Motiv des Mords beschäftigte den Bundesrat kaum

Die Hintergründe zum Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy interessierte die offizielle Schweiz nur am Rande. Vorrang hatte die Frage, wer die Schweiz an den Trauerfeierlichkeiten vertritt.

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Jon Mettler@jonmettler

Die Todesnachricht von US-Präsident John F.Kennedy erreicht das Eidgenössische Politische Departement am Abend des 22. November 1963. Seit den Schüssen in Dallas sind 75 Minuten vergangen.

Alfred Zehnder, Schweizer Botschafter in Washington, kabelt um 14.45 Uhr Lokalzeit nach Bern: «Flash. Für Bundesrat Wahlen. Soeben wird bekannt, dass Präsident Kennedy einem Attentat in Dallas zum Opfer gefallen ist. Er ist tot. Lyndon Johnson ist jetzt Präsident der USA. Weiterer Bericht folgt.» Das Telegramm lagert – wie andere offizielle Schweizer Dokumente zum Attentat auf Kennedy auch – im Bundesarchiv. Weitere Papiere hat diese Zeitung in der Datenbank für diplomatische Dokumente der Schweiz gefunden.

An jenem Freitag verschickt Botschafter Zehnder noch weitere Schreiben: Eines ist ein Beileidstelegramm und geht an US-Staatssekretär Dean Rusk. Ein weiteres ist ein persönliches Kondolenzschreiben. Es ist an Jacqueline Kennedy gerichtet, die Witwe des Präsidenten.

Sitzung am Samstagabend

In der Schweiz trifft sich der Bundesrat am Abend des 23.November 1963 zu einer ausserordentlichen Sitzung im Büro von Aussenminister Friedrich Traugott Wahlen (BGB). Wie dem Verhandlungsprotokoll zu entnehmen ist, beschäftigt sich die Regierung ausschliesslich mit der Frage, wer die offizielle Schweiz an der Trauerfeier für Präsident Kennedy vom 25.November 1963 vertreten soll. Der Botschafter in Washington? Ein ehemaliger Bundesrat? Ein amtierender Bundesrat?

Der Bundesrat befürchtet nämlich, dass sich die Teilnahme eines amtierenden Regierungsmitglieds an der Beerdigung von Kennedy mit der Neutralitätspolitik nicht vereinbaren lasse. So gibt Justizminister Ludwig von Moos (CVP) zu bedenken, dass die Schweiz ein Präjudiz schaffe: Die Regierung müsse sich in Zukunft bei ähnlichen Vorfällen auch dann vertreten lassen, auch wenn sie das gar nicht wolle. In der halbstündigen Sitzung fasst der Bundesrat schliesslich den Entschluss, Aussenminister Friedrich Traugott Wahlen nach Washington zu schicken. Bundespräsident Spühler, Vizepräsident von Moos und Bundesrat Paul Chaudet (FDP) nehmen am 24.November 1963 an der Trauerfeier in der Dreifaltigkeitskirche in Bern teil.

Die Regierung beugt sich damit den äusseren Umständen: Einerseits zeichnet sich ab, dass immer mehr Staaten ihre Oberhäupter und Aussenminister in die US-Hauptstadt entsenden. Andererseits glaubt Wahlen, dass es das Schweizervolk nicht verstünde, «wenn wir zurückstehen würden». Zuletzt hält Bundespräsident Willy Spühler (SP) fest, dass der Tod von Kennedy «ein Fall sui generis» sei, also einzigartig. Deshalb könne der Teilnahme eines amtierenden Bundesrats am Begräbnis «kein politischer Charakter beigemessen» werden.

Die praktische Frage, was an der Beerdigung eines US-Präsidenten zu tragen sei, beantwortet der Botschafter in Washington in einer Depesche: «Tenü laut Auskunft Protokoll Jackett und Zylinder.» Auch sonst hat sich Alfred Zehnder nützlich gemacht: «Botschaft hat gewünschten Kranz laut hiesiger Usanz im Capitol niederlegen lassen», telegrafiert er in die Bundesstadt.

Der Verdacht des Botschafters

Die Hintergründe des Anschlags scheinen im Bundesrat kein Thema zu sein. Eine Einschätzung ist einzig von Botschafter Zehnder in einem Bericht ans Politische Departement zu finden. An einen Coup eines kommunistischen Landes glaubt er nicht: «Wer hatte ein Interesse, den Präsidenten Kennedy zu beseitigen? Zweifelsohne nicht die Kommunisten, möglicherweise fanatische Cubaner, obgleich diese wissen mussten, dass der Nachfolger Kennedys, Präsident Johnson, weniger elastisch sein werde als sein Vorgänger.» Zehnder vermutet die Drahtzieher in den USA selbst: «Der Verdacht bleibt also, ob man will oder nicht, auf den konservativen Elementen der Südstaaten, den Gegnern der Civil-Rights-Vorlage, liegen.»

Bis Ende November 1963 lieferten die Schweizer Botschaften im Ausland Lageberichte, wie das Attentat auf Kennedy von den Medien und der Bevölkerung des Gastlandes bewertet wird. Nicht nur im Westen ist das Entsetzen der Menschen gross, sondern auch im Ostblock. Die kommunistischen Medien glauben nicht an die Tat des Einzeltäters Lee Harvey Oswald und beziehen sich dabei auf Berichte von Zeitungen aus Genf.

Fauxpas des Protokolls

Die Teilnahme von Bundesrat Wahlen an Kennedys Beerdigung ruft auch den Schweizer Protokollchef auf den Plan. In einer Note vom 16.Dezember 1963 weist er auf einen Fauxpas der USA hin. So war Wahlen ein Platz unter den Ministern anderer Länder zugewiesen worden. Zugestanden wäre ihm aber ein Sitz bei den Vizepräsidenten. Die Amerikaner haben nicht gemerkt, dass ein Bundesrat aus protokollarischer Sicht nicht Minister ist, sondern Staatsoberhaupt.

Für die Schweiz ist der Tod des Präsidenten wirtschaftlich ein Rückschlag. Kennedy steht im November 1963 kurz davor, die hohen US-Einfuhrzölle auf Schweizer Uhren zu senken. Die entsprechenden Verhandlungen finden in der sogenannten Kennedy-Runde statt. Kennedys Nachfolger Lyndon B.Johnson senkt die Zölle erst vier Jahre nach dem Attentat.

Berner Zeitung

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