Nicht nur Longchamp lag Trendumfrage weit daneben

Erst die Überraschung, dann die Suche nach den Sündenböcken: Nach dem deutlichen Nein zu den Abstimmungsvorlagen vom Wochenende geraten die Umfragen von Claude Longchamp wieder in die Kritik.

39 Prozent Ja, 56 Prozent Nein und 5 Prozent Unentschlossene: Dieses Stimmungsbild vermittelte das von Politikwissenschaftler Claude Longchamp ermittelte SRG-Abstimmungsbarometer zehn Tage vor der Abstimmung über die Ecopop-Initiative. An der Urne waren es am Sonntag dann bloss 25,9 Prozent Ja und wuchtige 74,1 Prozent Nein.

Wie kommt es zu diesen Abweichungen? Zunächst ist festzuhalten, dass Longchamp keine Prognosen erstellt, sondern Umfragen durchführt und damit jeweils eine Momentaufnahme macht.

Die Kritik der «Fehlprognosen» zielt deshalb am Gegenstand vorbei. Kritisiert werden kann allenfalls die Auswahl der Befragten oder die Art der Fragen. Aber Tatsache ist, dass in der ersten Novemberhälfte zwei von fünf dieser Befragten erklärten, sie wollten der Ecopop-Initiative zustimmen.

Schlussspurt unberechenbar

Die Befragungen für das am 19.November veröffentlichte Barometer fanden vom 7. bis zum 15. November statt. In den letzten zehn Tagen vor der Abstimmung dürfen keine Umfragen mehr publiziert werden. Aber in den letzten drei Wochen vor dem Urnengang kann noch viel passieren.

Die Zeitung «20 Minuten», die seit einiger Zeit auf der Basis von Onlineumfragen eigene «gewichtete» Abstimmungsprognosen publiziert, kam Mitte Oktober gar auf einen Wert von 53 Prozent der Befragten, die Ecopop zustimmen wollten. In der dritten Umfrage von Mitte November resultierte ein gesunkener Wert von 36 Prozent.

Die vom Politologen Oliver Strijbis betriebene Plattform Politikprognosen.ch, bei der ähnlich wie bei einem Wettbüro Prognosen abgegeben werden, kam auf 35 Prozent. Und der ebenfalls von Strijbis und dem Berliner Politologen Laurent Bernhard bestrittene Blog 50plus1.ch publizierte eine Prognose für 34 Prozent – basierend auf der GFS-Trendstudie von Longchamp.

SVP-Wähler sprangen ab

Daneben lagen sie also alle – aber warum? Claude Longchamp erklärt sich den Stimmungsumschwung vor allem mit Bewegungen in der letzten Phase des Abstimmungskampfes: Im rechten Wählersegment habe eine starke Demobilisierung stattgefunden.

Allein zwischen der ersten und der zweiten Befragung sei die Beteiligungsabsicht in der SVP-Wählerschaft von 62 auf 47 Prozent gesunken und habe sich offenbar noch weiter in dieser Richtung fortgesetzt.

Die SVP weise mit Abstand das höchste Mobilisierungspotenzial aller Parteien auf, erklärt Longchamp. Dass sie Ecopop nicht unterstützte, habe bei ihrer Wählerschaft zu breiter Verunsicherung geführt.

Linke legen nach

Gleichzeitig stieg die Mobilisierung im linken Spektrum, nachdem in verschiedenen Medien ein knapper Abstimmungsausgang prognostiziert worden war. Insgesamt lag die Stimmbeteiligung mit 50 Prozent dann 6 Prozentpunkte unter jener vom 9. Februar, als über die Initiative «Gegen Masseneinwanderung» abgestimmt worden war. Im Tessin lag sie am letzten Wochenende mit 46 Prozent sogar um 11 Prozent tiefer als am 9. Februar.

Medien lagen auch daneben

Die gröbsten Fehleinschätzungen stammten vor der Abstimmung aber ganz offenkundig von einzelnen Medien. «Ich kann mich jedenfalls an zahlreiche Journalisten erinnern, die vor der Abstimmung vom 30. November fanden, ich würde mit meinen Prognosen des Ja-Anteils viel zu tief liegen», meint Claude Longchamp lakonisch.

Berner Zeitung

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