Missratene Ausscheidung eines Fremdkörpers

Kommentar

Christoph Mörgeli ist von seinem Amt als Medizinhistoriker an der Universität Zürich entlassen worden. Die Art und Weise des Verfahrens hinterlässt aber einen fahlen Beigeschmack.

Mit Christoph Mörgeli wird der umstrittenste Staatsangestellte der Schweiz entlassen. Viele freut das, weil sie es dem bissigen, aber ungeliebten SVP-Tribun von Herzen gönnen, dass er jetzt mit heruntergelassenen Hosen dasteht. Die anderen sehen darin einen politischen Skandal, weil sie sicher sind, dass hier ein profilierter Kopf der SVP nach allen Regeln der politischen Intrige ausgebootet wurde. Bei der Reizfigur Mörgeli gibt es nur entweder oder.

Zunächst einmal geht es in diesem Fall aber nicht um Politik. Es geht darum, dass Mörgelis Arbeit nach Ansicht seiner Vorgesetzten an der Universität Zürich nicht gut genug ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob auch andere Politiker in ihrem Brotjob zu wenig leisten. Es ist auch sekundär, ob die Uni Zürich diese oder jene Wissenschaftsrichtung vertritt. Es geht nur darum, dass die Uni als Arbeitgeberin mit Mörgeli als Angestelltem nicht zufrieden ist. Das wurde ihm vor bald einem Jahr mündlich eröffnet. Es gab eine weitere Beurteilung bis im Februar 2012. Es folgte zwar noch kein Ultimatum, aber eine erste Frist bis gestern Freitag. Wäre die Angelegenheit nicht an die Öffentlichkeit gedrungen, so wäre Mörgeli jetzt ein halbjähriges Ultimatum gestellt worden. Hätte sich weiterhin nichts Wesentliches verändert, hätte ihm die Universität im Frühling 2013 – völlig zu Recht – die Kündigung überreicht. Nach aussen hätte man ihn vielleicht das Gesicht wahren lassen, indem er selbst seinen Rücktritt bekannt gegeben hätte.

So wäre es gelaufen, wenn Mörgeli nicht Mörgeli wäre. Bei ihm aber kamen beschleunigende Faktoren hinzu: In akademischen Zirkeln ist die Immunabwehr gegen diesen Politiker ausgeprägt und das Bedürfnis, den Fremdkörper auszuscheiden, besonders gross. Im politischen Betrieb gibt es zu viele, die es kaum erwarten können, Mörgeli eins auszuwischen. Deshalb drangen in den letzten zehn Tagen die Informationen häppchenweise und gezielt nach aussen. Mörgeli wiederum fehlte die Abgeklärtheit – oder war es Kalkül? –, vorerst einmal zehn Tage zu schweigen und zu warten. Er goss Öl ins Feuer, der Konflikt eskalierte. Schliesslich wurde seine sofortige Entlassung schon am letzten Sonntag angekündigt. Da können Uni und Erziehungsdirektorin noch lange versichern, zu diesem Zeitpunkt sei nichts entschieden gewesen. Mit ihrem schlechten Krisenmanagement, mit Gesprächsverweigerung und Indiskretionen, haben Mörgelis Widersacher selbst dafür gesorgt, dass einem an sich überkorrekten Verfahren nun der Geruch der Verschwörung anhaftet. Deshalb gibt es in diesem Fall Mörgeli kein Entweder-oder. Sondern bloss ein Sowohl-als-auch.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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