Nachbarländer ur­teilen am kritischsten über die Schweiz

Eigentlich geniesst die Schweiz einen guten Ruf, wie der Imagemonitor von Präsenz Schweiz zeigt. Doch nicht bei allen.

Wer an die Schweiz denkt, denkt oft an Schokolade und Berge. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Wer an die Schweiz denkt, denkt oft an Schokolade und Berge. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Die Schweiz geniesst im Ausland einen guten Ruf. Sie wird in Verbindung gebracht mit einer stabilen Wirtschaft, schönen Berglandschaften und traditionellen Produkten wie Uhren und Schokolade. Auch der Finanzplatz schadet dem positiven Bild nicht. Zu diesem Schluss kommt eine repräsentative Umfrage von Präsenz Schweiz, wie die Organisation gestern mitteilte. Befragt wurde in neunzehn Staaten. Darunter sind Nachbarländer wie Deutschland, Italien oder Frankreich. Aber auch die USA, Brasilien, Indien oder China. Was dabei auffällt: Nachbarländer ur­teilen kritischer über die Schweiz.

Mit der Umfrage – dem sogenannten Imagemonitor – will Präsenz Schweiz herausfinden, wie die breite Bevölkerung im Ausland die Schweiz sieht. Es ist die zweite Erhebung dieser Art. Künftig soll die Umfrage alle zwei Jahre wiederholt werden, um Entwicklungen festzustellen. Gefragt wird etwa nach Spontanassoziationen oder Stärken und Schwächen der Schweiz. Weiter werden Fragen zu Themen wie Wirtschaft, Forschung, Bildung oder Europa gestellt.

Im Begleitschreiben zur Umfrage hebt Präsenz Schweiz die guten Bewertungen hervor. Häufig ist die Rede von einem «sehr guten Ruf» oder von einer «sehr guten Reputation und Qualität». So etwa im Bereich Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit. Die Befragten stimmten zu, dass die Schweiz ein attraktiver Arbeitsort und unternehmerfreundlich ist. Kritischer betrachteten die Befragten die ethische Verantwortung von Schweizer Unternehmen. Insbesondere die Befragten aus den Nachbarländern.

Offen und tolerant?

Die Schweiz wird in der Umfrage als Land eingeschätzt, das kompetent regiert wird. Die Teilnehmer anerkennen zudem den Nutzen der Neutralität für die Vermittlung in Konflikten und die Guten Dienste. Weniger Zustimmung findet diese Aussage in Frankreich und Italien.

Die kritische Haltung der Nachbarländer zieht sich bei anderen Themen weiter: Nur die Hälfte der Befragten aus Italien, Frankreich und Deutschland findet, dass die Schweiz zum Wohlstand in Europa beiträgt und beim Abbau von Ungleichheiten mithilft. Sie bezweifeln auch, dass die Schweiz ein offenes und tolerantes Land ist. Die Befragten in Italien finden gar, dass die Schweiz kein freundliches Land ist.

Nicolas Bideau, Direktor von Präsenz Schweiz, überrascht die Diskrepanz zwischen Nachbarstaaten und anderen Ländern nicht. «Das Bild der Schweiz in der Welt prägen vor allem Exportprodukte wie Schokolade.» Das werde meist positiv bewertet. Politische oder wirtschaftliche Themen würden weniger wahrgenommen. Anders sei dies in Nachbarländern. «Grenzüberschreitende Ereignisse sorgen für Reaktionen und Medienberichte, die weniger positiv sind», sagt Bideau. Das könne in Frankreich etwa der UBS-Prozess sein. Mit Italien wiederum gebe es Spannungen an der Grenze.

«Migration und andere Ereignisse rund um die Grenze sind dort grosse Themen, die sehr politisch sind.» Dies könnte laut Bideau ein Grund sein, warum die Wahrnehmung in Italien differenzierter ist als in anderen Ländern. «Vielleicht sind Italiener aber auch einfach generell kritischer als Personen aus anderen Ländern.»

Heikle Fragen

Die Umfrage ist indes nicht überall repräsentativ für die gesamte Bevölkerung. In Indien, Marokko, Brasilien, Russland oder den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde die Umfrage auf den urbanen Bevölkerungsteil beschränkt, der Zugang zu Ressourcen und Bildung hat. Den anderen Teil der Bevölkerung erreiche die Schweiz mit ihrer Kommunikation gar nicht.

Eine weitere Einschränkung der Erhebung betrifft eine Frage zu den Volksabstimmungen. Die Befragten mussten angeben, ob sie diese als Stärke des politischen Systems wahrnehmen. Teilnehmende aus China, Russland, Kasachstan und den Ver­einigten Arabischen Emiraten gaben dazu keine Antwort. Laut Präsenz Schweiz hat man in diesen Ländern auf die Frage verzichtet, weil sie dort möglicherweise als politisch heikel wahrgenommen worden wäre – etwa als implizite Kritik an den lokalen politischen Systemen.

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