Analyse

Lillehammer hat Lust auf mehr

AnalyseDie Olympiade ist den Norwegern nach 20 Jahren noch in bester Erinnerung. Lillehammer könnte für die Spiele 2022 zu Graubündens schärfstem Rivalen werden.

Lillehammer könnte Graubünden 2022 Konkurrenz machen: Schweizer Fans bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer 1994.

Lillehammer könnte Graubünden 2022 Konkurrenz machen: Schweizer Fans bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer 1994. Bild: Keystone

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Sollten Bündnerinnen und Bündner am 3. März für eine Durchführung der Olympischen Winterspiele 2022 in ihrem Kanton stimmen, würden sich viele Blicke erst einmal in Richtung Norden wenden: «Die Winterspiele von 1994 haben ein ganzes Land mit neuem Leben versehen», erinnert sich der frühere Journalist, Offizier und Parlamentsabgeordnete Børre Rognlien. Er präsidiert heute den norwegischen Sportdachverband: «2022 kann sich dies wiederholen», sagte Rognlien kürzlich an einer Medienorientierung zur nächsten Jugendwinterolympiade, die in drei Jahren in Lillehammer stattfinden wird.

Neben Børre Rognlien hatte Jacques Rogge Platz genommen, der Vorsitzende des Internationalen Olympischen Komitees. Es war Rogges Vorgänger, Antonio Samaranch, der zum Abschluss der 17. Olympiade im Februar 1994 die Worte sprach, die nicht nur Lillehammer, sondern ganz Norwegen bis heute mit einigem Stolz erfüllen: «Das waren die besten je durchgeführten Olympischen Spiele.»

Wunderschön und bitterkalt

Norwegen war wenige Wochen vor den Winterspielen dem Europäischen Wirtschaftsraum beigetreten, und es gelang dem nordischen Land, sich gleichzeitig mit der Öffnung hin zu Europa auch der Sportwelt von der besten Seite zu zeigen: Bei wunderschönem wenn auch bitterkaltem Winterwetter begeisterte das in grosser Zahl nach Lillehammer gepilgerte Publikum mit einem echten Volksfest Athleten und TV-Zuschauer. Die einheimischen Wettkämpferinnen und Wettkämpfer standen nicht weniger als 26-mal auf dem Podest. Die fleissigen Medaillengewinner trugen so in Norwegen mit zu den positiven Erinnerungen an die Spiele bei.

Der kleine Rahmen, das Städtchen Lillehammer zählte damals gerade einmal 25'000 Einwohner, gilt auch in der Schweiz bis heute als Vorbild für «bescheidene» Spiele. Diese sollen sich von Protzveranstaltungen wie etwa den anstehenden 40 Milliarden Franken teuren Spielen im russischen Sotschi wohltuend unterscheiden.

Dabei wurden auch bei den damaligen kompakten Spielen laut einer Studie des in Lillehammer ansässigen Westnorwegischen Forschungsinstitutes enorme Mittel in den Sand gesetzt: «Die grossen sozialökonomischen Erwartungen haben sich definitiv nicht erfüllt», hält Forschungsleiter Jon Teigland fest. Fast die Hälfte der zu Beginn der Neunzigerjahre gebauten Hotels sind nach den Spielen in Konkurs gegangen, zahlreiche Wintersportanlagen können bis heute ihre hohen Unterhaltskosten nicht selber tragen.

Viele Wettkampfloipen im Wald

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, hofft nun die Stadtregierung von Lillehammer auf eine olympische Neuauflage – und zwar als Juniorpartner der Hauptstadt Oslo: «Wir sind für eine Mitkandidatur bereit», erklärt Bürgermeister Espen Johnsen und bietet seine Stadt als Austragungsort für die alpinen Skiwettkämpfe 2022 an.

Zudem verfügt Lillehammer seit 1994 über die einzige Kunsteisbob- und -rodelbahn von ganz Nordeuropa. In der Hauptstadt Oslo selbst, wo erst vor zwei Jahren die nordischen Skiweltmeisterschaften durchgeführt worden sind, steht auf dem Hausberg Holmenkollen eine der spektakulärsten und modernsten Skisprunganlagen der Welt. Zudem grenzt die norwegische Hauptstadt an ein weitläufiges und im Winter tief verschneites Waldgebiet, durch das heute schon viele Wettkampfloipen führen.

Winterspiele in der Hauptstadt

«Nirgendwo sonst in der Welt können Olympische Winterspiele mitten in einer Hauptstadt abgehalten werden», sagt Ingunn Olsen von der Osloer Stadtverwaltung. Um die doch recht weite Distanz zwischen Oslo und Lillehammer schneller überbrücken zu können, soll bis zum Ende dieses Jahrzehnts die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke über den internationalen Flughafen von Gardermoen hinaus bis nach Lillehammer verlängert werden – und die Reisezeit von heute gut 140 Minuten auf weniger als 90 reduziert werden.

Während die Erinnerung an die erfolgreichen Winterspiele von 1994 bei den führenden Politikern in Lillehammer und Oslo sowie in den Sportverbänden Lust auf mehr Olympia macht, gibt es nicht zuletzt in der Hauptstadtregion auch manche Zweifler: Laut einer von der Tageszeitung «Aftenposten» veröffentlichten Meinungsumfrage ist die Zustimmung für eine Kandidatur in den letzten Monaten von 58 auf 42 Prozent gesunken.

Und im Unterschied zu früheren Olympiakandidaturen in Norwegen und Skandinavien behalten diesmal die gut 400'000 Stimmberechtigten Oslos das letzte Wort: In der ersten Volksabstimmung der norwegischen Hauptstadt überhaupt wird am 9. September darüber entschieden, ob Oslo in Zusammenarbeit mit Lillehammer und möglicherweise als Hauptrivale von Graubünden ins Rennen um die Olympischen Winterspiele im Jahre 2022 steigen wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2013, 07:08 Uhr

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