Land der Millionäre

Die Schweiz ist reich an Reichen: sechs Thesen über Erben, Boni-Banker und pauschal besteuerte Ausländer.

Nirgends in der Schweiz leben mehr Reiche: Die Goldküste im Kanton Zürich, hier Erlenbach

Nirgends in der Schweiz leben mehr Reiche: Die Goldküste im Kanton Zürich, hier Erlenbach

(Bild: Keystone)

Die Schweiz zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Doch was bedeutet das? Wem gehört dieser Reichtum? Und was machen die, die viel besitzen, mit ihrem Geld? Wo leben sie? Wie denken sie? Ein Team von Soziologen um den Basler Professor Ueli Mäder ist diesen Fragen nachgegangen. Ihre Erkenntnisse haben sie in ein über 400 Seiten dickes Buch gepackt. Wir nehmen die Publikation zum Anlass, um sechs Thesen über Reiche zu erörtern.

1. Mit einer Million Franken kommt man nicht weit

Reich sein will jeder, doch wo beginnt Reichtum? Hat man es mit einer Million geschafft? Für eine Villa mit Umschwung an der Zürcher Goldküste reicht es nicht. Ein Luxusleben mit Privatjet und Zweitwohnsitz in einer Trenddestination kann man sich damit sowieso nicht leisten. «Reich ist heute, wer vom Ertrag seines Geldes gut leben kann und quasi nicht mehr arbeiten muss», sagt Soziologe Mäder. «Dazu sind – bei gehobenen Ansprüchen – ein paar Millionen Franken erforderlich.» Banken sprechen von reichen Kunden, wenn diese ein Anlagevermögen von 1 Million und mehr haben. Als Superreiche – im Jargon «Ultra High Net Worth» genannt – bezeichnet die Finanzwelt Leute mit einem Anlagevermögen von mindestens 30 Millionen.

2. Die Reichen feiern,der Mittelstand stagniert

Die Schweiz ist ein Land von Millionären. Circa 222'000 Personen haben ein Vermögen von mindestens 1 Million auf der Seite. 4000 Einwohner erzielen gar ein Jahreseinkommen, das über 1 Million Franken liegt. Damit weist die Schweiz – nach Singapur und Hongkong – die höchste Millionärsdichte der Welt auf. Und auch bei den Superreichen ist sie Spitze: Jeder zehnte Milliardär dieser Welt wohnt laut Professor Mäder in der Schweiz.

Die Reichen haben durch die Finanzkrise zwar Einbussen erlitten. Es geht ihnen aber nach wie vor blendend. Laut «Bilanz» hat sich das Vermögen der 100 Reichsten im Land in den letzten 20 Jahren mehr als verfünffacht – von 66 Milliarden Franken 1989 auf 358 Milliarden 2009. Dabei liegen die zehn Topvermögen zwischen 6,5 und 35,5 Milliarden.

Mittlerweile besitzen in der Schweiz 3 Prozent der privaten Steuerpflichtigen gleich viel Vermögen wie die restlichen 97 Prozent. Die soziale Schere öffnet sich. «Nur in Namibia und Singapur ist die Ungleichheit noch grösser», stellt Mäder fest. Besorgt über diese Kluft ist auch Hans Kissling, ehemaliger Chefstatistiker des Kantons Zürich und Autor des Buches «Reichtum ohne Leistung»: Während der Schweizer Mittelstand stagniere, wachse mit den sich automatisch vermehrenden Grossvermögen ein Geldadel heran. Darunter leide die Chancengleichheit, die Leistungsgesellschaft und am Ende auch die Demokratie.

3. Das Volk der Reichen istein Volk der Erben

Von den 300 reichsten Schweizern ist die Hälfte durch Erbschaften reich geworden. Wohl bekanntestes Beispiel ist die Nummer 2 auf der Liste der reichsten Schweizer: die Basler Familien Hoffmann und Oeri mit ihrem Vermögen von über 15 Milliarden Franken. Für die Schweiz gelte die Faustregel, dass 10 Prozent der Erben 75 Prozent der Erbschaften bekommen würden, sagt Mäder. Und: «Von den 40 Milliarden Franken, die im Jahr 2010 vererbt werden, gehen mehr als die Hälfte an Millionärinnen und Millionäre.»

Auch künftig wird es in der Schweiz viel zu erben geben. Laut Reichtumsstudie besitzt derzeit die Generation der über 65-Jährigen mehr als die Hälfte der privaten Vermögenswerte im Land. Zähle man Liegenschaften, Pensionskassen- und Vorsorgegelder dazu, seien das mehr als 2000 Milliarden Franken. Das sind angenehme Aussichten für die Kinder aus reichen Familien. Der Staat hingegen wird nicht viel davon haben. In der Schweiz ist in fast allen Kantonen die Erbschaftssteuer für direkte Nachkommen abgeschafft. Schwyz kennt gar überhaupt keine Erbschaftssteuer mehr.

4. Der Kanton Zürich istein Magnet für Superreiche

Von den 300 Reichsten mit Schweizer Wohnsitz leben laut «Bilanz» 64 im Kanton Zürich, 42 im Kanton Genf und 33 in der Waadt. Auf die Podestränge folgen die Kantone Bern mit 25, Schwyz mit 21, Zug mit 19 und Tessin mit 14 Superreichen. Ihre bevorzugten Wohndestinationen sind spektakuläre Lagen. Insbesondere die Ufer von Zürich-, Genfer-, Zuger- und Luganersee sind sehr beliebt. Primär von der landschaftlichen Schönheit dürften sich bei der Wahl des Wohnorts die reichen und in der Schweiz nicht erwerbstätigen Ausländer lenken lassen. Da sie in der Regel pauschal, also nach Aufwand besteuert werden, müssen sie sich nicht an den lokalen Steuerbedingungen orientieren. Der Grossteil der pauschal besteuerten Ausländer lebt in den Kantonen Genf, Waadt, Wallis und Tessin. Allein in der Waadt sind es 1200. Insgesamt werden in der Schweiz derzeit rund 5000 Personen pauschal besteuert. Ungewiss ist die Zukunft dieses Steuerprivilegs. Nach seiner Abschaffung im Kanton Zürich dürften andere Kantone nachziehen.

Bei den regulär besteuerten Superreichen – also den einheimischen sowie den in der Schweiz arbeitenden Multimillionären – dürfte hingegen vor allem das Steuerklima die Wohnortwahl beeinflussen. Beliebte Destinationen sind die Tiefsteuerkantone Schwyz und Zug oder die Zürcher Goldküste.

Eine Rolle spielt allerdings auch die Art, wie die Reichen zu ihrem Geld gekommen sind. Die Basler Studienautoren zeigen dies am Beispiel Basels. Während die schwerreichen Erben der Basler Chemie- oder Bankimperien ihre Wohnsitze in der Stadt Basel behalten, verlegen die Basler Einkommensmillionäre ihre Betten in die Steuerparadiese: Novartis-Konzernchef Daniel Vasella in den Kanton Zug, Tennis-Champion Roger Federer in den Kanton Schwyz.

In zwei Kantonen lebt laut «Bilanz» kein einziger Superreicher. Die Kantone Jura und Uri sind für Personen mit prallem Konto offenbar Terra incognita.

5. Stiftungen, das bevorzugte Machtinstrument der Reichen

Der in der Schweiz versammelte Reichtum prägt das Land vielfältig. Die Reichen selbst argumentieren, dass von ihrem Reichtum letztlich das ganze Land profitiere. Erstens über ihre Steuern, zweitens wegen des «Trickle down»-Effekts (weil die Reichen viel bauen, konsumieren und investieren würden, komme ihr Vermögen auch der Baubranche, dem Handwerk, dem Gewerbe et cetera zugute).

Zudem würden Reiche als Mäzene, Sponsoren sowie über Stiftungen Gutes tun. Gemäss Studie existieren in der Schweiz 12'000 gemeinnützige Stiftungen, die ein Vermögen von 50 bis 80 Milliarden Franken verwalten. Das sind pro Kopf mehr Gelder als in der Stiftungshochburg USA. Mit den Erträgen engagieren sich die Stiftungen im sozialen und im kulturellen Bereich sowie in Bildung und Wissenschaft. Im Gegensatz zu früher, wo Reiche das verschwiegene Mäzenatentum gepflegt hätten (in Basel habe das Motto gegolten: «Me git – aber me sait nyt»), stehe heute indes das publikumswirksame Geben im Vordergrund, schreiben die Studienautoren.

Dabei ist das Geben der Reichen in aller Regel nicht allein von Selbstlosigkeit motiviert: Stiftungen ermöglichen den Reichen, Steuern zu sparen. Sie erlauben den Stiftern auch, mit ihren Gaben Einfluss zu nehmen in eine bestimmte, ihnen persönlich wichtige Richtung.

Es gibt aber neben den Stiftungen noch diverse Manifestationen der Macht der Reichen. Die finanzielle Elite des Landes ist in zahlreichen Klubs und Zirkeln organisiert und unterhält direkte Verbindungen zur Politik. Die Studienautoren schreiben: «Finanzieller Reichtum ist ein wichtiger Machtfaktor, der Teile der Politik instrumentalisiert, sich ständig reproduziert, demokratisch aber nicht legitimiert ist.»

Die Macht des Geldes hat weitere Auswirkungen – namentlich auch solche, die für Nicht-Reiche höchst unangenehm sind: In den bevorzugten Wohnregionen führt die starke, durch die Einwanderung von vermögenden Ausländern zusätzlich angeheizte Nachfrage nach Wohnraum zu explodierenden Miet- und Immobilienpreisen. In der Stadt Zug, in St. Moritz, an der Zürcher Goldküste oder im Zürcher Seefeldquartier ist es für den Mittelstand kaum mehr möglich, erschwingliche Wohnungen zu finden.

6. Die Reichen bleiben von der Wiege bis zur Bahre unter sich

Manchmal fahren auch Milliardäre Tram. Hans Vontobel etwa zieht den öffentlichen Verkehr der Limousine vor. Der 94-jährige Bankier, dessen Familienvermögen auf 1 bis 1,5 Milliarden Franken geschätzt wird, nahm bis vor kurzem jeden Tag das Tram zur Arbeit. Der Patron geht auch lieber wandern als mit seinesgleichen Golf spielen.

Hans Vontobel ist die Ausnahme. Wer in der Schweiz Geld hat, schottet sich ab. «Viele Reiche leben hierzulande in einer Parallelwelt», stellen die Studienautoren fest. Das beginne mit der Geburt: Wohlhabende bringen ihre Kinder in Privatkliniken zur Welt, wo der Gebärsaal mit Designermöbeln ausgestattet ist. In der Edelkrippe sprechen die kleinen Prinzessinnen und Prinzen neben Deutsch auch Englisch. Sie gehen mit ihren Erzieherinnen bereits im Alter von zwei Jahren ins Kunsthaus. Später schicken die Vermögenden ihre Kinder in eines der Elite-Internate im Land und blättern dafür nicht selten Zehntausende von Franken hin. Im Liceum Alpinum in Zuoz, dem Internat Rosenberg in St. Gallen oder dem Institut Le Rosey in der Nähe von Lausanne geht es laut Soziologe Mäder nicht nur um eine exzellente Ausbildung. Die Institute hätten überdies eine identitätsstiftende Funktion: «Jugendliche lernen hier, wie sie sich in besseren Kreisen zu verhalten haben, und werden auf ihre zukünftige gesellschaftliche Rolle vorbereitet.»

Mäder glaubt auch, dass sich die Heiratspolitik der Reichen, die bis in die 70er-Jahre eine wesentliche Rolle spielte, nicht einfach verflüchtigt hat; die Methoden seien bloss nicht mehr so offensichtlich. Man trifft sich scheinbar zufällig im Memberbereich eines angesagten Clubs, an einem Wohltätigkeitsball oder an einer Nobeldestination in den Alpen (St. Moritz, Klosters, Verbier, Gstaad). In der Schweiz warten unzählige Angebote auf eine exklusive, finanzstarke Kundschaft. Über den Zugang zu Gütern und Dienstleistungen entscheidet das Portemonnaie. Reiche können ihr Leben bis am Schluss geniessen, etwa indem sie sich in einer luxuriösen Pflegeresidenz der Tertianum-Gruppe rund um die Uhr umsorgen lassen. Für Soziologe Mäder ist klar: «Die Superreichen haben nicht viel gemeinsam mit dem Rest der Gesellschaft.»

Tages-Anzeiger

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