Kritik an Wahlhilfe-Plattform

Bei der Online-Wahlhilfe Vimentis können sich Kandidaten vor heiklen Fragen drücken – und werden den Wählern trotzdem vorgeschlagen. Politologen halten dies für problematisch.

Sind Wahlhilfen wie Smartvote und Vimentis aussagekräftig?

Sind Wahlhilfen wie Smartvote und Vimentis aussagekräftig? Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Bis heute hat Smartvote über eine Million Wahlempfehlungen erstellt. Ein bedeutender Teil der Wähler hatte mindestens 30 Fragen zu politischen Themen beantwortet und erhielt anschliessend eine Liste mit jenen Kandidaten, die mit ihnen am ehesten übereinstimmen. So gross die Bedeutung der Wahlhilfe-Plattform Smartvote ist, so laut ist auch die Kritik an ihr. Politiker sagen, die Fragen seien ungünstig formuliert, die Auswahl willkürlich. Noch viel grundsätzlicher ist die Kritik der Berner Politologin Regula Stämpfli: Die Online-Wahlhilfe sei «apolitischer Vermessungsschrott».

Nun gerät auch Vimentis, der Konkurrent von Smartvote, in die Kritik. In einem Mail, das unter Politologen kursiert und dem TA vorliegt, lautet das Fazit: «Was Vimentis da abliefert, ist schon fast rufschädigend für die gesamte Branche.» Vor allem eine Eigenschaft von Vimentis wird als «gravierende Fehlleistung» eingestuft. Im Gegensatz zum Platzhirsch Smartvote können sich die Kandidaten bei Vimentis um die Beantwortung unangenehmer Fragen drücken. Der Politologe Andreas Ladner, der Smartvote als unabhängiger Wissenschafter berät, hält das für problematisch. «Unter Umständen erhält der Wähler eine hohe Übereinstimmung mit einem Kandidaten, der sich in wichtigen und besonders heiklen Fragen bedeckt hält. In der Liste der Empfehlungen kommt das nicht zum Ausdruck.»

Dies zeigt sich etwa beim SP-Ständeratskandidaten Daniel Jositsch. Zur Aussage: «Um die Frage nach dem Rentenalter zu entpolitisieren, soll das Rentenalter automatisch bei 80 Prozent Lebenserwartung berechnet werden» bezog Jositsch keine Stellung – dies, obwohl die Sicherung der Altersvorsorge zu den drängendsten Problemen der Schweiz gehört. Vimentis empfiehlt Jositsch auch jenen Wählern, die in ihrem Fragebogen angegeben haben, dass sie dieser Frage ein besonders hohes Gewicht beimessen.

Die «Killerfrage»

«Wir sind der Meinung, dass es dem Kandidaten überlassen ist, welche Fragen er beantworten will und welche nicht», sagt Daniel Geissmann, Vorstandsmitglied von Vimentis. «Es soll möglich sein, zu einem bestimmten Thema keine Meinung zu haben.» Ein Parlamentarier könne sich auch bei Abstimmungen im Parlament der Stimme enthalten, weshalb «Keine Antwort» auch die Realität abbilde. Ferner habe der Wähler mittels der «Killerfrage» die Möglichkeit, nur die Kandidierenden zur Empfehlung zu erhalten, die bei einer Frage mit ihm übereinstimmen. In diesem Fall sei die Beantwortung der Frage zwingend vorausgesetzt. Allerdings wird diese Möglichkeit für den Wähler beim Ausfüllen des Fragebogens nicht direkt ersichtlich.

Jositsch hat bis auf diese eine Frage alle anderen 72 beantwortet. Allerdings werden dem Wähler auch Kandidaten vorgeschlagen, die nur 80 Prozent der Fragen beantworteten – und sich zu 14 Fragen nicht äussern wollten. Ist ein Kandidat überhaupt wählbar, wenn er zu so vielen Fragen keine Stellung beziehen will? «Ob die Grenze von 80 Prozent richtig angesetzt ist oder ob wir sie erhöhen müssen, darüber werden wir intern diskutieren», sagt Geissmann.

Der zweite Vorwurf: Vimentis legt nicht im Detail offen, wie die Wahlempfehlungen berechnet werden. In der Beschreibung wird nur von einem «Algorithmus» gesprochen. Dies steht im Widerspruch zur «Lausanner Deklaration», einem nicht bindenden Konsens unter europäischen Wissenschaftern über die Qualitätsanforderungen von Online-Wahlhilfen. «Eine gute Wahlhilfe-Website braucht zwingend absolute Transparenz», sagt Politologe Andreas Ladner. «Es muss ersichtlich sein, wie die Fragen ausgewählt und die Übereinstimmungen berechnet werden.» Damit könne etwa vermieden werden, dass Anbieter von Wahlhilfen einzelnen Parteien einen Vorteil verschaffen und sie in den Empfehlungen höher positionieren. «Ich nehme nicht an, dass Vimentis das tut. Aber es gehört heute zum Standard, dass Unabhängigkeit und Neutralität eines Anbieters auch nachvollziehbar sind», sagt Ladner.

Der oberste ist nicht zwingend der beste Kandidat

Geissmann bestätigt, dass an diesem Punkt Handlungsbedarf bestehe. «Der Algorithmus kann bei uns jederzeit angefragt werden. Wir sind aus zeitlichen Gründen einfach noch nicht dazu gekommen, eine detaillierte und verständliche Erklärung zu verfassen und online zu stellen. In den nächsten ein bis zwei Monaten werden wir aber unsere gesamte Methodik ausführlich online stellen.»

Ladner hat Kenntnis von der Debatte über die methodische Kritik an Vimentis. Doch seiner Ansicht nach besteht ein weiterer Mangel, der sowohl Vimentis als auch Smartvote betrifft. Er vermisst eine klare Instruktion, was die Wähler aus den Wahlempfehlungen schliessen sollen. «Wenn ein Kandidat bei der Wahlempfehlung zuoberst steht, heisst das nicht zwingend, dass er auch der beste Kandidat ist. Diesen Hinweis vermisse ich bei beiden Websites. Es gibt unzählige Motive, jemanden zu wählen. Die Übereinstimmung in einigen politischen Fragen ist nur eines davon», so Ladner. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.10.2015, 18:11 Uhr

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