Neues Leben für ausgediente Schweizer Armeebunker

Nach dem Kalten Krieg hat die Schweizer Armee Tausende Bunker und befestigte Anlagen stillgelegt. Einige haben ein zweites Leben erhalten. Man findet darin heute Käse, Pilze, Datenspeicher – oder Touristen.

Pilzzüchter Alex Lussi nützt in Erstfeld und Stansstad die ausgedienten Anlagen.
Video: SDA

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Die Bunker der Schweizer Armee beflügelten die Vorstellungskraft schon immer. Ihr Mysterium ist jedoch seit einigen Jahrzehnten angeschlagen. Mangels militärischem Nutzen wurde ein Teil der Anlagen stillgelegt und verkauft. Käufer sind hauptsächlich Gemeinden, Stiftungen oder Verbände, die historische Anlagen erhalten wollen. Der Verein Festungsmuseum Full-Reuental hat rund hundert Bauten im Aargau, zwischen Brugg und Koblenz, in seinem Eigentum.

Gekauft hat der Verein die Anlagen ausgeräumt und vollständig waffenlos. Bevor sie zum Besichtigen freigegeben werden, werden sie wieder eingerichtet. Möglichst originalgetreu. Ein Vorgang, der einige Zeit in Anspruch nehmen kann.

Atom- und Infanteriebunker

«Aktuell renovieren wir einen Kommandoposten», sagt Vereinsvizepräsident Urs Ernst. «Wir hoffen, ihn bis 2018 bereit zu haben.» Neben dem Kommandoposten besitzt der Verein zahlreiche andere Anlagen. Darunter sind Infanteriebunker, Panzersperren, Krankenstationen, Atombunker oder Munitions­lager. Jährlich besuchen um die 500 Personen das Gelände mit den ehemaligen Bauwerken. Vor Ort können sie sich von einem Museumsangestellten ein Stück Geschichte über jeden Bau erzählen lassen oder an einer geführten Wanderung durch die Anlagen teilnehmen. «Mit einem Apéro als Zugabe, falls erwünscht», sagt Ernst.

Perfekt für Käse

Die Bunker lassen nicht nur die Vergangenheit wieder aufleben – sie haben noch ganz andere Qualitäten. «Ihr Klima ist grossartig dafür, Käse ausreifen zu lassen», sagt Jean-Baptiste Grand, Direktor von Huguenin Fromages SA. Das Westschweizer Unternehmen lagert zwischen 8000 und 10'000 Laibe im Fort de la Tine, zwischen Montbovon FR und Rossinière VD. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei nahezu 100 Prozent, mit Schwankungen von 1 bis 2 Prozent das ganze Jahr über. Auch die Temperatur bewegt sich nur wenig, nämlich zwischen 11 und 11,5 Grad. Der Bunker habe eine Ambiance wie eine natürliche Grotte, sagt Grand.

Das hat auch Alex Lussi fest­gestellt. «Das Klima ist einer der grossen Vorteile der Bunker», sagt er. Die Temperatur liege bei 13, 14 Grad im Sommer und bei ­etwa 11 Grad im Winter. Lussi ist Besitzer von Lussi Pilze und Gotthard Bio Pilze. Er züchtet in zwölf ehemaligen Munitionsdepots in Erstfeld UR und in einer Grotte in Stansstad NW jedes Jahr rund 125 Tonnen Pilze.

Daten und Touristen

«Früher lagerte man Geld in der Schweiz. Heute ist das auch mit Daten möglich», sagt Lydia Schröder-Strüb von Deltalis. Das Unternehmen hat drei Bunker mit einer Fläche von insgesamt 15'000 Quadratmetern gekauft und darin ein Zentrum für die Datenspeicherung eingerichtet. «Der Ort ist ideal», sagt Schröder-Strüb. Besonders nützlich seien der Zugang zu Strom und Internet sowie ein Vorrat an frischem Wasser, wenn es um das Kühlen von Informatikservern gehe.

Aber nicht nur Daten ruhen im Innern der Schweizer Berge. Das frühere Artilleriefort San Carlo unter dem Gotthardpass, in der Gemeinde Airolo TI, ist nun das Seminarhotel La Claustra. Befürchtungen, dort an Klaustrophobie leiden zu müssen, sind ­jedoch fehl am Platz. Das Hotel ist ein Luxushaus, mit Entspannungszone und Restaurant. Nach den Worten von Gerant Rainer Greissmann «verlieren die Gäste das Zeitgefühl und sind dankbar dafür».

Auch ganz persönlichen Zwecken können ehemalige Festungen dienen. Während einer eine Festung gekauft haben mag, um einem lästigen Nachbarn auszuweichen, verwandelt ein anderer den erworbenen Betonbau in einen Keller und setzt sein Chalet obendrauf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.07.2017, 11:54 Uhr

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