«Reagiert die Schweiz nicht, kommt noch meine Oma»

Hunderttausende Eritreer fliehen aus ihrem Heimatland – überdurchschnittlich viele davon in die Schweiz. Der Schriftsteller und Oppositionelle Zekarias Kebraeb hat die Strapazen der Flucht selbst erlebt.

Besonnen spricht Zekarias Kebraeb – bis es um das Thema Freiheit geht. Plötzlich fuchtelt der Eritreer mit den Armen, zeigt Emotionen, die bislang verborgen blieben. Und sagt: «Wir müssen bereit sein, für die Freiheit zu sterben.»

Besonnen spricht Zekarias Kebraeb – bis es um das Thema Freiheit geht. Plötzlich fuchtelt der Eritreer mit den Armen, zeigt Emotionen, die bislang verborgen blieben. Und sagt: «Wir müssen bereit sein, für die Freiheit zu sterben.»

(Bild: Andreas Blatter)

Christian Zeier@ch_zeier

Herr Kebraeb, lassen Sie mich mit einer persönlichen Frage beginnen: Wo wären Sie heute, wenn Sie Ihr Land nicht verlassen hätten?Zekarias Kebraeb: Das ist klar: Entweder wäre ich im Krieg gestorben, oder ich würde ein Sklavendasein beim Militär fristen.

Dennoch dürfte es kein leichter Entscheid gewesen sein, als Sie vor 10 Jahren entschieden, Ihre gesamte Familie zurückzulassen und die Flucht zu wagen. Es war sehr schwer, mit 17 Jahren davonzulaufen. Aber für mich war die Freiheit sehr, sehr, sehr bedeutend. Kaum hatte ich die Grenze zum Sudan überschritten, hatte ich grosses Heimweh. Die Bedingungen waren fürchterlich. Es war so schlimm, dass ich dachte: Wäre es nicht vielleicht sogar leichter gewesen, im Militär zu leiden?

Plagt Sie dieses Heimweh immer noch? Mittlerweile lebe ich in Deutschland und sehe das Land als meine zweite Heimat an. Das Heimweh, das mich heute plagt, ist ein anderes: Ich träume nicht mehr von meiner Mutter und unserem Zuhause. Ich träume jetzt davon, irgendwann in ein freies Eritrea zurückzukehren. Jede Nacht.

Haben Sie denn noch Kontakt zu alten Freunden aus Eritrea? Neunzig Prozent meiner Freunde sind geflohen. Sie sind entweder im Sudan, in Äthiopien oder in Europa oder Amerika. Und auch die wenigen, die geblieben sind, wollen das Land verlassen.

Wieso? Weil es keine Perspektiven gibt. Es gibt keine Freiheit. Jeder und jede muss für unbestimmte Zeit in den Militärdienst. Und dort gibt es keine medizinische Versorgung, nichts Gutes zu essen, pro Monat vielleicht 20 Euro Sold. Und einige müssen damit ihre Familien, ihre Kinder durchbringen.

Sie haben mit Ihrer Flucht die Freiheit gewonnen. Haben Sie dabei auch etwas verloren? Meine Flucht war das Richtige, das ist wichtig. Was ich verloren habe, sind die vielen Jahre, die ich in Ungewissheit verbringen musste. Die vielen Jahre in den Asylzentren, ohne Bildung und Perspektiven. Die Zeit zwischen 17 und 25 Jahren habe ich grösstenteils mit Warten verbracht. Ist das nicht die Zeit, die wichtig wäre für die Entwicklung eines jungen Mannes?

Der Krieg, die Flucht, das Warten – viele Ihrer Landsleute leiden noch heute unter der Vergangenheit. Wie konnten Sie all das mehr oder weniger unbeschadet überstehen? Das frage ich mich auch. Viele sind traumatisiert, viele wollen nicht mehr über Eritrea sprechen. Doch ich war irgendwie stark, und ich hatte immer Hoffnung. Deshalb habe ich das auch als Titel meines Buches gewählt: «Hoffnung im Herzen – Freiheit im Sinn». Diese Hoffnung habe ich nie verloren. Auch heute nicht: Die schweren Zeiten werden irgendwann vorbei sein.

