«Nur mit einem wirklich optimalen Konzept hätte die Schweiz eine Chance»

Dres von Weissenfluh war Generaldirektor der Olympiakandidatur «Bern 2010». Er kritisiert das Olympiakonzept der Bündner. Er sagt, bei einer guten Kandidatur müsste eine Stadt eingebunden sein.

Ob das Skigebiet der Region Davos zum Austragungsort für Olympische Spiele werden könnte, entscheiden die Bündner am 3.März.

Ob das Skigebiet der Region Davos zum Austragungsort für Olympische Spiele werden könnte, entscheiden die Bündner am 3.März.

(Bild: Keystone)

Mischa Aebi@sonntagszeitung

Herr von Weissenfluh, am 3.März entscheiden die Bündner, ob sie für Olympia 2022 kandidieren wollen. Was denken Sie? Dres von Weissenfluh: Ich schaue dieser Abstimmung mit gemischten Gefühlen entgegen.

Warum? Die Situation weckt Erinnerungen an unsere Abstimmung 2002, als die Bevölkerung des Kantons Bern mit einer Dreiviertelmehrheit die Olympiakandidatur «Bern 2010» ablehnte.

Die Botschaft der Berner war damals: Olympische Spiele sind zu gross für uns. Hatten Sie die Situation damals falsch eingeschätzt? Die Dimensionen des Grossanlasses waren der Grund für die Ablehnung, das stimmt. Die Berner sagten: Macht lieber kleinere Anlässe wie Eishockey-Weltmeisterschaften und Fussball-Europameisterschaften. Das haben wir dann auch so umgesetzt.

Wenn die Olympischen Spiele schon für Bern zu gross sind, sind sie es dann nicht auch für das Bündnerland? Die Ausgangslage bezüglich Grösse ist genau dieselbe wie damals. Man sprach bei der Berner Kandidatur von den «kleinen und nachhaltigen Spielen», und man spricht heute bei den Bündnern wieder von «kleinen und nachhaltigen Spielen» und davon, dass das Olympische Komitee (IOC) bezüglich der Dimensionen des Anlasses Abstriche machen müsste.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Promotoren der Bündner Kandidatur? Sie leisten eine gewaltige Arbeit, eine Herkulesarbeit, muss man sagen.

Machen es die Bündner Promotoren besser als Sie damals? Der direkte Vergleich ist schwierig. Wir hatten damals ein Budget von 7 Millionen Franken für die Kandidatur. Und wir mussten ohne öffentliche Gelder auskommen. Den Promotoren der Kandidatur im Bündnerland stehen hingegen 60 Millionen zur Verfügung. Die Hälfte stammt aus öffentlichen Geldern von Kanton und Bund. Das zeigt auch, dass die Haltung des Bundes und des Kantons heute ganz anders ist.

Auch die geschätzten Kosten für die Durchführung der Spiele sind sehr viel höher, als sie für «Bern 2010» gewesen wären. Das ist ein weiterer krasser Unterschied zu damals. Die Durchführungskosten wären 2010 gedeckt worden durch Geld aus Übertragungsrechten vom IOC. Für die Kandidatur 2022 muss der Bund eine unbeschränkte Defizitgarantie gewähren, gemäss heutigem Budget würde eine Milliarde Franken beansprucht.

Wenn sich eine Überschreitung abzeichnet, würden die Spiele zurückgegeben. Glauben Sie daran? Es ist fraglich, ob man dies bei steigenden Kosten wenige Jahre vor der Austragung in Anbetracht der bereits getätigten Investitionen und des drohenden Imageverlustes noch machen würde.

Wie war das mit der Defizitgarantie, als Sie mit «Bern 2010» kandidierten? Die Frage nach einer Defizitgarantie des Bundes hatte sich für «Bern 2010» nicht in dieser Form gestellt, weil wir bei viel kleineren budgetierten Durchführungskosten fast noch mehr Geld aus Werberechten erhalten hätten, als heute im Bündnerland erwartet wird.

Hört man Ihnen zu, hat man das Gefühl, zwischen den Dimensionen von Olympia im Jahr 2010 und Olympia 2022 liegen Welten. Das ist so. Und ich denke manchmal, wenn man schon damals Angst hatte, einen solchen Anlass zu bewältigen, müssten die Bedenken für 2022 noch viel grösser sein, weil man nun auch die Erkenntnisse der Spiele von Vancouver 2010 hat und die Exzesse der Spiele 2014 in Sotschi sieht.

Es klingt, als seien Sie im Gegensatz zu damals nicht mehr überzeugt, dass eine Olympiade in der Schweiz eine gute Sache ist. Ich bin im Grundsatz nach wie vor überzeugt: Wenn irgendwo auf der Welt Olympische Spiele wirtschaftlich und gleichzeitig nachhaltig und ökologisch durchgeführt werden können, dann hier in der Schweiz.

Aber? ...wohl nicht mit dem Konzept, das die Kandidatur im Bündnerland vorsieht.

Was ist denn so falsch an diesem Konzept? Eine Olympiade in der Schweiz kann meiner Meinung nach nur dann sinnvoll sein, wenn Städte und Berggebiete sich in der Austragung der Spiele ergänzen.

Warum? Wir Schweizer sind uns zu wenig bewusst, dass Olympische Spiele nicht nur aus Ski alpin, Langlauf und Bobrennen bestehen. Ein Grossteil der wichtigen Sportarten an Olympischen Winterspielen sind Indoorsportarten, zum Beispiel Eiskunstlauf, Eishockey, Eisschnelllaufen und Curling. Das Olympische Komitee schreibt die minimalen Dimensionen der Indooranlagen vor. Riesige Anlagen müssen aufgestellt werden.

Gehören solche riesige Indooranlagen Ihrer Meinung nach ausschliesslich in Städte? Ich bin überzeugt, dass der Bau solcher Anlagen wirtschaftlich und ökologisch in urbanen Gebieten nachhaltig sein kann. Bei «Bern 2010» wären Indoorstadien in Bern, Freiburg, Langnau und Zürich gebaut oder bestehende Anlagen saniert worden. Dass die Anlagen problemlos weiter genutzt würden, zeigt sich heute: Bern und Langnau sind erneuert, Freiburg hat ein Projekt.

Sie finden die aktuell aufgegleiste Bündner Kandidatur also alles andere als optimal. Nein, so, wie das Konzept zurzeit aufgegleist ist, ist es nicht optimal. Schon unsere Bewerbung musste sich bei der Bewertung durch das IOC Abstriche gefallen lassen. Unser Dossier lag nach der Vorausscheidung von acht Bewerbern auf Rang vier, hinter den anderen Kandidaturstädten Salzburg, Pyongyang und Vancouver. Wir lagen, solange wir in der Endausscheidung waren, auf dem letzten Platz. Unser Konzept der kleinen Spiele genügte in wichtigen Punkten den hohen Ansprüchen des IOC nicht.

Wo nicht? Wir hatten ein olympisches Dorf in Bern Brünnen geplant, das galt wegen der Nähe der Autobahn als suboptimal. Eigentlich erstaunlich, wurde doch die Überbauung im Nachhinein auch ohne Olympische Spiele realisiert, wie wir das vorgeschlagen hatten.

Und das Konzept der Bündner bezüglich Unterkünften? Dieses Konzept mit zum Teil mobilen Zimmern im Alpenraum, die nach den Spielen wieder abgebaut würden, wird sicher nicht Bestnoten erhalten.

Ein wirklich gutes Olympiakonzept ist in der Schweiz Ihrer Meinung nach also doch nicht möglich, oder? Die Schweiz ist sehr wohl in der Lage, Olympische Spiele durchzuführen, aber nur mit einer wirklich optimalen Kandidatur, die auf die Vorgaben des IOC abgestimmt wird. Sonst hat sie keine Chance.

Was sagen Sie zur euphorischen Unterstützung durch Bundesrat Ueli Maurer? Wir hatten damals Samuel Schmid als zuständigen Bundesrat. Er war stets auf Distanz zu unserer Bewerbung, wohl auch das damalige politische und wirtschaftliche Umfeld berücksichtigend. Wir hätten uns mehr Unterstützung aus Bundesbern gewünscht. Diesen Vorwurf kann man Ueli Maurer nun jedenfalls nicht machen. Mischa AebiDres von Weissenfluh ist seit 2009 Leiter Public Affairs bei den Kraftwerken Oberhasli. Zwischen 1997 und 2009 war der Ökonom Leiter des Wirtschaftsamtes der Stadt Bern und Chef der Wirtschaftsförderung Region Bern.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt