Mehr Markt, weniger Staat – der radikale Umbauplan für Unis

Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse will, dass ein Ruck durch die Hochschulen geht. Das sind ihre Ideen.

Geballte Forschungskraft: Das Zürcher Hochschulviertel mit ETH und Universität. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Geballte Forschungskraft: Das Zürcher Hochschulviertel mit ETH und Universität. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Die Schweiz leistet sich eines der teuersten Bildungssysteme. Das zahlt sich aus: Acht Universitäten gehören zu den besten 150 der Welt, die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen sogar zu den Top 20.

Doch ein Abonnement auf diese Rangierung gibt es nicht angesichts des international entbrannten Wettstreits um die besten Talente. Heute präsentiert die liberale Denkfabrik Avenir Suisse deshalb ein Fitnessprogramm für die Schweizer Hochschulbildung.

«Es braucht einen Ruck, um diese Spitzenposition auch künftig halten zu können», ist Direktor Peter Grünenfelder überzeugt. Für ihn steht ausser Zweifel: «Die beachtlichen finanziellen Mittel, welche Kantone und Bund aufwenden, könnten effizienter eingesetzt werden.» Wo nach Ansicht von Avenir Suisse Geld versickert, verrät schon der Titel der neuen Studie «Exzellenz statt Regionalpolitik im Hochschulraum Schweiz». Hochschulen würden als Instrumente der Standortpolitik missbraucht, gemäss dem von Grünenfelder abgewandelten Bonmot «Jedem Täli sein Vorlesungssäli».

Die Politik entmachten

Das Resultat dieser Entwicklung sind mittlerweile 38 Hochschulen, verteilt auf 80 Standorte. Und neue sollen dazukommen. Als Beispiel wird der Kanton Schaffhausen angeführt, der in eine eigene Hochschule investiert, die bezeichnenderweise auch Bundesmittel aus der neuen Regionalpolitik erhalte.

Das Angebot wachse also in die Breite, was die Qualität gefährde. Ganz abgesehen davon, dass der politische Widerstand gegen die stetig steigenden Bildungsausgaben zunehme – im Hochschulbereich sind es seit 2000 satte 70 Prozent.

Als Gegenmittel schlagen die Studienautoren einen radikalen Kurswechsel vor. Die heute stark vom Bund beziehungsweise den Kantonen gesteuerten Hochschulen seien in die Freiheit zu entlassen. Die Politik solle sich nur noch auf die Rahmenbedingungen konzentrieren und die Steuerung den Universitäts- und Institutsleitungen überlassen. Diese wüssten am besten, wo ihre jeweiligen Stärken liegen würden. Damit würde der Weg frei für einen Hochschulraum Schweiz mit spezialisierten Exzellenz-Clustern.

Vorschlag der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse: Statt der heutigen Verzettelung von 38 Hochschulen an 80 Standorten sollte die Schweiz als ein einziger Hochschulraum betrachtet werden. Die einzelnen Institute könnten sich zu Netzwerken mit spezifischen Stärken zusammenschliessen. Mit dieser Bündelung der Kräfte könnten sich die Schweizer Hochschulen im verschärften internationalen Wettbewerb auch künftig behaupten. Im internationalen Vergleich wendet die Schweiz heute sehr viel Geld auf für die Hochschulbildung. Diese Mittel könnten gemäss Avenir Suisse so effizienter eingesetzt werden.

Aber mehr Freiheiten haben auch ihren Preis. Zwar verlangt Avenir Suisse nicht eine Senkung der öffentlichen Beiträge. Doch sollen vor allem Bundesgelder nicht mehr so üppig als Basisbeiträge fliessen, sondern den Wettbewerb beleben, indem sie an Forschungsprogramme und Projekte gekoppelt werden. Wer Geld will, muss sich also darum bemühen und eine Jury überzeugen. Damit wird es für Hochschulen attraktiver, erfolgreiche, international vernetzte Akademiker anzulocken. Insgesamt, erhofft sich Avenir Suisse, werde dies die Innovationskraft der Schweiz steigern.

Näher zur Wirtschaft

Das fast 100 Seiten starke Papier von Avenir Suisse begnügt sich nicht mit der Forderung nach mehr Autonomie. Das zehn Punkte umfassende Programm schlägt auch vor, dass sich die Hochschulen mehr um Geld aus der Privatwirtschaft bemühen sollten. In diesem Punkt hinke man gerade im Vergleich zu angelsächsischen Hochschulen hinterher. Bis auf eine Ausnahme vielleicht: die EPFL in Lausanne, die kleine Schwester der ETH Zürich. Beim Risikokapital, das in junge Unternehmen von Universitätsabgängern fliesst, überflügelte sie 2014 sogar die altehrwürdige ETH. Im letztjährigen Times Higher Education World University Ranking wurde die EPFL als beste jüngste Hochschule der Welt aufgelistet.

Die Studienautoren sehen zwei Ursachen: Einerseits sei freilich die grosszügige Finanzierung des Bundes dafür verantwortlich. Dieser übernahm die EPFL 1969. Anderseits jedoch sei dies auch ein Verdienst einer «unabhängigen und entscheidungsfreudigen Führung».

Die Befürchtung, dass mehr Nähe zu Unternehmen auch die Unabhängigkeit der Forschung gefährden könnte, teilt Grünenfelder von Avenir Suisse nicht. Die Unterstützung habe einfach gemäss transparenten Regeln zu erfolgen: «Dieser Code of Conduct soll öffentlich sein.» Im Übrigen seien die heute vom Bund finanzierten Nationalen Forschungsprogramme auch nicht unabhängig. Nicht nur ihre Inhalte, sondern auch die Resultate seien teilweise politisch gefärbt.

Insgesamt hinterlässt die Lektüre des Papiers den Eindruck, dass Avenir Suisse kein heisses Eisen auslässt. Ein weiterer Vorschlag zielt etwa auf eine Erhöhung der Studiengebühren oder alternativ auf eine Lockerung der Drittstaatenkontingente für im Inland ausgebildete ausländische Akademiker. Darauf angesprochen, meint Grünenfelder, um Provokation gehe es nicht. Leitgedanke sei ein anderer: «Wir orientieren uns an dem, was wir für notwendig erachten, damit die Schweiz ihren heutigen Wohlstand erhalten kann.»


Tolle Erfindung: Studenten der ETH und der ZHdK haben in mehrjähriger Arbeit einen Rollstuhl entwickelt, der Treppen steigen kann. (Januar 2018) Video: Tamedia/SDA

Diese Drohne soll helfen: Die ETH Lausanne entwickelt eine faltbare Drohne, die zur Notversorgung dienen soll. (Juni 2017) Video: Tamedia/EPFL


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 10:00 Uhr

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