«Lager in Nordafrika wären einen Versuch wert»

Interview

Autor und Journalist René Zeyer hält die Entwicklungspolitik des Westens für kollektiv gescheitert. So ortet er auch bei der Tragödie von Lampedusa Heuchelei und Scheinheiligkeit.

  • loading indicator
Hubert Mooser@bazonline

Herr Zeyer, das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa hat bisher über 400 Tote gefordert. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie darüber lesen und davon hören?
Wut und Betroffenheit.

Was macht Sie vor allem wütend und betroffen?
Ich fühle mich betroffen wie jeder Mensch, der ein solches Drama zur Kenntnis nehmen muss. Aber ich bin auch wütend über all jene, die der Meinung sind, moralische Betroffenheit sei ein guter Ratgeber, wenn es darum geht, Abhilfe zu schaffen.

Der Direktor der Direktion für Entwicklungshilfe und Zusammenarbeit (Deza) hat gestern in der «Tagesschau» betont, dass die Deza seit Monaten die Ursachen solcher Flüchtlingsdramen bekämpfe – zum Beispiel in Somalia. In Ihrem neuen Buch «Armut ist Diebstahl» schreiben Sie, dass diese Entwicklungshilfe nichts bringe. Soll die Deza besser nichts machen?
So schlimm die Situation auch ist: Entwicklungshilfe nützt nichts. Das haben wir in den letzten 50 Jahren zur Genüge erlebt und festgestellt. Und der Aufbau von politischen Strukturen in einem Land wie Somalia ist sinnlos. Somalia ist ein gescheiterter Staat. Man sollte einfach einmal die Fakten beachten. Man hat in den letzten 50 Jahren ständig neue Konzepte für die Entwicklungshilfe entworfen, zum Beispiel dass es gescheiter sei, eine Fischerrute zu schenken statt eines Fischs. Die Armut in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara ist trotzdem gleich hoch geblieben. Trotz 1000 Milliarden an Entwicklungsgeldern ist Afrika der Kontinent mit den meisten gescheiterten Staaten, der einzige Kontinent mit einer bedeutenden Zunahme an Hungernden.

Soll man die Entwicklungshilfe sofort einstellen?
Die Probleme müssen vor Ort von den Betroffenen selber gelöst werden. Das ist nicht zynisch, das ist auch nicht menschenverachtend, das ist einfach die bittere Realität. Die Menschen in diesen Ländern leiden ja nicht nur unter dem Verhalten der Menschen aus den reichen Staaten, sondern in erster Linie unter den Verbrechen von Diktatorenclans und Warlords. Gegen diese Herrscher müssen sich die Betroffenen wehren.

Viele Menschen in diesen Staaten haben sich jedoch für die Flucht nach Westeuropa in ein besseres Leben entschieden. Besteht nicht die Gefahr, dass man noch viel mehr Geld in die Sicherung der Grenzen investieren muss, wenn man diese gescheiterten Staaten sich selber überlässt?
Lassen Sie mich darauf mit zwei Beispielen antworten. Die nächste Eskalationsstufe für gescheiterte Staaten wäre eine militärische Intervention. Dass das nicht funktioniert, hat man im Irak aber auch in Libyen oder Somalia gesehen. Und es ist ja auch nicht so, dass man jetzt eine neue Idee hat. Man hat schon alles probiert, und es hat alles nicht funktioniert: Nahrungsmittellieferungen, Hilfe zur Selbsthilfe, Strukturaufbauhilfe und am Schluss militärische Intervention. Keines dieser Konzepte hat gegriffen. Dann muss man halt die Konsequenzen daraus ziehen.

Und die Leute dort sich selber überlassen, auch wenn es noch schlimmer wird?
Wie soll es noch schlimmer werden? Die heutige Situation ist ja schon herzerweichend schlimm. Der Status quo wird aber durch Verbrecherregimes, Hand in Hand mit hilflosen Helfern, aufrechterhalten.

Das heisst aber auch, dass man in Zukunft mit den Flüchtlingsdramen vor Lampedusa und auf dem Mittelmeer leben muss?
Wenn man dies nicht will, dann müsste man – konsequent zu Ende gedacht – für die Flüchtlinge aus den gescheiterten afrikanischen Staaten der Subsahara mittelmeertaugliche Schiffe zur Verfügung stellen. Damit könnte man diese Flüchtlingstragödien vermeiden. Aber gleichzeitig wäre dies auch völliger Wahnsinn.

Auf der einen Seite erwartet man, dass diese Menschen sich selbst helfen. Aber wenn sie sich selber helfen, indem viele von ihnen einen mühsamen und gefährlichen Weg nach Europa auf sich nehmen, um sich hier ein Einkommen zu erarbeiten, verbaut man ihnen den Weg. Ist das nicht eine etwas doppelbödige Moral?
Nehmen wir die Schweiz als Beispiel. Hier sind im Moment über 40'000 Menschen im Asylprozess. Gemäss UNHCR-Statistiken sind weltweit etwa 900'000 Flüchtlinge in solchen Asylprozessen. Der Flüchtlingsanteil der Schweiz weltweit beträgt also circa 5 Prozent. Das ist nicht wenig. Wer sagt, dass die Schweiz nichts oder zu wenig tue, soll sich einmal diese Zahl vor Augen halten. Mich stört aber auch die unglaubliche Heuchelei jener Menschen, welche über die Tragödie vor Lampedusa erschüttert sind und jetzt Forderungen aufstellen, was man alles tun und lassen sollte.

Was für eine Heuchelei?
Eigentlich sollten all jene, welche sich heute so fürchterlich aufregen über die Tragödie im Mittelmeer, bei ihren Einkäufen nur noch Fair-Trade-Produkte berücksichtigen. Bei diesen kann man davon ausgehen, dass sie unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden. Tatsächlich geben die Schweizer pro Kopf bloss 50 Franken im Jahr für solche Produkte aus. Und das ist schon sehr wenig. Da erübrigt sich doch jede weitere Diskussion.

Und damit die Entrüstung über die Tragödie in Lampedusa keine Heuchelei ist, sollten die Schweizer Ihrer Meinung nach pro Kopf und Jahr 100 Franken statt 50 Franken dafür ausgeben?
Wenn man so erschüttert darüber ist, was auf der Welt passiert, und überzeugt ist, dass die Ausbeutung der Menschen in den Entwicklungsländern durch internationale Konzerne die Ursache der Probleme ist, dann könnte man dem doch mit dem verstärkten Kauf solcher Produkte entgegenwirken. In Wirklichkeit gibt der Schweizer aber im Schnitt eben nur 50 Franken pro Jahr dafür aus. Ich möchte auch die Reaktion all dieser Betroffenen sehen, wenn neben ihrer Wohnung ein Asylantenheim für die immerhin rund 150 Überlebenden dieser Tragödie eröffnet würde.

Verschiedene Politiker haben in den letzten Tagen gefordert, man solle in Nordafrika Flüchtlingslager betreiben. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
Es wäre einen Versuch wert. Ich bin völlig einverstanden damit, dass man etwas machen muss. Man sollte dabei drei Punkte beachten: Erstens möglichst keine falschen Anreize setzen – es braucht also eine verstärkte Kontrolle im Mittelmeer. Zweitens möglichst keine falschen Erwartungen wecken – zum Beispiel, dass am Ende der Flucht in Westeuropa das Paradies wartet. Und als letzte Massnahme: Die Leute dort abfangen, wo sie via Schiff nach Europa übersetzen wollen.

Die Flüchtlingslager müssten aber auch betrieben werden. Dazu braucht man unter anderem Geld, Nahrungsmittel, Kleider und eine Armada von Helfern. Genau das kritisieren Sie aber in Ihrem Buch.
Wenn mit einer solchen Massnahme etwas dazu beigetragen wird, dass in Zukunft weniger Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben kommen, dann bin ich für solche Lager. Ich bin selbstverständlich dafür, dass man den Tod von Hunderten von Flüchtlingen so weit wie möglich zu verhindern versucht. Aber ich bin mir bewusst, dass entwicklungspolitisch auch dies letztlich eine untaugliche Massnahme ist. Da hat man nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt