«Meine Partei nervt mich immer wieder grenzenlos»

Der grüne Nationalrat Alec von Graffenried hat keine Berührungsängste mit der Wirtschaft. Bei der Energiewende erwartet der Direktor für nachhaltige Entwicklung der Baufirma Losinger Marazzi auch von seiner Partei mehr Kompromisse.

Nationalrat Alec von Graffenried (Grüne, BE), der am liebsten mit den Grünliberalen zusammenspannen möchte, war dem früheren Parteipräsidenten zu wenig links. Die neue Parteileitung strebe nun mehr politische Breite an, sagt er.

Nationalrat Alec von Graffenried (Grüne, BE), der am liebsten mit den Grünliberalen zusammenspannen möchte, war dem früheren Parteipräsidenten zu wenig links. Die neue Parteileitung strebe nun mehr politische Breite an, sagt er.

(Bild: Beat Mathys)

Christoph Aebischer@cab1ane

Alec von Graffenried, seit fünf Jahren lobbyieren Sie für die Baufirma Losinger Marazzi als Direktor für nachhaltige Entwicklung. Ein Gewinn für die Firma?
Da müssen Sie meine Chefs fragen. Aber, wenn ich ein Verlust wäre, wäre ich wohl nicht mehr hier.

Was haben Sie erreicht?
Vor fünf Jahren haben wir noch kaum Minergiebauten realisiert. Heute haben 70 Prozent unserer Projekte ein Zertifikat, und wir streben einen Anteil von 100 Prozent an. Unsere grössten und wichtigsten Projekte heute sind die Entwicklungen von Ökoquartieren.

Kürzlich präsentierten die Grünen ihre Umsetzungsideen zur Zweitwohnungsinitiative. Sie wollen das Baugewerbe stützen – dank Ihnen, nehme ich an?
Die Grünen werden als Partei wahrgenommen, die Ideen aufnimmt und sich bei der Umsetzung dann verabschiedet. Wir wollen aber nicht nur mit Ideen auffallen, sondern auch Verantwortung übernehmen. Wer umsetzen will, muss jedoch machbare Lösungen anbieten. Deshalb fragte die neue Parteileitung mich an für Vorschläge. Für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Initiative müssen Sie eben auch Perspektiven für die lokale Bauwirtschaft aufzeigen, zum Beispiel mit Energiesanierungen.

Sie waren persönlich gegen die Initiative. Jetzt stehen ausgerechnet Sie an vorderster Front jener Partei, die als einzige überall die Ja-Parole vertrat. Schräg, nicht?
Das stimmt schon. Aber ich war eher im Kleingedruckten gegen das Volksbegehren, in den grossen Zügen unterstützte ich die Tendenz. Ich finde die Initiative grobschlächtig, mir liegt das Pragmatische näher. Jetzt ist sie nun mal da, und man kann sie durchaus auch als Chance begreifen.

Sie weichen immer wieder von der grünen Parteilinie ab. Gibt das böse Kommentare?
Von der Basis erreichen mich oft böse Kommentare. Der frühere Präsident hatte auch gar keine Freude. Das neue Präsidium hat aber durchaus Verständnis dafür, dass die Partei eine gewisse Breite braucht, um Erfolg zu haben. Man ist sich des Risikos bewusst, dass die Grünen in ihrer Ecke verkümmern könnten.

Was liegt Ihnen näher: Grün oder Bauen?
Gegenfrage: Was ist wichtiger, Spaziergang oder Essen? Das kann man nicht so sagen. Das Grüne ist mir sehr wichtig für unsere soziale, gesellschaftliche Entwicklung – aber das Bauen gehört dazu. Man kann grün oder anders bauen. Ich setze mich für Ersteres ein. Ich bin nicht gegen das Bauen, ich bin gegen das schlechte Bauen. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die nicht mehr baut.

Sie lavieren gerne. Können Sie deshalb Gegensätze gut unter einen Hut bringen?
Es stimmt, ich laviere viel. Angesichts der komplexen Verhältnisse unserer Welt schaffe ich es nicht, nur das eine oder das andere zu sehen. Es hat alles nicht nur zwei, sondern mehrere Seiten. Ich will den Leuten nicht Sand in die Augen streuen und ihnen vorgaukeln, unsere Welt sei einfach. Das ist aber schwer zu kommunizieren und tönt oft zu kompliziert.

Bei der Energiewende ist das Baugewerbe besonders gefordert. Die Hälfte der Energie fressen Gebäude. Da müsste sehr viel geschehen. Was zuerst?
Im Gebäudesektor sind schnelle Resultate möglich. Dort sind die grössten Einsparungen realisierbar. Bei Neubauten wurden die Vorschriften schon verschärft. Schlecht ist, dass heute immer noch Häuser ohne gleichzeitige Energiesanierung renoviert werden. Das müsste dringend unterbunden werden. Als Anreiz funktioniert beispielsweise ein Gebäudeprogramm. Es hilft mit, die zu tiefe Sanierungsrate von einem Prozent pro Jahr anzuheben. Schade, wurde es noch nicht aufgestockt!

Das Labelwesen grassiert und verteuert das Bauen. Ist der hohe Aufwand für Minergie P vor allem ein gutes Geschäft?
Das Baugewerbe profitiert natürlich von der Erneuerung des Gebäudeparks. Minergie P geht relativ weit. Ich bevorzuge es, wenn vermehrt erneuerbare Energie eingesetzt wird, statt mit sehr viel Isolation ein Nullenergiehaus anzustreben. Denn dabei werden gewisse Risiken zu wenig beachtet, etwa bei der Belüftung oder der Beständigkeit der Materialien. Kommt hinzu, dass deren Herstellung oft sehr energieintensiv ist.

Hat auch der Hausbesitzer etwas davon?
Langfristig lohnen sich die Investitionen ganz sicher, das wurde auch schon nachgewiesen.

Wo soll man ansetzen, damit mehr Hausbesitzer investieren?
Die Energiepreise sind schlicht zu tief, um etwas zu bewirken. Neben finanziellen Anreizen ist eine gute Energieberatung wichtig. Doch momentan fehlen wegen des Ingenieurmangels die Fachleute dazu.

Sie besitzen selber ein Haus. Erfüllt es den Minergiestandard?
Nein. Das Haus stammt aus den Zwanzigerjahren. Wir haben es kürzlich besser isoliert und eine Lüftung eingebaut. Jetzt erreichen wir fast Minergiestandard.

Energiefragen brennen seit dem Beschluss zum Atomausstieg noch stärker unter den Nägeln. Sie waren immer gegen Atomkraft. Doch der Weg dorthin wird dreckig und teuer.
Das muss nicht sein, wenn es richtig angestellt wird. Wir müssen die 40 Prozent Atomstrom nicht eins zu eins ersetzen. Die billigste Energie ist die eingesparte Energie! Ich bin zudem überzeugt, dass die Fortschritte bei den neuen erneuerbaren Energien viel schneller sein werden, als wir heute denken. Denn bisher fehlte der Druck, in diese Richtung zu forschen.

Sie glauben, dass dies ausreicht?
Zusätzlich braucht es eine Lenkungsabgabe auf Brenn- und Treibstoffen.

Sie wollen Energie verteuern?
Genau. Und zwar überall, auch beim Verkehr. Nur dies ist CO2-kohärent.

Sie gehen aber gleichzeitig von einem steigenden Stromverbrauch aus. Ist das kein Widerspruch?
Der Gesamtenergieverbrauch wird zwar abnehmen, der Stromverbrauch aber zunehmen. Das liegt daran, dass fossile Energie durch elektrischen Strom ersetzt wird. Letztlich ist ja auch eine Wärmepumpe eine Stromheizung, wenngleich eine effiziente. Mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der aufkommenden Elektromobilität wird im Verkehr der Stromverbrauch ebenfalls zunehmen.

Mehr Strom heisst mehr Produktion. Doch genau die Grünen tun sich schwer damit und drohen gleich mit mehreren Initiativen. Was halten Sie davon?
Das ist inkonsequent. Man muss Prioritäten setzen. Erste Priorität hat für mich der Atomausstieg. Atomenergie hat eine magische Verführungskraft: Aus sehr wenig Rohstoff kann sehr viel Energie gewonnen werden. Gleichzeitig ist sie aber ein Teufelszeug.

Damit meinen Sie die ungelöste Endlagerung des Abfalls?
Nein. Für mich wiegt der Unfall schwerer. Wir werden beim Störfall den Faktor Mensch – im äussersten Fall Terrorismus – nie in den Griff bekommen. Wir machen uns extrem verwundbar und obendrein ist die Abfallfrage auch nicht gelöst. Wir müssen daher die Hände davon lassen.

Was kommt in Ihrer Skala denn in zweiter Priorität?
Der Atomausstieg darf sich nicht negativ auf die CO2-Bilanz auswirken. Der Ausstoss dieses Treibhausgases muss reduziert werden. Wir dürfen Atomstrom also nicht durch Strom ersetzen, der mit Kohle, Öl und Gas hergestellt wird.

Sie sind also für die Erhöhung der Grimselstaumauer...
Moment, nicht so schnell! Zuerst kommt der Ausbau der Solarenergie. Diese Anlagen stehen in der Landschaft, bedecken Dächer. Wie ein Kamin gehört in Zukunft auch eine Solaranlage darauf. Dort müssen wir Grüne ganz klar Kompromisse eingehen, Stichwort Ortsbildschutz. Bei der Windkraft, die zwar in der Schweiz eine untergeordnete Rolle spielen wird, bin ich gleicher Meinung. Wir können nicht für den Atomausstieg, dann aber gegen Kohle- und Gaskraftwerke und erst noch gegen Windturbinen sein. So melden sich die Grünen aus der Energiedebatte ab.

Welche Kompromisse meinen Sie?
Wenn der Eingriff reversibel ist, sollen wir ihn akzeptieren. Nehmen wir den Mengestorfberg da drüben (zeigt aus dem Fenster): Er ist vielleicht schöner ohne Windrad, aber wenn er von der Exposition her geeignet wäre, müssten wir hinnehmen, dass darauf eine Windturbine aufgestellt wird. Wenn sie nach fünfzig Jahren abgebaut wird, bleibt nichts zurück. Das ist bei anderen Anlagen nicht so.

Bei der Erhöhung der Grimselstaumauer zum Beispiel?
Bei der Wasserkraft bin ich gegen den Totalausbau. Es gibt x unberührte und geschützte Landschaften, wo ich neue Projekte klar ablehne. Das Grimselgebiet ist heute schon durch die Stromproduktionsanlagen stark beeinträchtigt. Dort müssen wir Hand bieten zu einer Verbesserung der Effizienz und zu einem massvollen Ausbau.

Konkret?
Ich bin für die Erhöhung der Mauer. Der grössere Grimselsee eröffnet neben der Stromproduktion auch noch andere Perspektiven. Wenn dereinst die Gletscher geschmolzen sind, wird er auch für das Wassermanagement wichtig werden.

Es geht aber um eine streng geschützte Moorlandschaft...
Ich kenne die Sunnig Aar gut. Die Landschaft ist wunderschön. Wer nur genau dort hinschaut, muss es als Verbrechen empfinden, sie unter Wasser zu setzen. Wer aber den Blick weiter schweifen lässt, sieht noch mehr herrliche Landschaften. Dann zeigt sich, dass diese Betrachtungsweise sehr eingeengt ist. Wer heute diese Landschaft schön findet, der findet sie mit dem See schön. Das wird auch mit einem vergrösserten See so bleiben.

Die 500-jährigen Arven reuen Sie nicht?
Es geht um rund 50 Bäume, sie werden durch 2500 neue Arven ersetzt. Niemand, der Bäume pflanzt, erlebt sie später als 100-jährige Bäume. Irgendwann muss man beginnen, an die nächsten Generationen zu denken und Bäume pflanzen.

Solche Fragen nagen an den Grünen. Nach der Wahlniederlage im Herbst hätten Sie sich Bewegung in Richtung grünliberal gewünscht, die Delegierten nicht. Was jetzt?
Wie meinen Sie das?

Was passiert mit Ihnen persönlich?
Ich stehe am Rand der Grünen und nahe bei den Grünliberalen. Am liebsten ist es mir, wenn die beiden Parteien zusammenspannen, wie für die nächsten Wahlen in Zollikofen. Zusammen sind wir stärker. Ich halte nichts von einer zersplitterten Politlandschaft, in der Parteien sich mit zum Verwechseln ähnlichen Programmen gegenseitig konkurrenzieren.

Nervt Sie Ihre Partei?
Mich nervt meine Partei immer wieder grenzenlos. Aber ich kenne keinen Politiker, der sich nicht am meisten über seine eigene Partei aufregt. Die eigene Familie steht einem ja am nächsten, da sind auch die Emotionen am grössten.

Was stört Sie gegenwärtig?
Managed Care, über das wir am 17.Juni abstimmen, ist mein aktueller Kummer. Wir Grünen waren mehrheitlich dafür. Ärztenetzwerke und ihre ganzheitliche Betrachtungsweise sind ein urgrünes Anliegen. Dass wir Grünen nun Stimmfreigabe beschlossen haben, ist für mich unerträglich. Das betrifft aber nicht nur uns. Es geht alle Parteien an. Alle haben an dieser Vorlage mitgearbeitet und um die beste Lösung gerungen – und nun will plötzlich niemand mehr Verantwortung dafür übernehmen. Es ist zum Verzweifeln.

Credit Suisse will die Parteien finanziell unterstützen. Sollen die Grünen dieses Geld annehmen?
Klar. Wir sind deutlich unterfinanziert und können deswegen viele Aufgaben nicht wahrnehmen. Ich würde das Geld in ein Forschungsprojekt stecken, zum Beispiel für eine nachhaltige strategische Ausrichtung unseres Finanzplatzes. Damit hätte ich überhaupt keine Probleme.

Keine Angst vor Beeinflussung?
Wir werden sowieso beeinflusst. Wer meint, wir seien in der Schweiz nicht korrumpiert, ist blauäugig. Wir profitieren von der geopolitischen Lage, vom vielen Geld, das in die Schweiz fliesst. Das finanziert unsere Infrastruktur und unsere Sozialwerke. Wer dagegen ist, ist also für einen Abbau bei den Sozialwerken und der Infrastruktur. Dafür ist die Bereitschaft auch bei den Grünen aber relativ klein.

In der Stadt Bern haben Sie zumindest noch eine echte politische Heimat, die Grüne Freie Liste. Die Partei bleibt aber für die kommenden Wahlen im Herbst bei Rot-Grün. Dafür wird Sie ziemlich sicher büssen, oder?
Das sehe ich auch so.

2004 unterlagen sie bei den Gemeinderatswahlen mit nur sechs Stimmen Unterschied Regula Rytz, die nun die Regierung verlässt. Die Bahn wäre jetzt frei. Weshalb treten Sie nicht an?
Ich war damals sehr enttäuscht. Nun stehe ich an einem anderen Ort. Ich war einst stark auf Bern fokussiert, heute bin ich gesamtschweizerisch tätig. Mich wieder auf die Stadt Bern zu beschränken, reizt mich im Moment nicht.

Als Präsident von Bern Tourismus behalten Sie immerhin die Verbindung zu Bern. Beim Amtsantritt warben Sie 2007 für das Schwimmen in der Aare und die Gemütlichkeit der Leute. Kürzlich hob der amerikanische Botschafter in der Berner Zeitung genau diese Qualitäten hervor. Wie haben Sie das hingekriegt?
(Schmunzelt) Schwimmen in der Aare und Entschleunigung sind einfach die grossen Trümpfe Berns. In der heutigen überhitzten Zeit haben viele Leute das Bedürfnis, das Leben ruhiger, gelassener und genussvoller anzugehen. Diese Eigenschaften haben wir hier im Übermass. Warum sollen wir nicht davon profitieren?

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