Rauchen, trinken und essen – während des Ramadan

Hintergrund

Im Maghreb begehren immer mehr Jugendliche gegen das Fasten auf. Sie stellen Bilder ins Internet, die sie beim Essen, Trinken und Rauchen zeigen. Wie gehen Muslime in der Schweiz mit dem Verzicht um?

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Michèle Widmer@MiWidmer

Es ist die Zeit des Verzichts. Während des Ramadan, des neunten Monats im islamischen Mondkalender, gelten für gläubige Muslime strenge Regeln: kein Essen, kein Trinken und kein Beischlaf mit dem Ehepartner – dies von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Die «innere Dimension» des Fastens geht noch weiter. Man soll sich gänzlich von Sünde freihalten. So wird die Seele gereinigt und geläutert und die Beziehung zu Gott gefestigt.

Daran halten muss sich jeder geistig zurechnungsfähige Muslim ab der Pubertät. Doch gerade in jungen Jahren scheint Verzicht schwierig – vor allem wenn dieser Pflicht ist. Immer mehr jugendliche Muslime in Ländern wie Tunesien oder Marokko wehren sich gegen das vorgeschriebene Fasten – und zwar öffentlich.

Grundhaltung der Ehrlichkeit

«Auf sozialen Medien tauschen sich Jugendliche im Maghreb aus, veröffentlichen Bilder, die sie rauchend, trinkend und essend zeigen während des Ramadan», sagt Maghreb-Kenner Beat Stauffer gegenüber Radio SRF.Gleichzeitig würden sie damit auch die religiösen Führer und Scheichs, die dazu aufrufen, gegen das Brechen der Regeln des Ramadan vorzugehen, verspotten.

Die arabische Revolution hat laut Stauffer die islamistischen und islamisch-konservativen Kräfte in ihrem Willen bestärkt. Das Vorgehen gegen Muslime, die den Ramadan nicht einhalten, wird immer strenger – gedroht wird mit juristischen Folgen.

Genug von der Heuchelei

Im letzten Jahr wurde ein Jugendlicher in Marokko verhaftet, weil er während des Ramadan tagsüber öffentlich Essen zu sich genommen hatte. Laut dem Artikel 222 des marokkanischen Strafgesetzbuches kann öffentliches Fastenbrechen mit bis zu sechs Monaten Gefängnis bestraft werden.

«Bei einigen Muslimen lösen diese Einschüchterungsversuche Protest aus. Es geht um die Grundhaltung der Ehrlichkeit», sagt Stauffer im Radiointerview. «Gebildete Muslime, oftmals auch aus der Oberschicht, haben genug von Heuchelei. Sie wollen selbst entscheiden, wie sie ihren Glauben praktizieren.»

Um ihrem Anliegen Ausdruck zu verleihen, haben einigen Jugendliche in Marokko eine eigene Facebook-Seite eingerichtet. Ihr Name: «Masayminch» (Wir fasten nicht). Dort provozieren sie mit ausdrucksstarken Bildern: Muslimische Jugendliche essen und trinken während dem Ramadan und strecken den gestreckten Mittelfinger in die Kamera.

«Religion ein anderer Stellenwert»

Solche Boykotte der jugendlichen Muslime kennt man in der Schweiz nicht. Hierzulande sei die Ausgangslage eine andere, sagt Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz. «Für Muslime in der Schweiz hat ihre Religion und damit auch der Ramadan einen anderen Stellenwert als in der Heimat. Hier können sie sich fast nur durch ihren Glauben identifizieren.»

Die meisten in der Schweiz lebenden gläubigen Muslime halten sich offenbar an die Regeln des Ramadan – auch die Jugendlichen. «Die Fastenzeit verbindet alle islamischen Gemeinschaften, die im Ausland leben», sagt Afshar. Anders als in den Herkunftsländern gebe es in der Schweiz einen multiethnischen Islam. Die Muslime kämen hier aus siebzig bis achtzig verschiedenen Nationen zusammen.

Auch die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) kennt das Problem von protestierenden Jugendlichen während des Ramadan nicht. «Ich glaube, die Aufstände der Jugendlichen durch öffentliches Fastenbrechen in den Maghreb-Ländern haben politische Hintergründe, und keine religiösen», sagt Sprecher Muhammad M. Hanel.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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