Rentenreform: Wer verliert? Wer profitiert?

Offizielle Zahlen illustrieren die Effekte der Renten­reform, die im September zur Abstimmung kommt. Wer meint, dass alle Opfer bringen müssen, irrt: Personen mit Jahrgang 1973 und älter erhalten mehr, als sie bezahlen. Die anderen nicht.

Sozialminister Alain Berset eröffnete am Dienstag den Abstimmungskampf um die Rentenreform.

Sozialminister Alain Berset eröffnete am Dienstag den Abstimmungskampf um die Rentenreform. Bild: Keystone

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Politik geht uns alle an. Diese Standardphrase aus dem Staatskundeunterricht bewahrheitet sich am 24. September vollumfänglich: An diesem Tag kommt die grosse Rentenreform an die Urne, die tatsächlich jede und ­jeden im Land finanziell direkt betreffen wird – sogar jene, die noch gar nicht geboren sind.

Erstens müssen alle höhere Zwangsabgaben bezahlen. Aber nicht alle gleich viel. Zweitens wirkt sich die Reform bei ­allen, die noch nicht pensioniert sind, auf die künftige Rente aus. Aber nicht gleich stark. In der AHV ­erhalten alle künftigen Rentner 70 Franken pro Monat mehr, Ehepaare bis zu 226 Franken.

Entscheidend ist, wer unter dem Strich profitiert und wer drauflegt. Zahlen des Bundesamts für Sozialversicherungen lassen klare Schlüsse zu. Sie beziehen sich – wie die gesamte ­Reform – auf das ­gesetzliche ­Minimum der Altersvorsorge: die AHV sowie das Obligatorium der 2. Säule (Pensionskassen). Letzteres erfasst Monatslöhne bis 7000 Franken, weshalb der Vergleich auf dieser Grösse basiert.

Klicken Sie auf die Grafik, um diese zu vergrössern.

Gut für «Ü-44» Die Reform soll die Finanzierung der Vorsorge ins Lot bringen. Daran müssen sich aber nicht alle Generationen beteiligen. Es gibt eine Gruppe, die unter dem Strich mehr Geld erhält, als sie abgeben muss: Erwerbstätige mit Jahrgang 1973 und älter.

Nehmen wir zum Beispiel einen Mann mit Jahrgang 1959 und 7000 Franken Monatslohn: Für ihn beträgt der Reformbonus insgesamt 12 350 Franken. Bei einer Frau in dieser Situation beträgt der Gewinn sogar 18 060 Franken, wobei sich hier auch die Erhöhung des Rentenalters um ein Jahr auszahlt (siehe Grafik).

Der Mann und die Frau müssen zwar auch höhere Abgaben leisten. Diese fallen aber kleiner aus als die Rentenerhöhungen, die ihnen als Pensionäre winken.

Die Rechnung funktioniert ganz einfach: Auf der einen Seite steht die Mehrbelastung in Form der höheren Mehrwertsteuer und der höheren Lohnabzüge für die AHV und die eigene Pensionskasse. Diese Zusatzab­gaben werden für die verbleibende Lebenszeit aufsummiert unter der einheitlichen Annahme, dass man mit 65 Jahren pensioniert wird und mit 85 stirbt.

Auf der anderen Seite steht die Veränderung der Rente, die in den meisten Fällen positiv ausfällt. Auch hier werden die Effekte für eine 20-jährige Rentnerzeit bis 85 aufsummiert.

Nun kann man beide Zahlen gegenüberstellen: die gesamte Mehrbelastung hier, die höheren Renten dort. Positiv fällt die Bilanz nur bei den Personen aus, die am 31. 12. 2018 – am Tag vor Inkraft­treten dieses Teils der Reform – mindestens 45 Jahre alt sind. Für diese hat das Parlament doppelt vorgesorgt hat.

Erstens kommt die Generation 45+ bei den Pensionskassenrenten in den Genuss einer Besitzstandsgarantie, die sie faktisch von der Reduktion des Mindestumwand­lungs­satzes ausnimmt. Fällt ihre Rente bei der Pensionierung unter das heute – vor der Reform – geltende Minimum, erhalten sie Zuschüsse, die diese Lücke auffüllen. Das gilt für ­Personen, die nur ­obligatorisch versichert sind. Finanziert werden diese ­Zuschüsse solidarisch von allen Erwerbs­tätigen. Zweitens profitiert diese Generation trotz Besitzstandswahrung auch von der Erhöhung der AHV.

Schlecht für «U-45» Die grössten Einbussen tragen nicht «die Jungen», sondern die 44-Jährigen, die knapp zu jung sind, um in die Übergangsgeneration hineinzukommen. So verliert zum Beispiel ein Mann mit Jahrgang 1974 und einem Monatslohn von 7000 Franken insgesamt 24 935 Franken.

Konkret: Er zahlt über 15 375 Franken mehr Steuern und Lohnabzüge – und muss sich trotzdem damit abfinden, dass er 9560 Franken weniger Rente erhalten wird als nach heutigem Gesetz.

Gut für tiefe Einkommen Die konkreten Auswirkungen der Rentenreform hängen nicht nur vom Alter ab, sondern auch vom Einkommen. Diese Effekte lassen sich darstellen, indem man die Auswirkungen für Personen analysiert, die beim Inkrafttreten 24 Jahre alt sind und somit ihre gesamte «Karriere» als Beitragszahler an AHV und Pensionskassen unter dem neuen Regime absolvieren.

