«Mühleberg könnte technisch bis 2032 am Netz bleiben»

Unsichere Zeiten beim Energiekonzern BKW: Der Bau des Pumpspeicherkraftwerks an der Grimsel verzögert sich; offene Fragen gibt es auch bei Mühleberg. Energiechef Hermann Ineichen sagt jetzt, das AKW könnte technisch sogar bis 2032 produzieren.

Er ist Herr über die Wasserkraft und Herr über Mühleberg: Hermann Ineichen leitet beim Berner Energieversorger BKW den Geschäftsbereich Energie Schweiz.

Er ist Herr über die Wasserkraft und Herr über Mühleberg: Hermann Ineichen leitet beim Berner Energieversorger BKW den Geschäftsbereich Energie Schweiz.

(Bild: Susanne Keller)

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Herr Ineichen, was ist wichtiger für die BKW: das Pumpspeicherkraftwerk im Grimselgebiet oder das Atomkraftwerk Mühleberg?Hermann Ineichen: Beide sind wichtig. Das geplante Pumpspeicherkraftwerk hat eine lange Zukunft vor sich, Mühleberg ein absehbares Ende.

Als Leiter Energie bei der BKW sind Sie für beide Projekte verantwortlich. Und bei beiden stehen hohe Investitionen an – führt das zu einer Blockade? Das kann man so nicht sagen. Wir können gestaffelt auf der Zeitachse sowohl den Bau des Pumpspeichers stemmen als auch die Investitionen in Mühleberg aufbringen.

Das Pumpspeicherkraftwerk Grimsel 3 ist Teil des Ausbauprojekts KWO plus der Kraftwerke Oberhasli (KWO), deren Hauptaktionärin die BKW ist. Warum wurde es zurückgestellt? Bei derart grossen, langfristigen Projekten ist es nicht aussergewöhnlich, wenn man sich mehr Zeit lässt, um die Marktentwicklung zu beobachten.

Das Projekt hat alle Hürden genommen. Warum das Zögern? Die europäische Versorgung muss als zusammenhängendes System verstanden werden. Wenn Sie Sonne und Wind subventionieren, leidet die nicht-subventionierte Wasserkraft. Es stellt sich die Frage der Wirtschaftlichkeit. Zudem gibt es nicht nur Wasser, Sonne und Wind...

... wie meinen Sie das? Es gibt auch Gaskraftwerke, und diese konkurrieren die Pumpspeicher ebenfalls direkt. Wenn die Sonne nicht scheint oder kein Wind weht, können die Pumpspeicher die Produktionslücke füllen. Vielfach gehen aber auch flexibel einsetzbare Gaskraftwerke ans Netz. So bestimmt letztlich auch der Gaspreis die Wirtschaftlichkeit der Pumpspeicher mit. Unsere Modelle zeigen, dass viele neue Anlagen derzeit nicht rentabel wären. Das bereitet uns Sorgen. Wir verfolgen genau, was in Deutschland läuft.

Warum Deutschland? Mit der Energiewende verfolgt Deutschland die gleiche Strategie wie wir, ist aber weiter. Unsere bisherige Erkenntnis ist, dass die Förderung erneuerbarer Energien zwar funktioniert, aber das gesamte System sich nicht entsprechend entwickelt hat. Schliesslich brauchen wir Tag und Nacht, Sommer und Winter Strom. Es sind nicht nur zusätzliche Speicher nötig, sondern auch ein Ausbau der Netze und der Reservekapazitäten.

Dennoch: Energiekonzerne wie Axpo und Alpiq bauen momentan ihre neuen Pumpspeicherkraftwerke. Nur die BKW nicht. Diese Unternehmen haben den Investitionsentscheid früher getroffen. Wir stehen jetzt vor einer anderen Situation. Die Differenz zwischen dem Preis für teuren Spitzenstrom und günstigen Bandstrom wird kleiner. Diese Differenz macht letztlich die Wirtschaftlichkeit aus.

Grimsel 3 kostet 660 Millionen Franken, pro installiertes Megawatt rund 1 Million Franken. Andere Projekte sind fast doppelt so teuer. Das zeigt nur, wie dramatisch der Preiszerfall ist. Aber ja, wir stecken in einem Dilemma. Gesellschaft und Politik sagen Ja zu Grimsel 3, das Problem ist aber heute die Wirtschaftlichkeit. Zudem ist ein Ende des Preiszerfalls auf den Märkten nicht absehbar.

Wie geht es weiter? Möglich ist, das Projekt Grimsel 3 in Etappen zu realisieren. Aber wir haben keine Eile. Der Berg und das Wasser laufen uns nicht davon. Mehr kann ich dazu momentan nicht sagen. Der Entscheid liegt beim Verwaltungsrat der KWO.

Könnte denn das Kraftwerkprojekt sogar gestrichen werden? Jetzt bewegen wir uns im Bereich der Spekulation. Ich gehe davon aus, dass wir sicher einen Teil realisieren. Wenn wir die Optimierungen in der bestehenden Konzession machen, wird es einfacher. Und es ist auch nicht so, dass wir im Allgemeinen nicht investieren wollen: Wir planen nebst den KWO-Projekten noch weitere Wasserkraftwerke im Berner Oberland. Diese würden 90 Gigawattstunden Strom liefern. Das Investitionsvolumen beträgt total 200 Millionen Franken. Einige Projekte stehen kurz vor Baubeginn.

Wie weit fortgeschritten sind die Pläne der BKW mit der Wasserkraft in Frankreich? Wir gehen davon aus, dass im Herbst in Frankreich mit der Ausschreibung der 5400 Megawatt begonnen wird. Das ist ein rechter Brocken. Dabei handelt es sich um Kraftwerke, deren Konzessionen erneuert werden. Kleinere bis mittlere Anlagen könnten für uns interessant sein.

Und die BKW will im Konzert der Grossen alleine mitbieten? Zurzeit analysieren wir unsere Möglichkeiten. Wir sind gegenwärtig alleine aufgestellt. Allenfalls bilden wir mit Partnern ein Konsortium.

Beim Bündner Energieversoger Repower eröffnen sich auch Möglichkeiten. Anteile am Unternehmen sind zu haben. Ist die BKW interessiert? Es laufen keine Gespräche.

Repower hat auch ein eigenes Pumpspeicherkraftwerkprojekt am Berninapass und sucht Partner. Ist das eine Option? Wir schauen generell jedes Projekt an.

Sie schliessen eine Beteiligung also nicht aus? Wie gesagt: Wir schauen grundsätzlich jedes Projekt an, und wir haben Kontakte.

Sollte die BKW beim Projekt im Graubünden einsteigen, könnte das in Bern für politischen Missmut sorgen. Eine Beteiligung wäre nichts Aussergewöhnliches, schliesslich haben wir ja bereits Beteiligungen im Graubünden. Letztlich entscheiden aber wirtschaftliche Kriterien: Der Vorteil des Projekts im Grimselgebiet ist, dass es weniger Risiken birgt, weil der Ausbau schrittweise vorgenommen werden kann.

Ein bisschen bernisch, langsam... (Lacht) Ja, aber am Schluss stehen wir dafür gut da.

Unsicherheiten hat die BKW auch bei Mühleberg: Wenn das Atomkraftwerk wie geplant bis 2022 laufen soll, müssten über 200 Millionen Franken investiert werden. Noch in diesem Jahr schliessen wir die finanzielle Auslegeordnung ab. Dann kennen wir die exakten Kosten, und wir können entscheiden.

Die Investitionen sind für einen Betrieb nach 2017 notwendig. Doch offenbar zweifeln immer mehr BKW-Vertreter, dass es sich lohnt. Also dürfte Mühleberg 2017 abgeschaltet werden. Die Auslegeordnung wird die Investitionshöhe aufzeigen. Mehr kann ich dazu gegenwärtig nicht sagen.

Investitionen in dieser Höhe sind doch rein rechnerisch nur sinnvoll, wenn Mühleberg länger als bis 2022 laufen kann. Theoretisch, von der Technik her, wäre eine Laufzeit Mühlebergs bis 2032 – während 60 Jahren – tatsächlich möglich. Diesen Weg beschreitet ja der Stromversorger Axpo.

Und für die BKW ist das kein Thema? Das ist keine Frage der Technik. Letztlich fällen wir einen nüchternen, betriebswirtschaftlichen Entscheid.

Ein Unsicherheitsfaktor ist auch die Inititiave «Mühleberg vom Netz», die eine sofortige Abschaltung fordert. Wie beeinflusst dies den Entscheid? In unserer Auslegeordnung und Bewertung berücksichtigen wir auch derartige Faktoren.

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Berner Zeitung

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