, sagt er. Es klingt, als spulte er den Satz ab, um nicht überheblich zu wirken. Viel bestimmter tönt es, wenn er sagt: «Ich denke immer in Varianten. Ich habe Alternativen. Ich hadere nicht mit der Vergangenheit – wenn schon, lerne ich daraus.»

Überheblich wirkt der 53-jährige Glarner, der seit 38 Jahren in Zürich lebt, tatsächlich zuweilen. Wenn er in der Wandelhalle des Bundeshauses an einem Tisch mit Lobbyisten sitzt und gelangweilt an die Decke starrt. Einigen Ratskollegen gilt er als umgänglicher Typ mit einem Hang zu Besserwisserei und Schnoddrigkeit. SP-Linksaussen Susanne Leutenegger Oberholzer bezeichnete ihn kürzlich in der NZZ als «Sphinx».

«Es stimmt, dass es mir an Geduld mangelt, wenn ich merke, dass meine Gesprächspartner nicht gut informiert sind», sagt Noser. «Aber wenn jemand mit substanziellen Argumenten kommt, dann lasse ich mich auf jede Diskussion ein.» Zum Politbetrieb hält Noser Distanz. Aber arrogant ist er nicht. Im Gegenteil: von geradezu entwaffnender Offenheit. Auf die Frage, was in seinem Leben denn angesichts seiner Engagements unter die Räder kommt, antwortet er: «Die ehrliche Antwort lautet: die Familie.»

Im Sommer zog er mit dieser Familie, seiner Frau und den vier Kindern, die heute zwischen 10 und 15 Jahre alt sind, in die Romandie, um Französisch zu lernen. Dem Legastheniker, auch das hat er nie verheimlicht, bereitet die Rechtschreibung bis heute Mühe. «Trotzdem bekam ich in diesem Land meine Chance und konnte Erfolg haben», sagt Noser. «Deshalb und weil ich will, dass das auch für meine Kinder so bleibt, mache ich Politik.»

Gedanklich in der Zukunft

Politik betreibt er während rund 70 Prozent seiner Arbeitszeit. «Die andern 70 Prozent bin ich Unternehmer», ergänzt er mit sarkastischem Unterton. Für das politische Geschäft leistet er sich einen persönlichen Mitarbeiter, den er aus der eigenen Tasche bezahlt. Sein bekanntestes Anliegen ist der Innovationspark auf dem ehemaligen Flugplatz Dübendorf. Für dieses Projekt will er jetzt sein Pensum in der Firma reduzieren. Zudem hat er damit begonnen, Golf zu spielen, «weil ich etwas Sport betreiben sollte».

Gleichzeitig wehrt er sich dagegen, dass seine Leistung auf das Dübendorfer Projekt reduziert wird. «Die wichtigen Dinge passieren in der Politik lange bevor sie auf dem Radar der Medien auftauchen», sagt er.

Er nehme für sich in Anspruch, bei den neuen Regelungen für den automatischen Informationsaustausch oder die Unternehmenssteuerreform massgeblich mitgewirkt zu haben. Diese Themen seien ihm wichtig, weil sie für Zürich mit seinen 200'000 Arbeitsplätzen im Bankensektor wichtig seien. Noser ist auf Themen fokussiert, von denen er etwas versteht. Zu Bankgeheimnis und Informationsaustausch hat er sich schon vor Jahren ein eigenes Strategiepapier erarbeitet. Als die Nationalbank die Untergrenze für den Franken aufhob, schwieg er zunächst einen Tag, um nachzudenken. Jetzt sagt er: «Ich halte den Entscheid für richtig. Aber besser wäre es gewesen, den Mindestkurs im letzten Sommer aufzuheben und nicht erst jetzt aus der Angst heraus.»

Klar und deutlich

Ruedi Noser kann auch schroff sein. «Das ist eine Seichfrage», erklärt er auf die Erkundigung, ob er sich der Mitte oder der SVP näher fühle. «Ich bin dort, wo ich bin. Freisinn heisst: Frei im Sinn.» Punkt. Er sei wertkonservativ in der Grundhaltung und denke pragmatisch lösungsorientiert. Die Lösung müsse einfach sein. Und verständlich. So redet einer, der mit fünf Geschwistern aufgewachsen ist und dessen Vater kurzerhand selbst einen Skilift baute, weil sich die Familie das Skifahren nicht leisten konnte.

Einer, der mit 26 zur kleinen Ingenieurfirma seines Bruders stiess und aus ihr ein weltweit tätiges Softwareunternehmen mit Niederlassungen in Deutschland, den USA und Kuala Lumpur aufbaute. Sollte er nicht Zürcher Ständerat werden, muss man sich allenfalls um die FDP Sorgen machen. Aber kaum um Ruedi Noser.

Berner Zeitung

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