Kommentar: Dilemma alla ticinese

Seit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative dominiert im Tessin eine traumatische Befürchtung: von der Landesregierung in Bern vergessen, übergangen, fallen gelassen zu werden. BZ-Redaktor Jürg Steiner zu den Schwierigkeiten des Grenzkantons Tessin.

hero image
Jürg Steiner@Guegi

Basta adesso! Im Bundesrat versteht man unsere Probleme nicht! Das Tessin darf nicht auf dem Altar der Schweizer Wirtschaftsinteressen geopfert werden! Seit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative werden die Aufschreie der Besorgnis und des Zorns aus dem Tessin immer eindringlicher. 60'000 Grenzgänger reisen täglich ins Tessin ein. Deshalb haben fast 70 Prozent der Tessiner Stimmenden das SVP-Volksbegehren angenommen und entscheidend zur hauchdünnen gesamtschweizerischen Ja-Mehrheit beigetragen. Doch jetzt dominiert im Tessin eine traumatische Befürchtung: von der Landesregierung vergessen, übergangen, fallen gelassen zu werden.

Im Prinzip möchten die Tessiner im Kleinen, was die Schweiz im Grossen anstrebt:autonom über Einwanderung zwischen Airolo und Chiasso bestimmen. Zum Beispiel, indem künftig die Tessiner (und nicht der Bund) Kontingente für Grenzgänger festlegen. Oder indem Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf das Grenzgängerstatut mit Italien kündigt, damit die Frontalieri nicht mehr von den Steuervorteilen in der Schweiz profitieren können – auf das Risiko hin, Italien zu brüskieren. Das ist der Tessiner Traum: Unabhängig sein. Von Bern. Und von Rom.

Der romantische Traum der Unabhängigkeit ist in Tat und Wahrheit das grosse Dilemma alla ticinese – und ein Stück Selbstbetrug. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Aus den Problemen anderer Profit zu schlagen, ist eine Tessiner Kernkompetenz – aber eine mit Folgeproblemen. Als in den 1970er-Jahren das Gespenst des Kommunismus die italienische Wirtschaft lähmte, begann der Tessiner Finanzplatz dank Fluchtgeldern aufzublühen – und musste jüngst eine heftige Schrumpfkur hinnehmen. Als 1982 der Gotthard-Strassentunnel eröffnet wurde, verscherbelten viele Tessiner ihren plötzlich wertvollen Boden und lancierten die rücksichtslose Überbauung des Kantons, über die sie sich heute beklagen.

Das Dilemma mit den Grenzgängern geht ähnlich: Viele Tessiner Gemeinden betreiben eine erfolgreiche Ansiedlungspolitik für Unternehmen, die nur wegen des riesigen Arbeitskräftepools der kriselnden Grenzregion in den Südkanton kommen. Damit befeuern sie selber die Zunahme der Grenzgängerzahl.

Das Tessin ist in Bedrängnis, und mit der Mindestlohninitiative steht dem Tieflohnkanton eine schwierige Abstimmung bevor. Aber es reicht nicht, nur Bern zu zürnen. Adesso basta! Die Lösung der Tessiner Dilemmata muss in Bellinzona beginnen.

Mail: juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt