Nikolaus Senn: «Millionensaläre breit zu streuen, ist völlig falsch»

Der 86-jährige Nikolaus Senn hat bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) eine glanzvolle Karriere hingelegt. Die heutige Bonipolitik der Grossbanken findet der UBS-Ehrenpräsident verfehlt. Seiner Ansicht nach braucht es einen Mentalitätswandel.

UBS-Ehrenpräsident Nikolaus Senn freut sich, wenn ihn Banker um Rat fragen. «Dann komme ich mir manchmal vor wie ein alter Fuchs.»

UBS-Ehrenpräsident Nikolaus Senn freut sich, wenn ihn Banker um Rat fragen. «Dann komme ich mir manchmal vor wie ein alter Fuchs.»

(Bild: Keystone)

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Banker haben heute ein schlechtes Image. Würden Sie, wenn Sie nochmals jung wären, wieder diesen Beruf wählen?Nikolaus Senn: Ja, selbstverständlich. Ich bin mit Leib und Seele Banker. Ich stamme aus einer Bankerfamilie. Mein Vater war Direktor der Kantonalbank von Appenzell Innerrhoden. Als kleiner Junge habe ich jeden Abend mit ihm einen Spaziergang gemacht. Und dann haben wir «bänklet». Dort habe ich meine Basis oder meine Geschmacksrichtung fürs Banking erhalten.

Was hat Ihnen Ihr Vater auf den Dorfspaziergängen erzählt? Er hat mir erklärt, was eine Bank macht und wie sie es macht. Und wo die Probleme liegen. Er war ein sehr aufgeschlossener Banker. Und das hinten im Appenzellerland. Er war so etwas wie der Banker-Liebgott.

Und wie stiegen Sie dann ins Bankgeschäft ein? Das dauerte noch eine Weile. Nach Abschluss meines Jusstudiums im Februar 1950 reiste ich nach England, um meine Englischkenntnisse zu verbessern, und blieb dort ein halbes Jahr. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz ging ich nach St.Gallen, um dort mein Anwaltspatent zu machen. Anschliessend fand ich eine Stelle in einem Anwaltsbüro und war dort als Anwalt tätig. Leider musste ich mich fast ausschliesslich mit Ehescheidungen und Vaterschaftsprozessen herumschlagen, und das vertrug ich auf die Dauer nicht. Ich musste mir eine andere Beschäftigung suchen. Mein Vater riet mir, eine Tätigkeit bei einer Bank zu suchen. So kam ich zur damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft, der heutigen UBS.

Tut es Ihnen weh, zu sehen, wie das Bankgeschäft in der Krise steckt? Nein, so ist es nicht. Zumindest in der Schweiz steckt, von seltenen Ausnahmen abgesehen, keine Bank in Schwierigkeiten. Die Kantonalbanken zum Beispiel stehen sehr gut da.

Und wie solid sind die Grossbanken?br> Die Credit Suisse hat seit ein paar Jahren Schwierigkeiten. Sie haben öfters keine Topleute an die Spitze geholt. Das Problem besteht darin, dass mittelmässige Chefs mittelmässige Nachfolger auswählen. Die Verantwortlichen der Credit Suisse rekrutierten vor allem vor einigen Jahren Manager, die eigentlich keine richtigen Banker waren.

Doch vor vier Jahren stand die UBS, deren Ehrenpräsident Sie sind, am Abgrund und musste von der Nationalbank und vom Bund gerettet werden. Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe, die zu diesem Debakel führten?br> Die UBS hat zu stark expandiert, namentlich im Ausland. Zudem waren Leute am Ruder, die ihre Berufserfahrung im Ausland geholt und den dortigen Habitus übernommen haben. Und das hat häufig geschadet. Nach der Rettung durch den Staat war eine Korrektur nötig. Und die UBS musste wieder besser in der Schweiz verankert werden und nicht in Shanghai oder sonstwo. Das ist sie heute wieder. Die UBS ist in der Schweiz wieder die stärkste Bank.

Die Nationalbank kritisierte kürzlich, dass die UBS immer noch ein zu kleines Eigenkapital aufweise. Was sagen Sie dazu? Beim Eigenkapital kommt es darauf an, wie man es rechnet. Wichtig ist, dass man bei der Berechnung auch die entsprechenden Risiken berücksichtigt.

Was können die Banken denn tun, um ihre Eigenkapitalbasis zu stärken? Sie müssen sorgfältig mit ihrem Geld umgehen und auch wieder Reserven bilden. Und nötigenfalls keine Dividenden ausbezahlen. Das haben wir bei der UBS so gemacht. Und wir erhielten kaum negative Reaktionen.

Führten die Boni dazu, dass die Banker, um schnell reich zu werden, zu hohe Risiken eingingen? Ja, einige wollten das um jeden Preis erreichen. Zudem hat man ihnen Vorbilder präsentiert, die Millionäre oder gar Milliardäre geworden sind. Doch die hohen Saläre sind nicht nur ein Problem der Banken. Auch in der Industrie werden Saläre bezahlt, die ich von Anfang an als überrissen beurteilte.

Sie haben zum Ende Ihrer Karriere als UBS-Präsident inklusive Bonus 2 Millionen Franken verdient. War nicht schon damals die Versuchung gross, sich höhere Saläre zu genehmigen? Am Ende meiner Tätigkeit bei der UBS wollte der Verwaltungsrat meine Entschädigung erhöhen, weil die UBS damals so stark gewachsen war. Doch ich habe damals gesagt: Bis dahin und nicht weiter. Übertriebene Löhne sind nicht vertretbar, sozial und in der Öffentlichkeit. Das wurde so geschluckt.

Doch die Bankenvertreter sagen, dass man solche hohe Löhne bezahlen müsse, sonst wanderten die besten Banker zur Konkurrenz. Davon halte ich nichts. Die Löhne müssen zwar in einer gewissen Bandbreite liegen, aber man darf nicht ständig auf die Konkurrenz schielen. Ich habe nichts dagegen, wenn wirklich ausserordentliche Leistungen mit einem Bonus belohnt werden. Aber es geht nicht, dass Millionensaläre einfach so breit gestreut werden. Das erachte ich als völlig falsch.

Die Berner Kantonalbank hat eine Regel erlassen, dass der höchste Lohn maximal 20-mal so hoch sein darf wie der tiefste bezahlte Lohn. Eine sinnvolle Regel? So einfach lässt sich das auch nicht generalisieren. Die Berner Kantonalbank ist nicht auf dem gleichen Markt tätig wie eine Grossbank. Deshalb ist eine solche Regel nicht auf die Grossbanken übertragbar. Was es aber braucht, ist ein Mentalitätswandel. Die Verwaltungsräte müssen selbst Überlegungen anstellen und Augenmass dafür entwickeln, was eine vernünftige Entschädigung ist. Wenn beispielsweise ein guter Angestellter 50-mal weniger verdient als ein Vizedirektor oder ein Direktor, dann ist das falsch. Die Proportionen müssen stimmen.

Diese stimmten aber vor allem bei den Löhnen, die in der obersten Etage bezahlt wurden, nicht mehr. Ja, genau. Wenn ich höre, dass jemand 50 oder 100 Millionen Franken im Jahr als Salär und Bonus verdient, dann ist das überrissen. Ein Einzelner kann gar nicht so viel Geld verdienen.

Wie viel würden Sie heute einem Geschäftsleitungsmitglied einer Schweizer Grossbank zahlen? Das Risiko besteht nicht darin, zu tiefe Löhne, sondern zu hohe Löhne zu bezahlen. Einen Betrag von 5 Millionen Franken würde ich höchstens ausrichten, wenn jemand eine ausserordentliche Leistung erbracht hat. Aber sicher nicht für alle Mitglieder einer Geschäftsleitung. Wichtig ist aber, dass entsprechend der Leistung bezahlt wird. Wenn ein Geschäftsleitungsmitglied doppelt so gut arbeitet wie ein anderes, dann hat es auch einen doppelten Lohn verdient, oder zumindest 50 Prozent mehr. Doch den heutigen Chefs fehlt der Mut, mit ihren Mitarbeitern Klartext zu sprechen.

Der Bundesrat schlägt nun vor, dass die Banken künftig eine Weissgeldstrategie verfolgen. Was halten Sie davon? Die Bankberater werden die ausländischen Kunden in Zukunft schon fragen können, ob das Geld versteuert sei. Aber die grosse Frage ist, ob die Antwort dann ehrlich sein wird. Die Bank kann nicht Richter spielen, ob jemand sein Vermögen versteuert hat oder nicht.

Ist die Schweiz nach wie vor ein Hort für unversteuerte Gelder? Ich wage zu behaupten, dass in der Schweiz gar nicht mehr so viel unversteuertes Geld liegt. Ein Teil des Geldes, das früher unversteuert war, wird jetzt versteuert. Und einen anderen Teil haben die Kunden nach Singapur und in andere Steuerparadiese verlagert. Ich gehe davon aus, dass heute im Fernen Osten mehr unversteuertes Geld liegt als in der Schweiz.

Wie schlimm ist die Eurokrise für die Schweiz? In der Schweiz sind wir nicht in einer Krise. Wir haben eine Arbeitslosenquote, die im Vergleich mit dem Ausland sehr tief ist. Auch die Löhne sind hoch. Aber viele Leute haben wegen der Berichterstattung in den Medien den Eindruck, dass die Schweiz in einer Krise stecke. Wenn wir in der Schweiz kein Wachstum von drei, vier Prozent haben, dann heisst es schon, dass wir in einer Krise stecken. Das ist doch ein «Chabis». Es ist gar nicht möglich, auf Dauer solche Wachstumsraten zu erzielen.

Und für Europa? Zahlreiche Banken und andere Unternehmen haben über längere Zeit 100 Franken eingenommen und 110 Franken ausgegeben. Diese stecken nun in Schwierigkeiten. Hinzu kommen Länder, welche Probleme haben und denen man helfen muss, wie Spanien, Griechenland oder Portugal. Das kann schliesslich wieder für die Banken schlimm werden. Aber trotz allem bleibe ich ein Optimist. Denn ohne Optimist zu sein, ist jedes Wirtschaften sinnlos.

Wird es eine Lösung für die Eurokrise geben? Es gibt immer eine Lösung. Auch für den Euro.

In Ihrer Karriere haben Sie auch den früheren südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela getroffen. Wie haben Sie ihn erlebt? Nelson Mandela war ein guter Freund von mir. Er hatte eine ganz klare Vorstellung davon, was in Südafrika zu tun ist. Ich hätte zwar nicht alles unterschrieben, was er entschieden hat. Aber das war seine Sache und die Sache der Südafrikaner. Über alles gesehen hat er aber viel getan für die Öffnung des Landes.

Sie sind jetzt 86-jährig. Wie erleben Sie das Alter? Gut. Ich geniesse es. Ich habe, seit ich 72 Jahre alt war, keine Ämter angenommen, die viel zu tun geben. Meine Frau und ich leben sehr frei. Wir gehen beispielsweise gerne auf eine Kreuzfahrt. Oder wir machen einen Ausflug in der Schweiz.

Spielen Sie nach wie vor Golf? Ja, in diesem Sommer verbringen wir zwei Monate in unserer Ferienwohnung auf der Lenzerheide. Wenn das Wetter mitspielt, will ich jeden zweiten Tag Golf spielen. Im Winter spiele ich Curling.

Wie halten Sie sich auf dem Laufenden? Ich lese die NZZ und blättere den «Tages-Anzeiger» und die «Zürichsee-Zeitung» durch. Und manchmal lese ich den «Blick» oder den «Appenzeller Volksfreund». Zudem lese ich viel.

Und nutzen Sie den Computer? Nein, da habe ich mich nicht auch noch reingestürzt. Meine Frau ist gut in Sachen Computer, ich nicht. Sie holt alles raus, was wir brauchen.

Und das Rauchen haben Sie nie aufgegeben? Nein. Seit ich achtzehn Jahre alt bin, rauche ich. Ich habe deswegen bisher kaum Beschwerden gehabt.

SVP-Nationalrat Christoph Blocher ist quasi Ihr Nachbar. Haben Sie noch Kontakt zu ihm? Er war Offizier in meiner Kompanie. Eine gewisse Zeit hatten wir sehr regen Kontakt, die Beziehung hat sich im Laufe der Zeit infolge der beidseitigen Belastungen aber etwas abgekühlt. Wenn wir uns jedoch zufälligerweise treffen, führen wir meistens einen Gedankenaustausch über politische und ökonomische Fragen.

Sie haben kürzlich mit Ihrer Frau die diamantene Hochzeit gefeiert. Was ist Ihr Rezept für eine gute Ehe? Man muss sich lieben. Und dann muss man bereit sein, zu akzeptieren, dass der Partner oder die Partnerin eine andere Meinung hat. Und dann muss man gemeinsam den Rank finden. Und den haben wir immer gefunden.

Was vermissen Sie im Alter? Nicht viel. Was ich noch sehr schätze, wenn Exponenten der UBS mich um Rat fragen. Dann komme ich mir manchmal vor wie ein alter Fuchs.

Berner Zeitung

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