Nach der Mediation forderte sie plötzlich Unterhalt

Beide arbeiten, beide schauen zu den Kindern, keiner zahlt Unterhalt – so war es schriftlich vereinbart. Nach der Trennung kam es anders.

Elternvereinbarungen sollten der Kesb zur Genehmigung vorgelegt werden, empfehlen Experten. Foto: Plainpicture

Elternvereinbarungen sollten der Kesb zur Genehmigung vorgelegt werden, empfehlen Experten. Foto: Plainpicture

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mann ist verzweifelt. Er habe jetzt auch noch Probleme bei der Arbeit, erzählt er. Dabei habe es in der Firma gut ausgesehen für ihn. Doch der Kampf um Kinder und Geld habe ihn so belastet, dass er nicht mehr dieselbe Leistung habe erbringen können. «Wenn jemand droht, dir würden die Kinder weggenommen, kannst du nicht mehr klar denken», sagt er.

Er (36), politisch aktiv, würde gerne hinstehen mit vollem Namen und seine Geschichte erzählen. Doch es ist auch die Geschichte seiner zwei Buben, noch im Kleinkindalter, und seiner Ex-Freundin. Sie sollen geschützt werden. Also bleibt der Mann anonym. Er heisst hier Philipp Meier*.

Meier und seine Freundin waren ein Paar von heute. Das merkt man daran, dass sie nicht verheiratet sind, und dass beide berufstätig sind, sie als kaufmännische Angestellte, er als Elektroingenieur. Bis zur Geburt des ersten Kindes beide 100 Prozent, danach er 80 Prozent, sie 60 Prozent. Man merkt es auch an den Grundsätzen, die sie gemeinsam in einer Elternvereinbarung und in einem Konkubinatsvertrag festgehalten haben. Etwa: «Die Eltern vereinbaren, für den Fall der Trennung für den Sohn die gemeinsame Obhut mit wechselnder Betreuung beizubehalten.» Und: «Im Fall einer Trennung verzichten wir gegenseitig auf persönliche Unterhaltsbeiträge.»

Genehmigung der Kesb fehlt

Haushalts- und Kinderkosten haben sie bis ins Detail aufgeteilt und geregelt. Weil der Mann mit rund 7000 Franken mehr verdient als die Frau (4000 Franken), bezahlte er die Kita-Kosten, die Krankenkassenprämien für die Kinder sowie Strom, Wasser, Internet, Billag-Gebühren und die übrigen Versicherungsprämien für alle vier.

Zehn Jahre lang waren sie ein Paar, und als das erste Kind kam, regelten sie alles schriftlich. Rechtlich sind die Papiere jedoch ungültig. Experten empfehlen unverheirateten Paaren mit Kindern, ihre Vereinbarungen von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) genehmigen zu lassen. Meier und seine Ex-Partnerin haben das nicht getan. Es fehlt auch die Unterschrift der beiden. Und doch ist auf den Entwürfen erkennbar, dass sie zu zweit daran gearbeitet haben. Es sind handschriftliche Notizen der Frau darauf, Ergänzungen, Erläuterungen, offene Fragen.

Das Klima hat sich nach der Mediation massiv verschlechtert.

Warum sind sie nicht zur Kesb gegangen? «Wir haben unser Rollenverständnis ausdiskutiert», sagt Meier. «Aufgrund des Konsenses sah ich keinen Grund, den Vertrag zu unterschreiben.» Er spricht von «naivem Vertrauen».

Die Genehmigung durch die Kesb wäre nützlich gewesen. Denn heute, drei Jahre später, scheint der Inhalt der beiden Entwürfe nicht mehr zu gelten. Meiers Ex-Freundin klagt auf einen substanziellen Unterhaltsbeitrag, die alternierende Obhut lehnt sie nun ab. Und weil der Streit um die Kinderbetreuung eskaliert ist, musste die Kesb eingreifen.

Wie konnte es so weit kommen? Phi­lipp Meier sieht den Wendepunkt rückblickend in der Mediation. In der Elternvereinbarung steht: «Bei Konflikten oder unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten über wichtige Kinderbelange wenden sich die Eltern an eine geeignete Person oder Fachstelle.» Das haben sie gemacht. «Leider», wie Philipp Meier heute sagt. Denn bis dahin seien sie sich im Grossen und Ganzen einig gewesen. Die zuvor gelebte Betreuungsregelung, bei der Vater und Mutter etwa gleich viel Zeit für die Kinderbetreuung aufwendeten, galt weiterhin. Die beiden Wohnungen lagen nahe beieinander. Er bezahlte 1000 Franken an die Wohnung von Frau und Kindern sowie weiterhin Kita und Krankenkasse für die Kinder.

«Klar für die Frau Stellung bezogen»

Doch mit der Mediation habe sich das Klima massiv verschlechtert, erzählt der Vater. Die Leute auf der Mediationsstelle hätten von Anfang an «klar für die Frau Stellung bezogen», deren finanziellen Bedarf in einer Tabelle zusammengetragen. «Die Ex-Freundin wurde gefragt, ob ein 60-Prozent-Pensum für sie nicht zu viel sei», erzählt Meier. «Dass ich 80 Prozent arbeite und ebenfalls hälftig auf die Kinder schaue, war kein Thema.» Er sagt: «Wieso versucht die Mediationsstelle die Eltern in ein patriarchales ­Korsett zu zwängen, statt im Rahmen des bisher gelebten und schriftlich festgehaltenen Familienmodells zu vermitteln? Und warum geht die Stelle davon aus, dass bei einem möglichst geringen Beschäftigungsgrad der Mutter und maximalen Zahlungen des Vaters das Kindswohl am besten gewährleistet ist?»

Eine ähnlich traditionelle Denkweise herrsche auf dem Amt für Jugend und Berufsbildung des Kantons Zürich, wo das unverheiratete Paar nach der Geburt des ersten Kindes eine Vereinbarung unterzeichnen musste. «Ich verstand nicht, warum der Wohnsitz der Kinder automatisch bei der Mutter ist», erzählt Meier. «Die Amtsmitarbeiterin belehrte mich dann, dass ein Richter im Streitfall ohnehin so entscheiden würde.»

Plötzlich wird Geld verlangt

Gerne wüsste man, was die Ex-Freundin darüber denkt. Wie sie die Leute auf dem Jugendamt und bei der Mediationsstelle erlebt hat. Warum sie von den einst festgehaltenen Grundsätzen über Kinder und Finanzen heute nichts mehr wissen will. Doch die Mutter hat eine Anfrage von Bernerzeitung.ch/Newsnet nicht beantwortet. Stattdessen meldete sich ihr Anwalt. Die oben genannten Fragen wollte allerdings auch er nicht beantworten.

Nach der Mediation lagen plötzlich Geldforderungen auf dem Tisch; die Drohung, er werde die Kinder nicht mehr sehen, wenn er nicht zahle. Vor­übergehend sah Philipp Meier die zwei Knaben nicht mehr, bis die Kesb einen dringlichen Entscheid fällte.

Seit diesem Entscheid sind nun die Kinder während drei Tagen beim Vater, während vier bei der Mutter. Die Kesb schrieb von «grossen Differenzen zwischen den Betreuungsvorstellungen der Eltern.» Was für ein Gegensatz zu dem, was Philipp Meier und seine Ex-Freundin einst festgehalten hatten.

* Richtiger Name der Redaktion bekannt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2018, 10:25 Uhr

«Wir bevorzugen kein Familienmodell»

Die Beratungsstellen reagieren auf den Vorwurf, einseitig die Interessen der Mütter zu vertreten.

Andreas Baumann ist seit 15 Jahren Mediator bei «Paarberatung und Mediation», die im Kanton Zürich neun Beratungsstellen betreibt und bei der sich auch Philipp Meier* und seine Ex-Freundin während der Trennung beraten liessen. Ihm selber, sagt Baumann, würde es nie passieren, dass er Ex-Paare im Sinne traditioneller Aufgabenteilung beraten würde. «Ich habe selber vor 30 Jahren Teilzeit gearbeitet und zu 50 Prozent zu unseren Kindern geschaut, als ich noch weit und breit der einzige Vater war an Kindergeburtstagen.»

Kinder brauchten Vater und Mutter, das sei für ihn völlig klar. «Diese Grundhaltung haben alle Mediatorinnen und Mediatoren in meinem Team, da bin ich sicher.» Dass es in einer anderen Stelle zu diesem für den Vater schwierigen Situation kam, bedaure er. «Ich weiss aber, dass die meisten Mitarbeitenden die neuen Elternmodelle sehr begrüssen und unterstützen.»

Grundsätzlich ist der 64-jährige Paar- und Familientherapeut der Ansicht, dass heute bei der Kinderbetreuung und den daraus resultierenden finanziellen Folgen zu herkömmlich «nicht im Interesse von guten Vater-Kind-Beziehungen entschieden wird». Das heisst: Die Kinder werden mehrheitlich den Müttern zugesprochen, der Kontakt zu den Vätern beschränkt sich häufig auf Besuche. «Die Einsicht, dass Kinder für eine gute Entwicklung ihren Vater gleichwertig wie die Mutter brauchen, hat sich in unserer Gesellschaft überhaupt noch nicht durchgesetzt», sagt Baumann. Hier hätten die Mediationsstellen und weitere, den Gerichten vorgelagerte Stellen, eine wichtige Funktion.

Eine solche Stelle ist das kantonale Jugendamt. Hier können sich Eltern beraten lassen, wenn sie einen Unterhaltsvertrag abschliessen. Auch das haben Philipp Meier und seine Ex-Freundin getan. Meier hat die Beratung als einseitig erlebt: Für die Beraterin sei klar gewesen, dass die Mutter bezüglich der Kinder das Vorrecht hat. Amtschef André Woodtli sagt dazu: «Den konkreten Fall kenne ich natürlich nicht, grundsätzlich kann ich mir das aber nicht vorstellen, denn in diesen Beratungen wird gerade kein Familienmodell favorisiert.

Unser einziger Fixpunkt ist das Wohl des Kindes, und das kann nicht klassisch oder modern sein, sondern sicher oder unsicher, was bei allen Familienmodellen möglich ist.» Die Jugendhilfestelle informiere die Eltern in erster Linie über die rechtlichen Rahmenbedingungen und unterstütze sie dabei, das von ihnen bereits gelebte oder geplante Familienmodell umzusetzen. Das Familienmodell soll beispielsweise den finanziellen Möglichkeiten der Eltern entsprechen. Jedenfalls rät Woodtli allen Eltern, die Kindererziehung, die Aufteilung der Betreuungsverantwortung und finanzielle Fragen verbindlich zu regeln, ­solange die Beziehung noch intakt ist.

Claudia Blumer

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fledermaus-Mann: Traditionell verkleidete Tänzer zelebrieren den «La Tirana»-Karneval in Chile. (15. Juli 2018)
(Bild: Ignacio Munoz) Mehr...