Sind Sie schon mal Bus gefahren in Bern? Ja.

Und haben Sie die Putzteams von Bernmobil gesehen? Ja, auch viele Eritreer sind dabei.

Genau. Wie muss sich ein gut ausgebildeter Mann im besten Alter fühlen, wenn ihm nichts anderes übrigbleibt, als für 200 Franken im Monat Busse zu reinigen? Tatsächlich ist es hier in Europa sehr schwer für uns. Die Anerkennung unserer Diplome ist fast unmöglich, ich habe das selbst erlebt: Ich habe jahrelang um die Anerkennung meines Schulabschlusses in Eritrea gekämpft – ohne Erfolg.

Aber die Integration wird durch die einfachen Jobs gefördert. Teilweise ja. Aber die jungen Leute brauchen eine Ausbildung, sie müssen ihr Potenzial nutzen können. Die können unmöglich jahrelang diese einfachen Arbeiten machen.

Neun von zehn Eritreern in der Schweiz sollen auf Sozialhilfe angewiesen sein. Ist der Wille zur Arbeit nicht da, oder fehlt es ihnen an Möglichkeiten? Nur wer ein bisschen Geld hat, kann fliehen. Das heisst, die Leute, die hier in der Schweiz sind, sind tendenziell eher gut ausgebildet und hätten in ihrem Heimatland gute Aufstiegschancen gehabt. Sie wollen etwas erreichen, haben Träume. Und dann kommen sie hierhin und finden nur eine Putzstelle. Das reicht ihnen oft nicht. Kommt hinzu, dass viele schwer traumatisiert sind. Sie verstecken sich einfach in ihrer Wohnung.

Die Leute dürften sich mehr erhofft haben vom Leben in Europa? Ja, auch ich war sehr naiv, als ich geflohen bin. Ich musste feststellen, dass Europa kein Paradies ist. Aber das merken die Leute erst, wenn sie hier sind. Wenn sie mit eigenen Augen sehen, dass es auch hier Menschen gibt, die am Bahnhof betteln müssen.

Sie waren selbst 2 Jahre lang in der Schweiz. Erst in Genf, dann in St.Gallen und Zürich. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Das war 2002, also bevor die Schweiz Wehrdienstverweigerung als Asylgrund anerkannte. Ich habe zwei Jahre in den Asylzentren der Schweiz verloren, letztlich wurden meine Anträge auf Asyl abgelehnt.

Und wie sind Ihnen die Schweizerinnen und Schweizer begegnet? Sagen wir es so: Ich habe hier als Zuschauer gelebt. Die anderen gingen arbeiten, lernten, heirateten – und ich durfte gar nichts machen. Ich habe Leute kennen gelernt, die 15 Jahre lang als Zuschauer gelebt haben – das ist furchtbar. Flüchtlinge werden in der Schweiz oftmals einfach ignoriert. Das wird früher oder später zu grossen Problemen führen.

Macht das wütend, wenn man nur zuschauen kann? Ja, wegen dieser Langeweile gibt es Streit und Gewalt in den Asylzentren. Oder die Leute üben eine illegale Arbeit aus. Ich habe das nicht gemacht, aber ich kann es verstehen: Was haben die Leute denn noch zu verlieren?

Sie haben mal gesagt: «Wenn niemand etwas unternimmt, kommt auch noch meine Oma in die Schweiz.» Steckt hinter diesem amüsanten Satz nicht eine brisante Wahrheit? Richtig. Weil das Eritrea-Problem nicht gelöst ist, kommen immer mehr Flüchtlinge nach Europa. Viele Leute in der Schweiz haben keine Ahnung, was in meinem Heimatland vorgeht. Und da kommt plötzlich meine Oma ins Land – zusammen mit der halben Bevölkerung Eritreas. Ein wesentlicher Teil der Nation ist auf der Flucht, das lässt sich nicht ignorieren. Von 4 Millionen Einwohnern sind in den letzten Jahren etwa 200'000 Leute geflüchtet. Wir produzieren keine Güter, wir exportieren Flüchtlinge!

Die eritreische Diaspora in der Schweiz ist überdurchschnittlich gross. Woher kommt das? Die Flüchtlinge suchen einen Ort, an dem sie gut leben können. In der Schweiz etwa, aber auch in Schweden oder Norwegen. Ich beispielsweise war zuerst in Italien. Doch da ging es mir schlecht, ich war obdachlos. Also bin ich weitergezogen.

Aus der Sicht der Schweiz sieht das so aus: Ist unser Land zu attraktiv, kommen immer mehr Flüchtlinge. Also behandeln wir die Leute weniger gut, um den Zustrom zu regulieren. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Die Eritreer wollen frei sein. Es ist immer noch besser, in der Schweiz im Asylheim unter schlechten Bedingungen zu leben als in Eritrea. Wer sich in der Schweiz über die Zuwanderung beschwert, sieht eines nicht: Viel schlimmer ist die Migration für unser Land. Eritrea verliert eine ganze Generation, verliert seine Gesellschaft. Heute sind in Eritrea lauter Kinder und alte Menschen – wie soll so ein Land funktionieren?

Manche Leute in der Schweiz sind beunruhigt, ja gar verängstigt wegen der zunehmenden Einwanderung. Können Sie die negativen Gefühle gegenüber Asylbewerbern verstehen? Nein, die Angst verstehe ich nicht. Flüchtlinge sind keine Monster. Wir sind Menschen, die Probleme haben und nicht in unserer Heimat leben können. Anstatt Angst zu haben, sollten sich die Leute lieber überlegen, was die Schweiz tun kann, um die Situation zu verbessern. Denn wenn die Eritreer in ihrer Heimat frei leben können, dann kommen sie nicht mehr. Ich kenne so viele, die viel lieber in ihrer Heimat sein möchten als in Europa – mich eingeschlossen.

Und was kann die Schweiz tun? Das Land muss gemeinsam mit den Flüchtlingen und der Weltgesellschaft eine Lösung finden. Die Diktatur in Eritrea muss beendet werden. Gelingt das nicht, leiden wir doppelt: Eritrea will uns nicht und Europa auch nicht. Sollen wir denn auf den Mond gehen?

Der Nationalrat möchte die Wehrdienstverweigerung als Asylgrund abschaffen. Auch im Ständerat hat die umstrittene Verschärfung Chancen. Die können das schon machen. Aber ich bin sicher: Irgendwann werden sie die Regelung wieder ändern. Denn mit der Neuerung werden keine Probleme gelöst, die Eritreer kommen und bleiben trotzdem.

Wieso sind Sie sich da so sicher? Ganz einfach: Wenn die Schweiz mich nach Eritrea zurückgeschickt hätte, hätte man mich gefoltert oder sogar umgebracht. Daran ändert dieses Gesetz nichts. Die hiesigen Politiker sollen uns nicht zwingen, diesen lebenslangen Sklavendienst in Eritrea anzunehmen. Die Flucht ist keine Wahl, sie ist der einzige Ausweg.

Wie kann die Opposition von ausserhalb Eritreas Einfluss auf das Geschehen nehmen? Die Eritreer in der Schweiz sind gut organisiert. Sie führen Demonstrationen durch und machen die Öffentlichkeit auf die Geschehnisse in Eritrea aufmerksam. Es gibt eine weltweite Oppositionsbewegung, die immer aktiver wird.

Was machen Sie persönlich? Ich bin in der Öffentlichkeitsarbeit tätig und halte Reden. Mit meinem Buch mache ich den Leuten Mut, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Ich wurde sogar schon von Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen – das gemeinsame Bild hat für viel Ärger bei der eritreischen Regierung gesorgt.

Stimmt es, dass die Regierung ihre Fühler bis in die Schweiz ausstreckt? Ja, es gibt Leute vom Geheimdienst hier. Wenn wir etwa eine Demo organisieren, dann werden wir fotografiert. So können sie über unsere Familien in Eritrea Druck auf uns ausüben.

Haben Sie denn Angst, dass Ihnen etwas geschehen könnte? Nein, Angst ist für mich keine Lösung. Wir müssen bereit sein, für die Freiheit zu sterben – sonst ändern wir nichts.

Als erster Autor im deutschsprachigen Raum schrieb der in Berlin wohnhafte Zekarias Kebraeb über die beschwerliche Flucht aus Eritrea. Sein Buch «Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn» ist 2011 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt