Lehrstellen in der Pflege sind begehrt

Fachperson Gesundheit heisst der neue Trendberuf bei Jugendlichen. Es gibt mehr Nachfrage als Ausbildungsplätze. Dass sich nach der Lehre viele zur Pflegefachkraft weiterbilden, wirkt dem Personalmangel im Gesundheitswesen entgegen.

Raphael Spicher macht eine Lehre zum Fachmann Gesundheit. Ihm ist es ein Anliegen, dass die Menschen in seiner Obhut «froh sind».

Raphael Spicher macht eine Lehre zum Fachmann Gesundheit. Ihm ist es ein Anliegen, dass die Menschen in seiner Obhut «froh sind».

(Bild: Walter Pfäffli)

Juliane Lutz@JulianeLutz

Raphael Spicher hat eine warmherzige Art und ist ein aufmerksamer Zuhörer. Die alten Herrschaften, die der 19-Jährige im Pflegezentrum Ittigen der Tilia-Stiftung betreut, sind sichtlich angetan von ihm. «Ich wollte mit Menschen arbeiten, deshalb habe ich mich nach dem Realschulabschluss für eine Lehre zum Fachmann Gesundheit (Fage) entschieden», sagt er.

Nach ein paar Bewerbungen hatte der Bümplizer den Ausbildungsvertrag in der Tasche. Mittlerweile ist er im zweiten von drei Lehrjahren und verabreicht souverän Medikamente, misst den Blutzucker und hilft den Pflegebedürftigen mit Humor durch den Tag. «Die medizinischen Aspekte des Jobs sind spannend», so Spicher. «Am meisten freut es mich aber, wenn ich dazu beitragen kann, dass die Heimbewohner froh sind.»

650 Bewerbungen, 44 Plätze

In Spitälern erfreut sich der Beruf, in dem man als rechte Hand von Pflegefachpersonen arbeitet, enormer Beliebtheit. Im Spital Emmental etwa bewarben sich dieses Jahr 150 Jugendliche für 14 Ausbildungsplätze. Am Inselspital wollten 350 junge Leute eine der 37 Lehrstellen ergattern, und das Universitätsspital Zürich wurde mit 650 Bewerbungen für 44 Plätze geradezu überflutet.

Heimlich und leise hat sich die Berufslehre, die es erst seit 2004 gibt, zu einer der beliebtesten gemausert. An der Spitze steht nach wie vor das KV, gefolgt von der Ausbildung zur Detailhandelsfachperson. Allein zwischen 2011 und 2013 stiegen die Fage-Lehrlingszahlen schweizweit um 17 Prozent. 3800 begannen letztes Jahr die Lehre. «Mit geschätzten 4000 Auszubildenden 2014 sind wir nah dran am benötigten Bedarf von 4400 Fachpersonen Gesundheit», sagt Urs Sieber, Geschäftsführer bei der Nationalen Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit, OdA Santé.

Abwechslungsreicher Job

Doch was macht den Beruf so attraktiv? Fachpersonen Gesundheit sind ausgebildet in Logistik, Hauswirtschaft und Pflege. Sie helfen bei der Morgentoilette und bei der Alltagsgestaltung der Patienten, erledigen Administratives und verrichten einfachere pflegerische Aufgaben wie Verbände wechseln oder Blut abnehmen. «Der Beruf ermöglicht bereits nach Ende der obligatorischen Schulzeit eine interessante Tätigkeit im Gesundheitsbereich», sagt Verena Wyssen, Berufsbildnerin bei OdA Gesundheit Bern und Chefexpertin für Fage im Kanton Wallis.

Kompliziertere Dinge, wie beispielsweise Infusionen anlegen, sind den diplomierten Pflegefachfrauen und -männern vorbehalten. Und nur sie dürfen etwa Pflegepläne erstellen. Ihre dreijährige Ausbildung erfolgt an der Fachhochschule. Voraussetzung für die Zulassung ist eine abgeschlossene Lehre, der Fachmittelschulabschluss oder die Matur. Das Mindestalter liegt bei 18 Jahren. Schweizweit treten jährlich rund 3000 Personen eine solche Ausbildung auf der sogenannten Tertiärstufe an.

4400 Franken nach Abschluss

Verena Wyssen findet zudem reizvoll am Berufsbild der Fachperson Gesundheit, dass die Diplomierten sich in viele Richtungen weiterbilden können. Ein Faktor sei auch das Gehalt. So schlägt man beispielsweise bei OdA Gesundheit Bern den Arbeitgebern vor, Berufsanfängern mit abgeschlossener Lehre 4409 Franken monatlich zu zahlen.

Als Vergleich: Der Kaufmännische Verband Schweiz empfiehlt nach der dreijährigen Lehre einen Mindestlohn von 4000 Franken.

«Alle finden nach der Lehre einen Job», so Urs Sieber. «Diplomierte Pflegefachkräfte verfügen über ein theoretisch fundierteres Fachwissen, aber praktisch sind die Fachpersonen Gesundheit hervorragend ausgebildet und entlasten so die anderen Pflegeberufe», erklärt Verena Wyssen die Beliebtheit der Fachpersonen.

Aber es gibt auch Kritik. Fachpersonen Gesundheit würden in der Praxis oft Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet seien, sagen manche. Und fordern, dass die Ausbildung umgebaut werden müsse. «Wir können die Kritik nachvollziehen», sagt Urs Sieber. «Die Lehre ist bewusst breit angelegt, da wir für Spitäler, Langzeitpflege und Spitex ausbilden.»

Das Ganze sei so gedacht, dass Interessierte nach dem Abschluss ihr Wissen gezielt durch Weiterbildungen vertieften. So können die Fachpersonen in Kürze nach zwei Jahren Praxiserfahrung eine Berufsprüfung in Langzeitpflege ablegen.

35 Prozent bilden sich weiter

Generell seien aber die Rückmeldungen der Spitäler punkto Ausbildung gut, so Sieber. Und 90 Prozent der gelernten Fachpersonen blieben im Gesundheitswesen. 42 Prozent arbeiteten gemäss einer OdA-Santé-Befragung nach einem Jahr noch im Job. 35 Prozent befanden sich an einer höheren Fachschule oder einer Fachhochschule Pflege. «Die steigende Zahl der Fachpersonen führt auch dazu, dass sich mehr Leute auf der Tertiärstufe zu Pflegekräften ausbilden lassen», sagt Sieber. Das wirke dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen entgegen.

Und Raphael Spicher? Seine Tätigkeit macht ihm Spass, aber er will noch weiterlernen. Der Spieler beim FC Bern kann sich einerseits ein Sportstudium vorstellen. Andererseits reizt ihn auch die Ausbildung zum diplomierten Pflegefachmann sehr. Er könnte sie um ein Jahr verkürzt machen. Noch hat er Zeit zu überlegen. Juliane Lutz

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Berner Zeitung

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