«Politisch war Blochers Abwahl ein Fehler»

Helmut Hubacher, jahrzehntelang die Reizfigur der Bürgerlichen, hat ein Buch über Christoph Blocher geschrieben. Im Interview äussert sich Hubacher zu Blocher, zur EU und zur Ausländerpolitik.

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Herr Hubacher, warum schreiben Sie als verdienter Sozialdemokrat im hohen Alter ein Buch über ihren schärfsten politischen Widersacher?
Helmut Hubacher: Christoph Blocher ist ein aussergewöhnlicher Politiker. Ob man ihn nun mag oder nicht. Er ist ein Faktor, mit dem man sich befassen muss. Blocher ist ein Aufsteiger. Er hat sein Geld nicht geerbt. Er hat alles selbst erarbeitet. Und daneben macht er seit 35 Jahren Politik, baut die grösste Partei auf und gewinnt zwei Volksabstimmungen allein gegen alle. Bei uns Sozialdemokraten sagen viele, es habe keinen Sinn, mit Blocher zu diskutieren. Ich gehe immer von der Realität aus, nicht vom Wunschdenken. Den Blocher gibts nun mal. Er hat Probleme auf den Tisch gelegt, die das Volk beschäftigen. Man kann schlecht behaupten, wir hätten das falsche Volk. Mir reicht es nicht, einfach über Blocher zu fluchen und zu behaupten, er sei ein Faschist.

Man kann zwischen Ihrer und Blochers Laufbahn Parallelen sehen: In Ihrer Zeit als SP-Chef wählte das Parlament meist andere als die von Ihnen vorgeschlagenen Bundesräte.
Ich wollte Willy Brandt einmal erklären, dass in unserem System der politische Gegner die Bundesräte der SP wählt. Das konnte er nicht verstehen. Wir waren schon dreimal im Parlament mit unseren Kandidaten gescheitert. Damals war die Zeit reif für eine Frau, und wir brachten Lilian Uchtenhagen, deren Fähigkeiten von niemandem bestritten wurden. Gewählt wurde dann Otto Stich. Da haben wir dem Parteitag beantragt, aus dem Bundesrat auszutreten. Der Parteitag hat anders entschieden, als ich wollte, aber diese Diskussion war trotzdem von grossem Wert. Es kehrte wieder Ruhe ein in der Partei. Sie verschaffte Stich nachträglich die Legitimation als SP-Bundesrat. Diese Chance hatte Eveline Widmer-Schlumpf bei der SVP nie. Mittlerweile gibt Blocher zu, dass es nicht ideal ist, die Parteien ständig zu desavouieren, obwohl er seinerzeit gegen uns auch mitgemacht hat.

Wie haben Sie sich nach diesem Streit als Parteipräsident mit Ihrem Bundesrat Otto Stich verstanden?
Er hat mich nach dem Parteitag ins Hotel Bern bestellt und dreieinhalb Stunden bearbeitet, ich müsse zurücktreten. Ich hätte verloren gegen ihn. Ich sagte Nein. Bei uns bestimmen nicht die Bundesräte den Parteipräsidenten. Du kannst mich abwählen lassen am nächsten Parteitag. Das versuchte er dann auch mit einem eigenen Kandidaten. Aber es misslang gründlich. Später sagte er, lass uns aufhören mit den Bubenspielchen, es steht eins zu eins. Darauf hatten wir eine normale Geschäftsbeziehung. Aber das Verhältnis war nie so herzlich wie mit Willi Ritschard. Er hat auch nie etwas vergessen. Er hätte in seinem Departement niemals einen Sozialdemokraten eingestellt, der am Parteitag gegen ihn gestimmt hatte. Er war manchmal perfid. Adolf Ogi war für ihn der Skilehrer. Er mochte ihn nicht. Ich wusste nie recht, warum. Ogi hat gegen aussen immer so getan, als wäre nichts.

Mich erstaunt, dass die SP mit der SVP macht, was ihr selbst jahrzehntelang widerfahren ist. Bei der Abwahl Blochers war sie sogar federführend.
Ja. Nun haben wir eine Bundesrätin von einer Minipartei mit schwachem Rückhalt, und die stärkste Partei ist nicht angemessen vertreten. Aber ich behaupte, der SVP ist es stinkwohl in dieser Rolle. Sie kann auf Opposition machen, das passt ihr ganz gut.

Blochers aussergewöhnlicher Einfluss besteht vor allem darin, dass er nicht nur die eigene Partei dirigiert, sondern auch seine Gegner. Einfach mit umgekehrten Vorzeichen.
Mir missfällt dieser Anti-Blocher-Reflex. Dass man wie ein Automat einfach Ja sagt, wenn er Nein sagt, und umgekehrt. Wahrscheinlich teilt er deshalb so hart aus. Weil er so die Reaktion steuern kann. Es ist verrückt. Er macht alles überlegt. Bei ihm ist nichts zufällig. Ich bin immer davon ausgegangen, dass das Merkmal der Demokratie die andere Meinung ist. Blocher teilt manchmal in einer Art und Weise aus, dass es viele Leute gibt, die sagen, es habe gar keinen Wert, mit ihm zu diskutieren. Er diffamiert seine Gegner auch tatsächlich. Das ist eine Unart von ihm. Umgekehrt kann er klaglos einstecken. Ich kenne viele, die auch austeilen und dann laut aufschreien, wenn ihnen mal einer auf die Zehen tritt. Ich finde, wer nicht einstecken kann, hat im Boxring nichts verloren.

Was ist nach Ihrer Meinung sein langfristiges Ziel?
Peter Bichsel sagte: Er will die ganze Macht. Ich bin überzeugt, dass Christoph Blocher eine rein bürgerliche Regierung unter SVP-Führung anstrebt. Aber gleichzeitig ist er pragmatisch genug, auch mit einer SP zusammenzuarbeiten, wenn sein Plan nicht aufgeht. Dass er keine Berührungsängste hat, zeigte sich beim Thema Grossbanken. Als Nicolas Hayek das Thema aufgriff, kamen nur er und unser Präsident Levrat. Er ist Ideologe, Dogmatiker und Pragmatiker. Wenn es seinen Zielen dient, arbeitet er auch mit der SP, deren Leistung er so herabwürdigt.

Sie denken wirklich, er wolle die SP aus dem Bundesrat werfen?
Das ist Teil seiner Strategie. Ich sage immer, dieser Blocher hat alle Facetten. Mit ihm können Sie einen gemütlichen Abend erleben. Das hatte ich oft im Hotel Krebs in Bern. Seine Palette reicht vom Kumpel bis zum skrupellosen Verleumder. Als ich ihm einmal vorwarf, er sei mit den chinesischen Kommunisten freundlicher als mit uns Sozialdemokraten, entgegnete er, die stünden ihm näher. Was soll man da noch sagen? Was ich ihm allerdings wirklich übel nehme, ist seine Aussage, die Linke habe nichts für unser Land getan. Wenn er sagt, die Linke habe nichts beigetragen, dann ist das nicht bloss eine Diffamierung, sondern eine Missachtung unserer historischen Leistung. Er hat eine völlig andere politische Kultur als ich.

Früher war es die SP, die Opposition machte.
Es ist systembedingt, dass die grossen Parteien auch Opposition machen. Neben den vier grossen Parteien gibt es keine anderen Gruppierungen, die diese Rolle sonst übernehmen könnten. Blocher macht es heute einfach noch konsequenter als wir damals. Als ich im Nationalrat war, war die Armee das Tabu. Wenn ich etwas Armeekritisches sagte, rief der spätere Bundesrat Friedrich in den Saal: «Moskau einfach.» Jetzt ist die EU der Feindersatz geworden. Aber das ist verhängnisvoll. Mit der EU müssen wir ein Verhältnis finden, das mehrheitlich getragen wird.

Man kann es auch anders sehen. Wer der Annäherung an die EU skeptisch gegenübersteht, wird von der Parlamentsmehrheit behandelt wie seinerzeit ein Armeekritiker.
Ich habe immer gesagt, ich sei für die Landesverteidigung, aber nicht um jeden Preis. Blocher aber hält eine Anbindung an die EU für Kolonialisierung. Er ist ein fundamentaler EU-Gegner, der nicht differenziert. Wenn die EU so ein Monster ist, weshalb haben sich dann die ehemaligen Ostblockländer so beeilt, in die EU zu kommen, nachdem sie endlich frei waren von Moskau? Sie werden ja wohl kaum einen neuen Kolonialherrn gesucht haben. Die EU ist eine Frage von aussergewöhnlicher Bedeutung für dieses Land. Es wäre ein Schulterschluss nötig.

Der wird kaum möglich sein, wenn sich zwei unversöhnliche Lager gegenüberstehen.
Jetzt sind wir schon so weit, dass die «Weltwoche» die EU zu einer Idee Hitlers umdeutet. Dies, weil sie ein angeblich hervorragendes Buch eines englischen Journalisten ausgegraben hat, der Hitler und seine Entourage als begeisterte Europäer schildert. Das ist doch schizophren. Natürlich wollte Hitler ein Europa, aber eines unterjocht vom Dritten Reich. Nicht ein Europa, in dem sich die Länder freiwillig unter dem Motto «Nie wieder Krieg» zusammengetan haben. Blocher sieht unsere Unabhängigkeit schon bedroht, wenn wir Verträge abschliessen, von einem Beitritt gar nicht zu reden.

Blochers Vorbehalte richten sich gegen die Union als Organisation. Er hält wenig von deren Aufbau und kritisiert die Verantwortlichkeiten als schlecht geregelt. Das ist legitim.
Diese Überzeugung kann man vertreten. Aber es waren grosse Staatsmänner, die die Union gegründet haben, weil sie den Frieden sichern wollten. Und das ist ein Motiv, das besonders uns Schweizern keinen Grund gibt, die EU als Feind zu betrachten.

Sind Sie immer noch überzeugt, dass das Nein der Schweiz zum EWR ein Fehler war?
Ich denke, ja. Aber man kann auch sagen, dass die bilateralen Verträge, die übrigens Blochers Idee waren, ebenfalls eine Lösung sind, mit der wir leben können. Jetzt will er die eigene Alternative nicht mehr. Ihm ist egal, wenn wir die Freizügigkeit ablehnen und damit auch die Bilateralen weg sind. Damit blendet er die globale Perspektive völlig aus. Europa ist gegen die USA und China ein kleiner Fisch. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie man aus Europa ein Feindbild machen kann – aus unserem wichtigsten Partner.

Man muss unterscheiden zwischen Europa und der EU. Wer sich nicht enger an die EU anbinden will, betrachtet deswegen Europa noch nicht als Feind.
Das Problem ist doch: Die EU will diesen bilateralen Weg so nicht mehr, weil es kompliziert ist, mit einem so kleinen Land so viel verhandeln zu müssen. Nach dem EWR-Nein schickte der Bundesrat einen Verhandlungskatalog mit siebzehn Punkten nach Brüssel. Der damalige Botschafter sagte mir, er habe Angst, dass diese Schweizer ihren europäischen Partnern langsam so auf die Nerven gingen, dass diese nichts mehr von uns wissen wollten. Es dauerte zehn Jahre, bis wir die bilateralen Verträge hatten. Wir können einen Rahmenvertrag, wie ihn die EU institutionalisieren will, schon ablehnen. Dann haben wir einfach den Bruch mit Brüssel. Die wollen nicht mehr ständig mit uns verhandeln. Sie sagen sich, wir haben noch andere Probleme als diese Eidgenossen. Wir aber sind auf die EU angewiesen.

Die Stabilität einer Organisation zeigt sich in der Krise. In der Eurokrise bekam das Bild der Staatengemeinschaft Risse.
Als ich einmal in Brüssel war, sagte der damalige Kommissionspräsident Jacques Delors zu unserer winzigen Schweizer Delegation: Ihr habt immer gesagt, es werde nichts aus der europäischen Vereinigung. Wir haben tatsächlich immer wieder gigantische Probleme. Aber wir kommen Schritt für Schritt weiter. Ihr solltet uns etwas Zeit geben. Ihr hattet 150 Jahre Zeit in relativ überschaubaren Verhältnissen und wart immer etwas bevorzugt. Vielleicht dauert es auch bei uns 100 Jahre. Aber dann werden wir einen europäischen Bundesstaat haben. Gerhard Schröder sagte kürzlich, er bewundere die Schweizer Demokratie. Aber hätten die EU-Länder über die Vereinigung abgestimmt, gäbe es die EU heute nicht. Da hatte er wahrscheinlich recht. Ein System, das für uns ideal ist, muss für die anderen nicht zwingend das einzig Richtige sein.

Nein. Aber weshalb sollte die Schweiz ein System aufgeben, das für sie ideal ist? Stellen Sie sich vor, Bundesrat Burkhalter vereinbart mit der EU Verträge über eine automatische Rechtsübernahme und eine Unterstellung unter den Europäischen Gerichtshof, und keiner stellt Fragen. Wäre das in Ihrem Sinn?
Das ist doch nicht Burkhalters Initiative. Er reagiert bloss auf die Ankündigungen aus Brüssel. Wenn es sein freiwilliger Vorschlag wäre, würde ich sagen, nein. Wir fahren ja relativ gut mit dem bilateralen Weg, so wie er ist. In der Schweiz ist nicht einmal annähernd eine Mehrheit vorhanden, die der EU beitreten möchte. Aber die Ausgangslage ist eine andere: Die EU will eine neue Vertragsgrundlage. Seit zwei Jahren gibt es keine Verhandlungen mehr.

Haben Sie nie den Eindruck, der Bundesrat sei in vorauseilendem Gehorsam unterwegs?
Der Bundesrat ist in einer Zwickmühle. Er muss den Entscheid vom 9.Februar umsetzen. Das will er jetzt tun. Und wer reklamiert? Blocher weiss doch ganz genau, dass Kontingente mit Brüssel nicht machbar sind. Die Engländer warten bloss darauf, dass die Freizügigkeit gelockert wird. Es gab noch die Idee von einer zweiten Abstimmung über die Bilateralen. Das war in den Augen der SVP auch falsch. Der Bundesrat kann machen, was er will, es ist falsch.

Wäre er willens, den Volksentscheid konstruktiv umzusetzen, würde er einen Kompromiss mit der EU suchen.
Ich glaube, wir unterliegen einem Denkfehler. Wir haben intern eine hervorragende Diskussionskultur entwickelt. Auch abgelehnte Initiativen haben eine Wirkung, indem den Einwänden bei der Umsetzung Rechnung getragen wird. Manchmal modifizieren wir ein Anliegen und nehmen einen weiteren Anlauf. Aber in Brüssel haben wir einen Partner mit einer anderen Diskussionskultur und einen, für den die Personenfreizügigkeit eine ebenso bahnbrechende Errungenschaft ist wie für uns die direkte Demokratie. Der Bundesrat muss doch verhandeln, wenn er die Abstimmung ernst nehmen will. Dann kommt vielleicht im Jahr 2016 die Frage: Wollen wir diese Freizügigkeit noch, oder wollen wir sie aufgeben? Toni Brunner selbst schrieb in seinem Extrablatt vor der Abstimmung, die SVP wolle die Bilateralen nicht aufkünden. Jetzt sagt er das Gegenteil. Im eigenen Haus können wir das so machen mit mehreren Anläufen. Aber mit der EU geht das nicht, fürchte ich. Wir machen uns doch heute schon ein X für ein U vor mit diesem autonomen Nachvollzug. Das ist ein automatischer Nachvollzug.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass es konstruktivere Ansätze gäbe, wenn in der Schweiz nicht so ein erbittertes Tauziehen im Gang wäre.
Unser Problem ist das Verhältnis zur EU. Das ist das zentrale Thema, und darin sind wir gespalten. Sonst könnte der Bundesrat auch anders auftreten. Vielleicht wäre es besser, wenn wir zwei SVP-Bundesräte hätten. Es ist jedenfalls keine gute Situation.

Vielleicht war es ein Fehler, Blocher abzuwählen.
Diese Meinung könnte man vertreten.

Habe ich das richtig verstanden?
Politisch: ja. Man hat die stärkste Partei brüskiert. So etwas hinterlässt Spuren. Hätte man uns damals Willi Ritschard abgewählt, wären wir raus aus dem Bundesrat. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. 2003 hat der damalige SP-Präsident noch die Losung ausgegeben, Blocher müsse aus dem Bundesrat abgewählt werden. Besser konnte man die SVP für diese Wahlen nicht mobilisieren. Sie hat dann auch fast 30 Prozent gemacht.

Und unpolitisch?
Blocher hat die Abwahl provoziert. Er ist wahrscheinlich der ungeeignetste Teamplayer, den es gibt. Er ist eine Ich-AG. So hat er seine Firma gut geführt. Er ist zwar nicht Parteipräsident, aber er führt auch die SVP. Er kann delegieren, das ist ganz unbestritten. Moritz Leuenberger hat mir einmal geklagt, er rede so laut in diesem kleinen Bundesratszimmer. Aber etwas später sagte er, es sei gar nicht so schlecht, dass er immer überall dreinrede. Der Bundesrat diskutiere wieder mehr. Das war früher anders. Ich fragte Bundesrat Tschudi einmal, wie er immer alles durchbringe. Er antwortete: Du musst den andern nicht dreinreden, dann lassen sie dich auch machen.

Einer solchen Regierungskultur muss niemand nachtrauern.
Nein. Damals war einfach genug Geld vorhanden. Blocher ist an dieser blockierten Situation sicher nicht unschuldig. Aber ich sage immer, es ist wie bei uns mit Jean Ziegler. Ich wurde oft gedrängt, ihn aus der Partei auszuschliessen. Er war selten an Fraktionssitzungen, hat aber immer Vorstösse eingereicht, die wir unterstützen mussten. Ich sagte: Freunde, einen Jean Ziegler muss diese Partei verkraften können. Sechs Ziegler wären vermutlich zu viel. Einen Blocher müsste man eigentlich auch ertragen können. Es bräuchte jetzt einen nationalen Schulterschluss. Einen solchen haben wir gespürt während des Zweiten Weltkriegs, als die Bürgerlichen sagten: Jetzt müssen wir zusammenstehen und die SP in die Regierung nehmen.

Wenn man den Schulterschluss tatsächlich möchte, dann wäre der erste Schritt doch der, dass man in der Regierung wieder eine ausgewogene Vertretung der politischen Lager herstellt.
Der Anspruch ist unbestritten, das ist klar. Wahrscheinlich ist dies die Voraussetzung dafür, dass man in landeswichtigen Fragen wieder einen Konsens erzielen könnte. Möglicherweise wartet man im Bundeshaus, ohne es offen zu sagen, bis Blocher aus der Politik ausgeschieden ist. Vermutlich hat Bodenmann recht, wenn er sagt, die SVP werde nach einem Rückzug Blochers zur 18-Prozent-Partei, weil sie ihre grosse Figur verloren hat. Aber das ist vielen in der SVP vielleicht sogar recht. Dann gibt es wieder mehr Luft für andere. Sie verlieren zwar den Leader, aber er dominiert ja auch entsprechend. Er sitzt als Nichtnationalrat sogar noch in den Fraktionssitzungen. Das gibt es sonst nicht.

Für wen haben Sie ihr Buch eigentlich geschrieben? Ist es eine Botschaft an Ihre Genossen.
Nein. Ich vermute, für die meisten SPler ist das Kapitel Blocher abgeschlossen. Die wollen gar kein Buch lesen über ihn, weil sie ihr Urteil gefällt haben. Ich hatte nie Berührungsängste. Als ich ging, sagte er, jetzt verliere er bald seinen letzten Gegner. Er kam ja nicht zufällig 1987 zuerst zu mir, als er Kaiseraugst beerdigen wollte. Er wollte, dass alle vier Bundesratsparteien einen gemeinsamen Vorstoss zur Beendigung des AKW-Projektes machen. Ich machte nicht mit. Die SP hatte Kaiseraugst schon 1978 beerdigt.

Sind Sie per Sie mit Blocher?
Ja. Immer. Ich habe bei der Kaiseraugst-Sache den Mund gehalten, obwohl das eine politische Bombe war. Wir haben uns respektiert. Er hatte mir sein Vertrauen geschenkt. So etwas muss auch unter politischen Gegnern möglich sein, wenn es eine gemeinsame Politik geben soll. Wir gingen anständig miteinander um. Hart, aber anständig.

Will Christoph Blocher eine absolute Mehrheit, damit er schalten und walten kann?
Blochers Leistung ist zunächst einmal, dass er aus der kleinsten Bundesratspartei die stärkste Partei gemacht und den Freisinn rechts überholt hat. Für mein Verständnis haben die Freisinnigen 1979 mit ihrem Slogan «Mehr Freiheit weniger Staat» ihre eigenen Wurzeln verleugnet und den Untergang eingeleitet. Es war ihr eigener Staat und sie haben damit ihren liberalen Flügel desavouiert. Blocher hat den Slogan konsequenter umgesetzt. FDP stellte ihre eigene Identität in Frage.

Ist die SVP so stark geworden, weil ihre Gegner so schwach sind?
Wir haben es in der SP nicht geschafft, in der Ausländerpolitik eine stringente Gegenposition zu erarbeiten. Wir haben diesen dritten Weg zwischen der knallharten Position der SVP und einem eher idealistischen Kampf in Ausländerfragen nie gefunden. So verloren wir viele ältere Wählerinnen und Wähler. Man kann ein Land mit einem Ausländeranteil von 23 Prozent nicht als ausländerfeindlich diffamieren. Auch deshalb habe ich mich mit Blocher auseinandergesetzt. Um herauszufinden, was wir als SP falsch machen.

Wäre die FDP heute die grösste Partei, wenn sie statt Blocher ihren Slogan «Mehr Freiheit, weniger Staat» konsequent umgesetzt hätte?
Nein, der Freisinn hat eine andere Geschichte. Der Freisinn hat diesen Staat aufgebaut und grosse Verdienste erworben. Darum heisst es im ersten SP Programm, der Freisinn habe die politische Demokratie gebracht, die SP wolle die wirtschaftliche Demokratie realisieren. Die FDP war eine staatstragende Partei, die sich verleugnete. Das hat die SVP nicht. Die war nur im Kanton Bern eine Staatspartei. Wahrscheinlich führten dann Ereignisse wie das Swissair-Grounding dazu, dass die FDP ihr Renommee als Wirtschaftspartei verlor. Blocher konnte diesen Ball aufnehmen. Aber für mich ist klar, dass auch die SVP keine Mehrheitspartei wird in der Schweiz. Das ist nicht machbar. Also wird Blocher Koalitionen bilden müssen. Sein Plan wäre wohl, drei SVP-Bundesräte zu haben und vier andere Bürgerliche. Unter denen wäre sicher einer, der auf SVP-Linie stimmt. Es wird nicht einfach sein, die SP, ins Abseits zu manövrieren. Aber das wäre seine Idee, davon bin ich überzeugt.

Was macht die SP falsch?
Als ich in jungen Jahren in Basel bei den SBB arbeitete, hatte ich als Vorgesetzter einen in meiner Gruppe, der am Montag immer blau machte. Darauf wollten meine Vorgesetzten ein Arztzeugnispflicht schon ab dem ersten Tag einführen. So ein Blödsinn. Wegen einem von 350, der sich daneben benahm. Die Kollegen des Mannes wussten, dass der am Montag jeweils in St. Ursanne beim Fischen war. Als er sich wieder «krank» meldete, fuhr ich hin und erwischte ihn. Den haben wir richtig gestraft. Der wechselt noch heute die Strassenseite, wenn wir uns begegnen. Da habe ich gelernt, dass man Missbräuche nicht tolerieren darf. Wir haben die Ausländerfragen lange Zeit verdrängt, weil das arme Kerle sind. Wir hatten Leute, für die gab es kriminelle Ausländer schlicht und einfach nicht. Und die SVP tut umgekehrt so, als wären sie alle kriminell.

Gibt es zu wenige aussergewöhnliche Persönlichkeiten in der Politik?
Wir müssen aufpassen, dass nicht immer die abgetretene Generation die bessere ist. Wahrscheinlich haben wir ein Strukturproblem im Parlament. Die Leute können es sich nicht mehr leisten, im Parlament zu sein. Zunehmend kommt statt dem Unternehmer der Verbandssekretär der Branche – also der Schmidli und nicht mehr der Schmid. Mein Basler Parteikollege Beat Jans musste sich kürzlich ganz auf sein Nationalratsmandat konzentrieren, weil er es mit seinem Beruf nicht mehr vereinbaren konnte. Die Rekrutierungsbasis wird immer schmaler. Es wird schwieriger, gute Leute ins Parlament zu holen. Faktisch haben wir mehr und mehr ein Berufsparlament, eine Pseudomiliz. Ständerat ist bereits heute ein Vollzeitjob.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Professionalisierung und der Entfremdung zwischen Bevölkerung und Politik?
In Deutschland sagt man, der Politiker komme vom Hörsaal in den Plenarsaal. Im Bundestag gibt es viele Leute, die gar keine Berufsbiographie mehr mitbringen. Bei uns ist dieses Kapital noch vorhanden. Aber es wird immer schwieriger. Selbst ich frage mich manchmal, wie ich das damals alles machen konnte. Und damals war es noch bedeutend ruhiger. Wir haben 1967 den FC Nationalrat gegründet, weil wir uns sagten, wir können doch nicht jeden Abend in der Beiz herumsitzen während der Session.

Ist die Politik vielleicht zu unattraktiv geworden für Leute, die im Beruf genug Entfaltungsmöglichkeiten haben?
Ich habe als Parteipräsident viel Dankbarkeit erlebt. Und je älter ich werde, desto besser werde ich. Es ist unglaublich, wie viele Leute mich im Rückblick als Parteipräsident loben. Das ist der Altersbonus. Wenn man politisiert, ist das Parteipräsidium das Tüpfelchen auf dem i. Wie an der Tour de France. Alle fahren in die selbe Richtung. Aber mit dem Maillot Jaune macht es mehr Spass. Man fährt voraus und hat seine Wasserträger. Das ist doch wunderbar.

Täuscht der Eindruck, oder drängt es vor allem Leute in die Politik, die einfach dabei sein wollen?
Ein Solothurner Kollege hat mich in der Militärkommission manchmal gefragt, woher ich eigentlich immer so viel über die Geschäfte wisse. Er könne sich nicht so ausführlich informieren, er sei jedes Wochenende an Veranstaltungen und ständig unterwegs damit er wieder gewählt werde. Ich nenne das mit dem Arsch politisieren. So kann man auch wieder gewählt werden, wenn man immer und überall dabei ist. Das sind dann die sogenannten Hinterbänkler. Ich habe kaum je eine Einladung angenommen. Es waren ohnehin immer die selben Leute, die sich da getroffen haben. Und warum waren Sie immer so gut informiert?
Ich sagte dem Kollegen: Ich war in Stockholm und habe mich über diesen Panzer vor Ort erkundigt. Im Bundeshaus habe ich ja nichts erfahren. Und Bundesrat Rudolf Gnägi war noch stolz darauf, dass nichts aus seinem Departement gedrungen ist ausser dem nichtssagenden Bericht, den er uns Parlamentariern vorgelegt hat.

Kürzlich verstarb Alt Nationalrat Andreas Gerwig. Er gehörte zu Ihrer legendären Viererbande. Was machte diese Viererbande eigentlich?
Zur Viererbande gehörten Andreas Gerwig, Lilian Uchtenhagen, Walter Renschler und ich. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. Wir haben auch nicht gejasst. Wir haben politische Fragen besprochen, der eine las ein Buch und informierte die andern über dessen Inhalt. Wir waren mit Journalisten, denen wir vertrauten, zusammen, Frank A. Meyer gehörte dazu, aber auch andere. Zweimal im Jahr führten wir auf Rigi Kaltbad eine Klausurtagung mit Journalisten durch. Journalisten brauchen auch Hintergrundwissen. Wenn mein Solothurner Kollege an einem Dorffest sass, hatten wir eine Arbeitstagung. Viermal jährlich besuchten wir Vertreter der Wirtschaft oder der Landwirtschaft, weil wir so wenig Wirtschaftsleute in unserer Fraktion hatten. Einmal waren alle drei Schmidheinys da. Die sagten, das sei eine gute Sache, sie hätten sich nämlich seit drei Jahren nicht mehr zu dritt getroffen. Das alles trug uns in der Partei den Ruf ein, ein elitärer Klub zu sein. Später haben wir den Kreis auf elf erweitert, um das zu entkräften. In dieser Zusammensetzung trafen wir uns einmal pro Session in Bern im Restaurant Frohsinn, wo der Wirt Freude an uns hatte und jeweils ein Menu Surprise zusammenstellte. Wir wollten ein Buch über Sozialismus schreiben. Das kam nie zustande, wir haben zu lange diskutiert. Aber dafür kam Hedy Lang zur Erkenntnis, dass dieser Gerwig gar nicht so arrogant ist, wie sie dachte. Sie hatte die Akademiker auf dem Zahn. Für das Klima in der Fraktion war das eine gute Sache. Eine Fraktion ist eine Konkurrenzgesellschaft.

Der Ringier-Journalist Frank A. Meyer führt bis heute einen heiligen Krieg gegen Blocher. War er immer so?
Frank A. Meyer lud als ganz junger Journalist einmal pro Session zu einer Diskussionsrunde mit Essen nach Schernelz über dem Bielersee ein. Das waren gute Diskussion. Aber er hatte auch immer wieder gute Ideen. Nach dem Rücktritt von Elisabeth Kopp rief er mich morgens um sieben Uhr an und sagte: Jetzt musst du eine PUK verlangen. Nicht wegen des Rücktritts, der ist nebensächlich. Aber jetzt kann man die Dunkelkammer der Bundespolizei ausleuchten. Ich redete mit Ulrich Bremi von der FDP und Ulrich Zimmerli von der SVP, die waren dabei. Das war Meyers Idee und daraus entwickelte sich der ganze Fichenskandal. Dann schlug ich Moritz Leuenberger als PUK-Präsident vor. Meyer ist ein aufsässiger und selbstbewusster Typ, der hat mich zu den unmöglichsten Zeiten angerufen. Aber in unseren Klausursitzungen hat er die richtigen Fragen gestellt. Jetzt macht er in Berlin dasselbe. Der kennt Sigmar Gabriel besser als ich. Meyer ist immer in der Nähe der Mächtigen. Aber er ist spannend. Ich weiss nicht, ob mir das mit der PUK eingefallen wäre.

Berner Zeitung

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