Polizei bestätigt ungenaue Angaben in Armeewaffen-Statistik

Exklusiv

Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zu Suiziden mit Armeewaffen seien nicht zuverlässig, sagen Experten seit Wochen. Das bestätigt jetzt auch ein Polizeisprecher gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz.

Eine zuverlässige Statistik müsste sich auch auf die Angaben der Rechtsmediziner stützen: SIG 550 im Januar 2010.

Eine zuverlässige Statistik müsste sich auch auf die Angaben der Rechtsmediziner stützen: SIG 550 im Januar 2010.

Olivia Kühni

Das Bundesamt für Gesundheit und das Bundesamt für Statistik haben unterschiedliche Angaben darüber verbreitet, wie oft bei Schusswaffen-Suiziden Armeewaffen im Spiel waren. Das BFS sprach von 9 Prozent, während das BAG mit Verweis auf verschiedene Studien von einer Quote von über 40 Prozent sprach. Der Verfasser des BAG-Faktenblatts warf dem BFS im Gespräch mit Bernerzeitung.ch/Newsnetz vor, sich auf die «inkonsistenten» Daten der polizeilichen Kriminalstatistik zu verlassen.

Jetzt bestätigt ein Sprecher der Kantonspolizei Zürich gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz, dass die Zahlen der Kriminalstatistik 2009 bezüglich Armeewaffengebrauch nicht zuverlässig sind. Ob bei einem Suizid als Tatwaffe «Armeewaffe» oder einfach nur «Gewehr» angegeben werde, hänge vom diensthabenden Polizisten ab. Er gibt seinen Bericht nach dem Einsatz in einen Computer ein – die Tatwaffe klickt er in einem Dropdown-Menü an.

Statistik ist offensichtlich ungeeignet

Dabei sind die Polizisten zwar angehalten, möglichst genaue Angaben zu machen. Wie sie das verstehen, hängt jedoch von ihnen persönlich ab. Wichtig sei für einen Polizisten vor allem die Unterscheidung zwischen Faustfeuerwaffe und Langwaffe, so der Sprecher. «Das andere ist rapportierabhängig.» Auch im Vorfeld der Waffen-Initiative, über die am 13. Februar abgestimmt wird, seien die Beamten nicht speziell darauf hingewiesen worden, beispielsweise zwischen «Gewehr» und «Armeesturmgewehr» zu unterscheiden.

Die Kriminalstatistik der Polizei ist also offensichtlich ungeeignet, um Aufschluss zu geben über die tatsächliche Bedeutung von Armeewaffen bei Schusswaffen-Suiziden. Trotzdem haben sowohl das BFS als auch das Verteidigungsdepartement mit diesen Zahlen öffentlich gearbeitet.

«Die Realität (...), wie sie von den Polizeibehörden kommuniziert wird»

Dass die Zahlen, die sein Amt veröffentlichte, «sehr tief» sind, stellte der zuständige Sektionschef im BFS selber fest, nachdem der Verfasser des BAG-Faktenblatts einen Artikel in der Ärztezeitung veröffentlicht hatte. In einem internen Memo von Anfang Januar instruierte Philippe Stauffer seine Leute, wie sie die Differenz «gegenüber Dritten» rechtfertigen sollten. So sollten sie darauf hinweisen, dass die Zahlen des BFS «die Realität wiedergeben, wie sie von den Polizeibehörden kommuniziert wird».

Auf Anfrage lässt das BFS heute verlauten: «Wir verlassen uns auf die offiziellen Meldungen der Polizei.» Den Vorwurf der Fahrlässigkeit weist das Amt «in aller Form» zurück. «Wir liefern Fakten und mischen uns nicht in die politische Kontroverse ein.»

«Jenseits der Realität»

Neben dem Verfasser des BAG-Faktenblatts, dem Psychiater Thomas Reisch, kritisiert auch Strafrechtler Martin Killias die kommunizierten Werte des BFS. «Die Statistikformulare, auf denen die Angaben der Polizei und des BFS beruhen, sind oft unvollständig.» Statt auf die Polizeiberichte müsse sich eine zuverlässige Statistik auf die Daten von Rechtsmedizinern beziehen, die bei ihren forensischen Untersuchungen den Waffentyp ermitteln (siehe Box).

Killias verweist ausserdem auf die offiziellen Befragungen zu Kriminalität im Jahr 2005. Damals gaben 60 Prozent der Waffenbesitzer an, ausschliesslich Armeewaffen zu besitzen. «Dass nur 9 Prozent der Personen, die sich erschiessen, sich mit einer Armeewaffe umbringen, ist daher mit Bestimmtheit jenseits der Realität.»

Reisch ist Vorstandsmitglied der Suizidpräventionsinitiative Ipsilon, welche die Waffeninitiative befürwortet. Killias gibt keine politische Stellungnahme ab. Aus wissenschaftlicher Sicht komme er aber zum Schluss: «Je weniger Waffen, desto besser.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt