Longchamp erklärt sich

Seit der Abstimmung über die Minarett-Initiative steht Claude Longchamp in der Kritik. Der Politikforscher erklärt, wie sich die Stimmung gegen ihn wandte. Und was man daraus lernen müsste.

Zu erklären, wie Meinungen entstehen, ist seine grandiose Fähigkeit und leidenschaftliche Mission: Claude Longchamp.

Zu erklären, wie Meinungen entstehen, ist seine grandiose Fähigkeit und leidenschaftliche Mission: Claude Longchamp.

(Bild: Keystone)

Jürg Steiner@Guegi

Einen Moment lang sieht Claude Longchamp (53) aus wie ein angezählter Boxer. Er sitzt auf seinem Bürostuhl, als stünde dieser nicht unter der Stuckdecke seines Büros am Hirschengraben, die alten Berner Glanz ausstrahlt. Sondern in einer Ringecke. Die Ellenbogen lagern auf dem reich beladenen Massivschreibtisch, der Kopf ist auf die Hände gestützt. Die Augen blicken aus dünnen Schlitzen, die keinen Rückschluss erlauben darauf, was dahinter vor sich geht. Man wüsste es gerne.

Denn Longchamp steckt harte Schläge ein, seit er Mitte November 2009 am Fernsehen die Zahl von 37 Prozent nannte. So tief war damals der Befürworteranteil bei der Minarett-Initiative laut der Umfrage, die das von ihm geleitete Meinungsforschungsinstitut gfs.bern für die SRG durchgeführt hatte. Zwei Wochen später nahm das Volk die Initiative mit einem Ja-Anteil von 57,5 Prozent spektakulär an und beförderte die Schweiz in einen Schockzustand.

Praktische Zielscheibe

Longchamp steht seit 1992 an jedem Abstimmungswochenende im TV-Studio. Er ist eloquenter, erster und deshalb einflussreicher Interpret des politischen Volkswillens – und, nach Bedarf, praktische Zielscheibe. Jetzt gerade findet er sich in der Rolle des irgendwie Mitschuldigen am Ja zum Minarettverbot wieder. Die SRG hat Longchamps Abstimmungsumfragen vorläufig auf Eis gelegt.

Wobei unklar bleibt, was Longchamp genau falsch gemacht haben soll: Im gleichzeitig publizierten Forschungsbericht zur Umfrage hat er zwar, was er bedauert, nicht das massive Ausmass des Stimmungswandels erkannt. Aber er machte deutlich, dass die Mobilisierung im Steigen begriffen sei und eher der Ja-Seite zugutekommen werde. Diese Präzisierung schaffte es indessen in kaum einen Medienbericht.

Hingegen schlägt ihm seit dem Minarett-Ja aus Zeitungsartikeln schlecht kaschierte Häme entgegen, und man hält ihm alte Kritik aufs Neue vor: etwa, dass sein Institut Umfragen und Beratungen für Kunden jeder politischer Couleur mache. Oder dass er die Rohdaten der SRG-Umfragen nicht anderen Forschern zugänglich mache und deshalb quasi unkontrolliert mit Zahlen jonglieren könne.

Vor allem aber: dass er – auch wenn das so niemand formuliert – brillant auftritt. Unheimlich brillant. Jetzt aber war ihm eine Fehlprognose unterlaufen.

Fehlprognose! Das Wort wirkt wie ein Stromstoss. Longchamp, den man eben noch halb knocked out vermutete, ist voll präsent. Hellwach. Schnell. Wortmächtig. Sein Körper pendelt nun mit, wenn er argumentiert, und mit ihm rollt der Bürostuhl.

Der Kritikhagel nach der Minarett-Initiative habe ihn getroffen, bestätigen Leute, die regelmässig mit ihm zu tun haben – und sind fast beruhigt, weil der unermüdliche Leser, Debattierer, Hinterfrager, Erklärungssucher eine nachvollziehbare menschliche Reaktion zeigte. Sein Argumentationskraftwerk pausierte kurz, auf seinem Stadtwanderer-Blog etwa war es ein paar Tage unüblich ruhig.

Am 7.März im TV

Longchamp selber sagt, er habe als «Blitzableiter der Nation» herhalten müssen, wofür er sogar ein gewisses Verständnis habe. Er habe aber auch Support von vielen Kunden aus dem In- und Ausland gekriegt – und aus der TV-Zentrale im Zürcher Leutschenbach. Die SRG-Chefredaktoren hätten seinen Vertrag für das Erstellen und Kommentieren von Hochrechnungen an Abstimmungswochenenden unmissverständlich bestätigt. Die Minarettkrise sei nicht der Anfang vom Ende von Longchamps Fernsehpräsenz. Am 7.März werden er und seine Fliege wieder zu sehen sein. In alter Frische.

