Logistikchef der Schwyzer Polizei wegen Waffendeals verhaftet

Die Bundesanwaltschaft beschlagnahmte Schusswaffen. Die Kapo fürchtet, dass ihr Munition abhandenkam.

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Glocks, Revolver, russische Makarow-­Pistolen, Schweizer Sturmgewehre, Schrotflinten, ein Scharfschützengewehr für über 10'000 Euro – der Verkäufer mit dem Darknet-Pseudonym «Clultimate» hat alles im Angebot. Unter den Waffennarren im «Spackentreff» gilt er als Spezialist. «So einen wie ihn gibts kein zweites Mal in der Szene», kommentiert ein anderer Händler, der sich «Rico» nennt.

Der «Spackentreff» gehört zum berüchtigten Forum «Deutschland im Deep Web». Ab 2013 entsteht dort ein illegaler Schwarzmarkt für Waffen. Mit tödlichen Folgen: Ein Amokläufer erschiesst am 22. Juli 2016 in München neun Menschen. Die Tatwaffe hat er im «Spackentreff» gekauft. Bei «Rico».

Im Juni 2017 setzen deutsche Fahnder dem Handel ein Ende. Zurück bleibt eine digitale Notiz – «die Plattform und der kriminelle Inhalt wurden beschlagnahmt». Und zurück bleiben Fragen: Was waren das für Leute, die unter Codenamen mit Gewehren und Munition handelten? Woher kamen all die Waffen? Und wer war «Clultimate», der Händler mit der «guten Ware», wie «Rico» sich ausdrückte?

Der Waffenfund

Am 22. Februar 2018 biegen Einsatz­wagen der Bundeskriminalpolizei in eine Quartierstrasse in Einsiedeln SZ ein, Einfamilienhäuser links und rechts. Hier wohnt der Logistikchef der Schwyzer Kantonspolizei, seit 16 Jahren im Amt. Die Staatsschützer der Bundes­anwaltschaft um Chefermittler Carlo Bulletti haben einen schweren Verdacht: Sie glauben, der zivile Polizeiangestellte sei die eine Hälfte von «Clultimate». Die andere soll ein junger Deutscher sein, der bereits im Gefängnis sitzt.

Der Logistikchef wird verhaftet, das Haus durchsucht. Die Polizisten aus Bern stossen auf Waffen, viele Waffen. Sie realisieren bald, dass ihre Autos für den Abtransport zu klein sind. Sie ordern ein grösseres Fahrzeug.

Dreieinhalb Monate sind seit der ­Razzia vergangen, der Logistikchef ist wieder zu Hause, ein gross gewachsener Mann im Armee-Gnägi öffnet die Tür. Er schaut nicht unfreundlich, aber viel will er den Reportern an diesem Montag im Juni nicht sagen. Das Verfahren gegen ihn laufe nach wie vor. Er deutet aber an, es sei bei weitem nicht so schlimm, wie es möglicherweise aussehe. Die ­Ermittlungen vergleicht er mit einem Ballon, der schnell an Luft verliere. Nicht umsonst sei er nun seit eineinhalb Monaten wieder in Freiheit.

Die Bundesanwaltschaft schreibt auf Anfrage, der Beschuldigte sei auf freiem Fuss, weil keine Verdunkelungs- oder Fluchtgefahr mehr bestehe. Sie ermittelt wegen Waffenverkäufen und wegen ­Weitergabe von polizeiinternen Informationen. Die Vorwürfe: Widerhandlung gegen das Kriegsmaterialgesetz und/oder das Waffengesetz. Begünstigung. Amtsgeheimnisverletzung. Und ungetreue Amtsführung. Es gilt die ­Unschuldsvermutung.

«Aus allen Wolken gefallen»

Am Tag der Razzia fahren die Ermittler des Bundes auch beim Schwyzer Polizeikommando vor, um das Büro des Logistikers zu durchsuchen. Kommandant Damian Meier erfuhr kurz vorher von der Aktion, wusste aber nicht, um wen es gehen würde, wie er heute sagt.

Als er realisiert, gegen wen die Kollegen aus Bern ermitteln, ist das auch für ihn eine Überraschung: «Es gab nie eine Beanstandung gegen ihn. Viele, die ihn nahe kennen, sind aus allen Wolken gefallen.» Noch am selben Tag stellt er den Mitarbeiter frei.

Der Hinweis auf den Logistikchef kam aus Süddeutschland. In der Gegend um Radolfzell am Bodensee hatten Jäger schon länger gerätselt, weshalb in ihren Wäldern nachts Salven von automatischen Waffen zu hören waren. Seit 2013 hatten Ermittler der Staatsanwaltschaft Konstanz einen möglichen Schützen im Auge: einen Waffenfanatiker mit Jahrgang 1993. Wie sich später herausstellte, durchsiebte dieser nachts Baumstämme und schoss auf Metallplatten. Die Waffen, die er ohne Lizenz besass, vergrub er in Erdlagern. Die Polizei fand zwei ­Gewehre und sechs Pistolen sowie Sturmhauben, Schalldämpfer und verschlüsselte Festplatten.

Fahnder nahmen den 20-Jährigen im Oktober 2013 fest, nachdem er im Landkreis Tuttlingen drei Kühe erschossen hatte. 2014 verurteilte ihn ein Gericht wegen Verstössen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Sprengstoffgesetz und weitere Gesetze zu drei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe.

Schüsse im Steinbruch

Bei weiteren Ermittlungen im Süden Deutschlands kommt heraus: Der junge Deutsche und der Schwyzer Logistikchef kennen sich, seit sie beide eine Militaria-Messe besuchten. Und: Der Grossteil der beim Deutschen beschlagnahmten ­Waffen stammt laut der Staatsanwaltschaft Konstanz aus dem Fundus des Schwyzers.

Der junge Deutsche fuhr immer ­wieder nach Einsiedeln. «Clultimate»-Kunden trafen sich mit ihm auf einem Parkplatz beim Kloster, zusammen feuerte man in einem nahen Steinbruch Probeschüsse ab. Allein «Rico», der ­Lieferant des Münchner Amokläufers, kaufte im Jahr 2013 in Einsiedeln einen ­Karabiner und zwei Pistolen, jeweils mit mindestens hundert Schuss Munition. Der Karabiner endete in Deutschland in den Händen eines 17-Jährigen, wie aus einem Urteil des Münchner Landsgerichts gegen «Rico» hervorgeht. Die Tatwaffe des Münchner Amokläufers dagegen stammte nicht aus der Schweiz.

Munition für Zehntausende Franken: Nicht auffindbar.

Die Ermittler in Konstanz formulieren eine Theorie: «Clultimate», das sind der Süddeutsche und sein Schwyzer Partner. Der junge Waffenfan kümmert sich um die Übergaben, er nimmt das Geld entgegen. Der Schwyzer Kapo-Mann ist auch im Duo der Logistikchef. Er ist für den Nachschub verantwortlich. Der ­Deutsche belastet in seinen Aussagen den Schwyzer, stellt ihn als Drahtzieher dar. Das muss nicht die ganze Wahrheit sein – ­darauf weist der entlassene Polizeimitarbeiter die Reporter am Montag hin, ehe er die Tür wieder schliesst. Kommt dazu: Der verurteilte junge Mann fiel auch schon mit wirren Äusserungen und Hirngespinsten auf.

Leicht zu entkräften scheinen die ­Anschuldigungen trotzdem nicht. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz bestätigt: «Beide Beschuldigte hatten Zugriff auf den Account im Darknet.»

Was passiert in der Schweiz mit dieser Erkenntnis?

Die zögerliche Reaktion

Ende August 2017 klingelt bei der obersten Schwyzer Strafverfolgerin Carla Contratto das Telefon. Die deutschen Ermittler weisen auf ihren Verdacht hin. Doch es geschieht: nichts. Auf Anfrage schreibt die Oberstaatsanwältin heute, man habe sie nur «rudimentär über die Verdachtslage orientiert», aus den mündlichen Schilderungen habe sich «kein ausreichend gesicherter Tatverdacht erschlossen». Zudem habe man «in Kürze» ein Rechtshilfeersuchen in Aussicht gestellt. Also wartet Contratto.

Laut einer informierten Quelle herrscht in Konstanz der Eindruck, die Schwyzer hätten Dringlichkeit und ­Brisanz der Sache klar unterschätzt. Contratto widerspricht: «Es kann aus rechtsstaatlicher Sicht nicht angehen, ohne eine ausreichend dokumentierte und nachvollziehbare Sachverhaltsschilderung auf Begehren einer ausländischen Behörde aufs Geratewohl ein Strafverfahren einzuleiten.»

Mitte November, mehr als zwei Monate nach den ersten Hinweisen, reisen deutsche Ermittler in die Innerschweiz und überbringen der Oberstaatsanwältin das Rechtshilfeersuchen persönlich. Zwei Wochen später schickt diese das Dossier nach Bern, weil sich gezeigt habe, dass «ein koordiniertes Vorgehen erforderlich ist». Es dauert mehrere ­Wochen, bis der Fall via Bundesamt für Justiz bei der Bundesanwaltschaft eintrifft. Zwischen dem ersten Alarm und der Razzia vergeht fast ein halbes Jahr.

«Unregelmässigkeiten» prüfen

Danach geht es schnell. In Schwyz beginnt das Polizeikommando mit Nachforschungen im eigenen Haus. Der ­Logistiker arbeitete an einer sensiblen Stelle, beschaffte auch Waffen und ­Munition. Man kommt zum Schluss: Es sind keine Dienstwaffen verschwunden. Aber mit den Munitionseinkäufen stimmt etwas nicht. Kommandant Damian Meier sagt es heute so: «Wir stiessen auf Unregelmässigkeiten im ­Bestellwesen.» Nach Recherchen dieser Zeitung sind Munitionsbestellungen im Wert von mehreren Zehntausend Franken nicht auffindbar.

Am 29. März zeigt die Polizei deshalb den eigenen Angestellten bei der Bundesanwaltschaft an. Der Mann wird fristlos entlassen. Am 12. April erhält die kantonale Finanzkontrolle den Auftrag, die Vorfälle zu untersuchen. «Wir prüfen, ob die internen Prozesse und Kontrollen im Beschaffungsbereich der Kantonspolizei greifen. Und wir klären detailliert den Umfang möglicher Unregelmässigkeiten ab», sagt Leiter Roland Pfyl.

Kein Wort an die Öffentlichkeit

In Bern gilt der Fall als so brisant, dass der Bundesanwalt Ende März die Geschäftsprüfungsdelegation informiert – das Gremium, das über Staatsschutz und Nachrichtendienst wacht. Präsident Claude Janiak (SP) bestätigt die Information. Im Schwyzer Kantonsrat orientiert der Sicherheitsdirektor ein Subgremium der Staatswirtschaftskommission, die für die Polizei zuständig ist. An die Öffentlichkeit dagegen dringt kein Wort, Polizei und Regierung schweigen. Sicherheitsdirektor André Rüegsegger und Kommandant Meier sagen, der Bund entscheide über die Kommunikation gegen aussen. Meier räumt aber ein, dass der Bund Schwyz kein ausdrückliches Redeverbot erteilt habe.

Sicherheitsdirektor Rüegsegger will noch kein Urteil über die Verantwortlichkeiten fällen: «Auch die besten Kontrollen lassen sich aushebeln, wenn jemand genügend kriminelle Energie hat.» Der Gesamtregierungsrat sei informiert, und über Massnahmen könne man erst entscheiden, wenn Finanzkontrolle und Bundesanwaltschaft ihre Untersuchungen abgeschlossen hätten. «Die Vorkommnisse machen mich natürlich wütend», so Rüegsegger, «aber wir müssen jetzt ruhig Blut bewahren.»

Die Fragen, die sich nun stellen, reichen weit über den Auftrag der Finanzkontrolle hinaus: Wie viele Waffen gingen aus Schwyz an den Deutschen? Wo hatte der Logistikchef seine Gewehre und Pistolen her? Für wie viele hatte er die nötigen Papiere, für wie viele nicht? Gelangte ­Kapo-Munition in den Verkauf? Wie viel landete im «Spackentreff»?

Die Bundesanwaltschaft sucht nach Antworten auf diese Fragen. Auch der Kanton sucht. Im April erscheint auf Jobportalen ein Inserat: Die Kapo Schwyz hält Ausschau nach einem neuen Logistikchef – während sein Vorgänger gerade aus der U-Haft entlassen wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 21:58 Uhr

«Viele, die ihn nahe kennen, sind aus allen Wolken gefallen», sagt Kommandant Damian Meier.

«Auch die besten Kontrollen lassen sich aushebeln, wenn jemand genügend kriminelle Energie hat», sagt Sicherheitsdirektor André Rüegsegger.

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