Psychiatrie: «Ambulant vor stationär» bringt Probleme

Wenn psychisch kranke Menschen den Tag in der Klinik verbringen, abends aber nach Hause gehen können, bleibt ihr soziales Umfeld erhalten. Es brauche deshalb mehr Tageskliniken und weniger stationäre Einrichtungen, darin sind sich Experten einig. Sie warnen trotzdem vor diesem Modell.

Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern bieten ambulante und stationäre Leistungen. In Zukunft soll im Kanton Bern der ambulante Bereich ausgebaut werden.

Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern bieten ambulante und stationäre Leistungen. In Zukunft soll im Kanton Bern der ambulante Bereich ausgebaut werden.

(Bild: Susanne Keller)

In seiner aktuellen Planung zur Psychiatrie setzt der Kanton Bern auf den Grundsatz «Ambulant vor stationär». Die Gesundheitsdirektoren der Kantone fordern dies schon seit einiger Zeit: Das ambulante Angebot müsse aus- und das stationäre abgebaut werden. Fachleute sind mit dieser Forderung einverstanden. Doch was den Patienten zugute komme und ausserdem wirtschaftlich sei, drohe ausgerechnet an der Finanzierung zu scheitern, warnen sie.

Zu diesen Warnern gehört Karl Studer, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD). Er lobt die Pläne des Kantons Bern. Wenn immer möglich seien Tageskliniken einem stationären Aufenthalt vorzuziehen, so Studer. «Wenn Patienten den Tag bei uns in der Klinik verbringen, abends aber nach Hause zurückkehren können, bleibt ihr soziales Umfeld erhalten, und sie finden sich rascher wieder im Alltag zurecht.»

Auch aus wirtschaftlicher Sicht sei dieses Angebot sinnvoll, denn im Gegensatz zum stationären Aufenthalt fallen in der Tagesklinik Personalkosten für Nacht- und Wochenenddienste weg. Doch die Finanzierung dieser Tagesstrukturen sei ein ungelöstes Problem, und ausgerechnet dieser Punkt werde in der Planung offengelassen, sagt Studer. Für die Psychiatrien sei der Abbau von stationären Einrichtungen zugunsten von Tageskliniken deshalb ein Schritt in eine finanziell ungesicherte Zukunft.

Abhängig von der Politik

Die Finanzierung in der Psychiatrie ist zweigeteilt. An den Kosten von Patienten, die über Nacht bleiben, beteiligen sich Kanton und Krankenversicherung. Bei allen anderen Patienten kommt der ambulante Tarif zur Anwendung. Dieser wird gemäss Gesetz alleine von der Krankenversicherung getragen. Die Versicherungsbeiträge decken die Kosten einer Tagesklinik aber bei weitem nicht, sagt Studer. Denn eine Tagesklinik beschränkt sich nicht auf die medizinische Therapie. In den UPD erhalten Patienten zum Beispiel auch Hilfe bei Schwierigkeiten mit der Arbeit oder den Finanzen. «Wir können diese Probleme der Patienten nicht einfach ignorieren», sagt Studer. Für diesen zusätzlichen Aufwand erhalten die öffentlichen Psychiatrien in Bern derzeit Geld vom Kanton. «Doch eine gesetzliche Grundlage dafür gibt es nicht», kritisiert Studer. Drehe der Kanton den Hahn zu, könne man sich diese Tagesstrukturen gar nicht mehr leisten. Schon jetzt seien die Beiträge nicht kostendeckend. Deshalb sei es für die Psychiatrien lohnender, auf stationäre Angebote zu setzen, wo die Finanzierung geklärt sei.

«Kein Sparprogramm»

«Die heutigen Abgeltungsmechanismen fördern die ambulanten Strukturen nicht.» Das sagt auch Martin Rumpf, Projektleiter für die Versorgungsplanung Psychiatrie beim Kanton Bern. Doch wenn der Kanton mehr Tagesstrukturen plane, dann werde er auch für die Finanzierung aufkommen müssen, denn er sei schliesslich für die Versorgung verantwortlich. Auch wenn es keine explizite Grundlage gebe; die geltenden Gesetze liessen solche Subventionen zu, sagt Rumpf. Die neue Planung sei kein Sparprogramm, betont er. «Wir wollen mit den gleichen Mitteln eine bessere Versorgung gewährleisten.» Mit dem Abbau von Betten und dem Aufbau von ambulanten und regionalen Strukturen wolle man psychische Krankheiten früh behandeln können und so unter anderem verhindern, dass Patienten chronisch krank und lange Klinikaufenthalte nötig werden.

Berner Zeitung

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