Hier zeigt sich, dass die Reform für Personen mit tiefen Einkommen und Teilzeitpensen hochattraktiv ist: Wer knapp 2100 Franken im Monat verdient, kann sich auf einen üppigen Reformbonus von 35 710 Franken freuen. Im Gegensatz dazu muss sich ein Gleichaltriger mit 5800 Franken Lohn auf einen Verlust von 9140 Franken einstellen.

Und die Rentner? Wer bereits pensioniert ist, zahlt keine höheren Lohnbeiträge, erhält aber auch keine höheren Renten. Bleibt die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Diese führt, hoch­gerechnet auf 20 Jahre Rentnerdasein, beim Mittelstand zu einer Zusatzbelastung in der Grössenordnung von 2000 Franken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.06.2017, 11:15 Uhr

Berset: «Ein Test für die Gesellschaft»

Es gibt keinen rasch umsetz­baren Plan B: Diese Botschaft überbrachte gestern Bundesrat Alain Berset. Aus seiner Sicht gewinnen mit der Rentenreform auch die Jungen.

Mit einem beherzten Auftritt vor den Medien hat Sozialminister Alain Berset (SP) gestern den ­Ab­stimmungskampf um die Rentenreform eröffnet. Diese kommt am 24. September an die Urne. Im Namen des Bundesrats warb Berset eindringlich um Zustimmung für die Reform, die er als echten Kompromiss anpries.

Sie sichere das Niveau der Renten und stabilisiere die AHV bis 2030. Berset bemühte sich, die Vorlage zur Schicksalsfrage zu machen, die zeigt, ob die Schweiz bei grossen Projekten noch kompromiss­fähig ist.

Er sprach von einem «Test für die Gesellschaft». Eine Ablehnung würde demnach bedeuten, dass die Gesellschaft den Test nicht bestanden hat.

«Illegale Umverteilung»

Berset verteidigte auch das umstrittenste Element der Reform: die Erhöhung der AHV für Neurentner um 70 Franken im Monat. Der Bundesrat lehnte diese zuerst ab, trägt sie nun aber laut Berset als Kompromiss mit, um der Reform zum Durchbruch zu verhelfen. Dass die Jungen damit über Gebühr be­lastet werden, ­befürchtet der Sozialminister nicht.

Aus seiner Sicht ist die Reform auch für die Jüngeren ein Gewinn. Dies begründete er vor allem damit, dass sie die systemwidrige – laut Berset sogar ­«illegale» – Umverteilung von Jung zu Alt in der 2. Säule eindämmt. Der Chef des Bundesamts für Sozialversicherungen, Jürg Brechbühl, ergänzte, dass auch die Stabilisierung der AHV im ­Interesse der jüngeren Generationen sei.

Was passiert bei Nein?

Berset warnte zudem in dunklen Farben vor den Folgen eines Neins. In diesem Fall drohten in der AHV rasch wachsende Defizite in Milliardenhöhe. Die Renten wären laut dem Bundesrat «nicht mehr garantiert». Dass zügig eine andere Reform nötig wäre, bestreitet niemand. Berset betonte aber, das sei nicht in zwei, drei Jahren möglich. Zuerst müsse man in einem neuen Prozess eine mehrheitsfähige Lösung suchen.

Dass frühere Ideen – etwa ganz simpel die Erhöhung der Mehrwertsteuer sowie des Frauenrentenalters – eine Mehrheit finden, schliesst er aus. Er glaubt nicht daran, dass solche Vorschläge in Zukunft im Unterschied zu ­früher umsetzbar sind, sobald die Schieflage der AHV akut ist. ­Berset warnte, eine neue Reform werde teurer sein als die jetzige, da die Probleme der Altersvorsorge sich verschärfen würden.

Giftiger Wahlkampf

Rund um die Rentenreform bahnt sich ein erbitterter und komplizierter Abstimmungskampf an. Ein erstes hässliches Scharmützel lieferten sich die Kontrahenten letzte Woche. Der «Blick» wies darauf hin, dass ­jeder dritte AHV-Rentner im Ausland ­lebt, darunter auch viele ausgewanderte Schweizer.

Logischerweise wird somit ein Teil der geplanten Erhöhung der AHV um 70 Franken im Monat ebenfalls ins Ausland fliessen. Konkret wird die AHV etwa 15 Prozent dieser Rentenerhöhung – rund 300 Millionen Franken im Jahr (2035) – an Rentner im Ausland auszahlen. FDP-Präsidentin Petra Gössi ­kritisierte, es sei ungerecht, Rentnern, die hierzulande weder konsumieren noch Steuern zahlen würden, auf Kosten der nächsten Generation den Ruhestand zu «vergolden».

Damit zog sie viel politische und mediale Schelte auf sich, die erahnen liess, wie giftig der Abstimmungskampf werden könnte. SP-Präsident Christian Levrat schimpfte, Gössi wolle Leuten, die in der Schweiz lange hart gearbeitet hätten, die Rente wegnehmen. CVP-Chef Gerhard Pfister spottete, es sei nicht liberal, Rentnern vorzuschreiben, wo sie leben sollten.

Doch der Abstimmungskampf wird nicht nur giftig, sondern auch unübersichtlich: Links wie rechts sind Pro- und Kontra- ­Komitees unterwegs.

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