So wie jetzt an seinem Pult. Wo er aber keineswegs zu brachialer Rechtfertigungrhetorik ausholt. Seine Technik, dem Longchamp-Bashing zu begegnen, ist subtiler.

Longchamp erklärt. Zum Beispiel das: «Wir alle müssen zurück auf Feld eins – und uns bewusster werden, was Abstimmungsumfragen wirklich sind: Momentaufnahmen der politischen Meinungsbildung. Und keine Voraussagen.»

Was für ihn bedeutet: Longchamp hat Mitte November keine Fehlprognose abgeliefert. Weil seine Umfrageanalysen keine Prognosen sind, sondern bloss als solche verstanden werden. «Wenn wir unsere Umfragen veröffentlichen», sagt er, «setzen wir Zeichen in die politische Welt, verlieren aber die Deutungshoheit über sie.»

Interesse an Debatte

Das muss dem Erklärungsfetischisten schwerfallen – und stachelt ihn an. Sein Forscherehrgeiz sei es, den Mechanismus der politischen Meinungsbildung punktgenau erklären zu können. Normalerweise kommt er dem sehr nahe: 95 Prozent der bisher 53 gfs-Umfragen nahmen das Abstimmungsergebnis vorweg. Longchamp ist präziser als jede Wetterfee, so ist man sich das gewohnt.

Deshalb, erklärt er, «habe ich ja auch alles Interesse, dass wir jetzt debattieren, was bei der Minarett-Initiative passiert ist». Nur: Das spannende Thema, findet er, sei eben nicht Claude Longchamp, zumal eine externe Analyse der SRG ihm methodische Korrektheit attestiert.

Spannend sei etwas anderes: Weil Longchamp mit seiner Einschätzung danebenlag, zeige sich, dass er einen wichtigen Teil des Meinungsbildungsprozesses bei solchen Initiativen «noch zu wenig gut versteht», wie er selber einräumt. Und wenn Longchamp ihn nicht versteht, versteht ihn niemand.

Pointiert gesagt: Longchamps vermeintliche Fehlprognose legt vor allem offen, wie weit sich in der Schlussphase von Abstimmungskämpfen die Entscheidungsbildung im Volk von den traditionellen Kanälen der Meinungsführer – politischen Parteien etwa – entfernen kann. Im Zeitalter populistischer Volksinitiativen ein heisses Thema.

«Das», sagt Longchamp, «ist der wunde Punkt.» Auch für ihn. Er windet sich nicht. Sondern macht ihn sich zur Aufgabe.

Mobilisierung über Internet

Ein hochspannender Aspekt sei etwa die soziale Erwünschtheit, die zu einer «Entscheidungsambivalenz» bei Abstimmungen führe, deren Dynamik noch kaum erforscht sei.

Salopp könnte man das so beschreiben: Zwei, drei Wochen vor der Abstimmung – näher am Termin darf gfs keine Umfragen machen – ist man unschlüssig. Das eigene politische Lager empfiehlt Nein, man selber tendiert auf Grund von Alltagserfahrungen zu einem Ja, ringt sich aber erst kurz vor der Abstimmung durch, wirklich Ja einzulegen.

Parallel dazu nimmt auch in der Schweiz im Abstimmungsendspurt die Rolle der «Grassroots»-Mobilisierung über Internet zu. Das kann so funktionieren: Polemische Youtube-Filmchen machen in Facebook-Netzwerken die Runde und können rasant grosse, informelle Gruppen bilden, die sich unvermittelt und im letzten Moment dazu bewegen lassen, abzustimmen.

Diese beiden Effekte treten dann stark auf, wenn ein unter dem Deckel gehaltenes Thema in einem Abstimmungskampf erstmals breit thematisiert wird.

Ein Glück für Bern

So vermutet es Claude Longchamp. Aber die politische Schweiz muss es genauer wissen, damit sie wieder besser versteht, wie sie funktioniert. Longchamp gleist derzeit ein Forschungsprojekt auf, das mehr Licht in diese dunklen Winkel der politischen Meinungsbildung bringen soll.

Anstalten, seinen Platz im Scheinwerferlicht der schweizerischen Politik zu verlassen, macht Longchamp nicht. Im Gegenteil. Für Bern ist das ein Glück. In der Strategie, die Bundesstadt zur Hauptstadtregion zu machen, spielt er eine wichtige Rolle. Longchamp engagiert sich persönlich gegen Berns drohenden Bedeutungsverlust – im Verein Bern neu gründen etwa, der eine engere Zusammenarbeit Berns mit den Gemeinden anstrebt, die an die Stadt grenzen. Zielsicher stösst der intellektuelle Inspirator auch da auf wunde Punkte. Etwa, dass Bern und seine «Schwesterstadt» Köniz nicht fähig sind, zusammenzuspannen und die Entwicklung des Grossraums Bern gemeinsam voranzutreiben.

Man kann sich fragen, wer sonst einen solchen Gedanken voranzutreiben wagen würde.

Berner Zeitung

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