«Kohle-Strom ist keine sinnvolle Alternative»

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen sieht keine Alternative zur Atomenergie und lehnt die Ausstiegsinitiative der Grünen entschieden ab. Es drohten Stromausfälle.

Kritiker halten den Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen für einen energiepolitischen Hardliner. Er will an der Option festhalten, neue Atomkraftwerke bauen zu können.

Kritiker halten den Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen für einen energiepolitischen Hardliner. Er will an der Option festhalten, neue Atomkraftwerke bauen zu können. Bild: Stefan Anderegg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat die Atomausstiegs­debatte geprägt. Was hat dieses Ereignis bei Ihnen ausgelöst?
Christian Wasserfallen: Die Havarie der Kernkraftwerke von Fukushima hat mich schockiert. Das war eine neue Stufe.

Hat sich dadurch Ihre Einstellung zur Atomenergie geändert?
Für mich war zentral, dass nicht alles über den gleichen Leisten geschlagen wird. Ich erhielt nachträglich Einblick in die Ereignisse: Mängel wurden fahrlässigerweise nicht behoben und führten zur Katastrophe. Ich bin froh, dass dies mit der schweizerischen Gesetzgebung nicht möglich ist.

Auch in Japan war ein solches Ereignis zuvor undenkbar. Wird man da nicht auch in der Schweiz skeptischer?
Diese Analogie ist nicht richtig. Unsere Kernkraftwerke laufen nur, wenn sie die vorgeschriebenen Sicherheitsstandards erfüllen. Im Gegensatz zu Japan haben wir in der Schweiz mit dem Ensi eine unabhängige Kontrollbehörde, die klare Vorgaben macht. Im EU-Stresstest schnitten unsere AKW sehr gut ab.

Das Ensi hat am Atomreaktor Mühleberg so viel beanstandet, dass die BKW von sich aus beschlossen hat, ihn stillzulegen. Macht Ihnen das Angst?
Nein. Sehr gut ausgebildete Leute betreiben die AKW. Wir haben sehr hohe Standards. Die BKW investiert bis zur Abschaltung 2019 weiterhin namhafte Beträge in die Sicherheit. Das Unternehmen kam aber zum Schluss, dass sich weitergehende Investitionen nicht mehr rentieren.

Auch das älteste Atomkraftwerk der Welt – Beznau I – ist derzeit vom Netz.
Zu Recht.

Dort wurden 1000 Schwachstellen festgestellt: Luftblasen in der Stahlwand des Reaktorbehälters mit einem Durchmesser von durchschnittlich einem halben Zentimeter. Dieser 2015 beanstandeten Mangel existierte offenbar von Beginn an.
Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir eine umfassende Sicherheitsüberprüfung, die alle 10 Jahre durchgeführt und neusten Erkenntnissen angepasst wird.

«Es soll mir doch endlich jemand die Alternativen zur Kernenergie zeigen.»Christian Wasserfallen

Sie bekennen sich nach wie vor voll und ganz zur Atomenergie?
Es soll mir doch endlich jemand die Alternativen zeigen. Wie sonst können wir im Winterhalbjahr ohne Kernenergie und massive Kohlestromimporte die Stromversorgung aufrechterhalten? Und das zu vernünftigen Kosten. In Deutschland werden zwar die Kernkraftwerke abgeschaltet. Dafür bauen sie Kohlekraftwerke, die massiv mehr CO2 ausstossen. Das ist keine gute Idee – zumal die ganze Welt bestrebt ist, CO2 zu reduzieren.

Befürworten Sie auch den Neubau von AKW?
Ein Neubau ist derzeit aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich. Ein Technologieverbot in der schweizerischen Energiestrategie lehne ich aber ab. Dieses schliesst einen Neubau grundsätzlich aus. Wenn es in Zukunft eine noch sicherere und kostengünstige Technologie gibt: Warum nicht?Die Energiepreise sind zu tief.
Vor 10 bis 15 Jahren wäre der Energiemarkt noch interessant gewesen. Damals behinderten ausgerechnet Kernenergiegegner auch den Ausbau der Wasserkraft zum Beispiel auf der Grimsel. Das Verfahren ist heute noch vor Bundesgericht blockiert.

Die Energiepreise sind heute derart tief, dass sich die Atomstromproduktion nicht mehr lohnt. Da ist es doch klüger, rasch damit aufzuhören.
Die Produktion erneuerbarer Energien wie zum Beispiel mit Wind oder Fotovoltaik sind noch weniger rentabel. Sogar im Vergleich zur Wasserkraft schneidet der Atomstrom derzeit besser ab.

Die Frage ist, was alles eingerechnet wird. Bei der Atomkraft gibt es offene Fragen, was den Rückbau alter Kraftwerke und die Entsorgung radioaktiver Abfälle angeht. Deutschland rechnet mit deutlich höheren Kosten als die Schweiz.
Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir für Stilllegung und Entsorgung ein lernendes System: Die Kosten werden laufend überprüft. Heute wissen wir, dass der Preis steigt. Klar ist aber auch, dass die Betreiber dies mittels Fonds und durch direkte Zahlungen finanzieren. Von den geschätzten 21 Milliarden Franken sind so heute bereits rund 12 Milliarden einbezahlt.

Es gibt weltweit noch kein ­betriebsbereites Endlager für hoch radioaktive Abfälle. Die Kosten dafür dürften ein Mehrfaches eines Gotthardtunnels betragen.
Die Kosten sind sicher nicht tief. Aber nochmals: Das wird regelmässig geprüft und neuen Erkenntnissen angepasst. Erst kürzlich wurden die Einzahlungen in den Stilllegungsfonds um 30 Prozent angehoben.

Die anfänglich stark unterschätzten Kosten zeigen, dass Atomenergie eine veraltete Technik ist.
Nein, auch in der Kernenergie macht die Forschung Fortschritte. Es gibt spannende Projekte der vierten Generation von Kernkraftwerken.

Sogar von der BKW war schon zu hören, dass mit der Bekanntgabe des Ausstiegs vieles einfacher geworden sei.
Können wir sagen, wie die Welt in 30 Jahren aussieht? Nein. Es kann sein, dass wir dann eine anwendbare neue Technologie für Kernenergie haben. Vielleicht werden dann auch leistungsstarke Geothermiekraftwerke möglich sein. Wir müssen uns alle Optionen offenhalten.

Das Festhalten an AKW ist eine Innovationsbremse. So lange es sie gibt, wird weniger Geld in die Entwicklung erneuerbarer Energien investiert.
Wasserkraft und Kernenergie wurden in der Schweiz stets parallel weiterentwickelt. Auch in die Windkraft hat die Wirtschaft diversifiziert. Die Schweiz ist das Paradebeispiel, dass die erneuerbare Wasserkraft und Kernenergie zu einer zuverlässigen sowie klimafreundlichen Stromproduktion führen.

«Innovation heisst nicht planlose Subventionspolitik.»Christian Wasserfallen

Ohne Atomkraft wäre der Druck für Innovationen gewiss grösser.
Innovation heisst aber nicht planlose Subventionspolitik. Es bringt nichts, kleine Fotovoltaikanlagen zu subventionieren. Sie produzieren nur vom Frühling bis Herbst tagsüber Strom, wenn es keine Wolken hat.

Moderne Fotovoltaikanlagen produzieren auch bei Bewölkung und im Winter Strom.
Das ist keine Versorgungssicherheit. Wer meint, im nebligen Winterhalbjahr den Ausfall von Kernkraftwerken mit Fotovoltaik kompensieren zu können, liegt total daneben.

Was droht denn bei einem Ja zum Atomausstieg?
Eine krasse Importabhängigkeit von französischer Kernenergie und deutschem Kohlestrom. Ausländische Betreiber werden Preise und Verfügbarkeit diktieren. Zudem ist im Mittelland die Netzstabilität am meisten gefährdet.

Die unverdächtige Netzbetreiberin Swissgrid geht davon aus, dass die Netzstabilität nicht gefährdet wäre.
Swissgrid wies bereits im Dezember 2015 erstmals auf eine angespannte Netzstabilität hin.

Diesen Winter erwartet aber niemand einen Blackout, obwohl die Atomkraftwerke Leibstadt und Beznau I vom Netz sind.
Die Netzstabilität wird sicher angespannt sein. Im Mittelland werden wir immerhin die komfortable Situation haben, dass Mühleberg am Netz bleibt. Die anderen Ausfälle werden durch den deutschen Strommix, vor allem Kohlestrom, ersetzt.

Zum angeblichen Preisdiktat: Das ist doch Angstmacherei. Aufgrund des Überangebots werden die Strompreise in Europa noch für längere Zeit tief bleiben.
Das belegt doch, dass das Ausland uns die Preise schon lange diktiert. Wenn Deutschland die CO2-Zertifikate der Kohlekraftwerke sowie Milliardensubventionen in erneuerbare Energie beschliesst, sinken die Preise in der Schweiz so tief, dass unsere Kraftwerke nicht mehr rentieren.

Aber niemand wird uns auf ­absehbare Zeit hohe Preise ­diktieren können.
Jetzt profitieren wir noch von langfristigen Lieferverträgen. Ohne genügend eigene Kraftwerke müssen wir riesige ausländische Kapazitäten für den Import aushandeln und haben dabei eine wesentlich schwächere Position.

Solange der internationale Markt spielt, wird die Schweiz das billigere Angebot auswählen können.
Sie bestätigen damit aber, dass wir so von französischem Atomstrom oder deutschem Kohlestrom viel stärker abhängig werden. Das halte ich für keine gute Idee.

Übertreiben Sie nicht mit der Bedeutung der Unabhängigkeit? Beim Erdöl sind wir heute zu 100 Prozent vom Ausland abhängig. Trotzdem prosperiert die Schweizer Wirtschaft.
Beim Strom muss in jeder Millisekunde die Produktion dem Verbrauch folgen, damit das Netz stabil bleibt. Beim Erdöl gibt es grosse Lager dafür, eine stabile Versorgung sicherzustellen.

Auch das Erdöl ginge bei einem Lieferstopp rasch zur Neige. Einen Ausbau der dezentralen erneuerbaren Energieproduktion halten Sie für zu kost­spielig?
Eindeutig. Diese braucht ein viel dichteres Stromnetz. Das wird nicht billiger. Klüger wäre es, die staatlichen Abgaben auf Wasserkraftwerken endlich herunterzufahren und damit deren Marktposition zu verbessern.

Die Strompreise sind ohnehin zu tief dazu, die Leute zu einem sparsameren Umgang zu bewegen. In dem Sinn wäre eine Preiserhöhung vielleicht gar nicht so schlecht.
Wie hoch ist Ihre Stromrechnung?

Das weiss ich nicht genau.
Sie sind das lebende Beispiel dafür, dass die Leute beim Strom nicht preissensibel sind.

Bei spürbar höheren Preisen wäre das anders.
Bei einer künstlichen Verteuerung verlässt die Industrie das Land. Zum Beispiel die Firma Carbagas in Wiler verbraucht gleich viel Strom wie die ganze Stadt Burgdorf.

Das wollen nicht einmal die ­Initianten.
Da bin ich mir nicht so sicher. Nehmen Sie die Volksinitiative «Energie- statt Mehrwertsteuer»...

...die an der Urne sehr deutlich abgelehnt worden ist.
Und die zweite Etappe der Energiestrategie 2050. Was kommt da? Eine Energielenkungsabgabe. Das ist nicht weit davon entfernt.

Auch Sie bevorzugen doch Lenkungsabgaben gegenüber Subventionen.
Wir haben mit der CO2-Abgabe auf Brennstoffen schon eine Lenkungsabgabe. Die hat nur eine Wirkung, weil sich Unternehmen davon befreien lassen können, wenn sie bestimmte Zielvorgaben erfüllen. Ohne daraus folgende konkrete Massnahmen würde sie nicht funktionieren.

Die Grünen setzen vor allem auf mehr Effizienz – Konsumenten sollen weniger Energie ver­brauchen.
Das führt aber paradoxerweise zu höherem Stromverbrauch. Benzinautos werden durch Hybrid- oder Elektrofahrzeuge ersetzt.

Elektromotoren arbeiten effi­zienter als Benzinmotoren.
Ja, aber dafür steigt der Strombedarf. Und wenn Ölheizungen durch Erdwärme mit Komfortlüftungen ersetzt werden, steigt der Stromverbrauch ebenfalls. Der Konsum von Strom nimmt in vielen weiteren Bereichen, wie zum Beispiel in der Telekommunikation, massiv zu.

Die Initianten verlangen einen geordneten Ausstieg, sodass die Anbieter eine ausreichende Stromversorgung vorbereiten könnten.
Das wäre eine Hauruckübung. Die BKW hat beschlossen, das AKW Mühleberg 2019 vom Netz zu nehmen. Dazu braucht es weder diese Initiative noch die Energiestrategie 2050. Politisch motivierte Ausstiegsdaten kosten den Staat wegen Schadenersatzforderungen Milliarden.

Atomgegner und -befürworter bekämpfen sich fast schon mit religiösem Eifer. Was würden Sie vorschlagen, wenn Sie für einen gutschweizerischen Kompromiss vermitteln müssten?
Der heutige schwache Kompromiss bedeutet: flächendeckend und planlos subventionieren, um Widerstände zu beseitigen.

Was wäre Ihr Vorschlag?
Für Stromversorgungssicherheit brauchen wir ein gut ausgebautes Netz und neue Transformatoren. Wir brauchen einen Fonds, um das zu finanzieren. Und schliesslich ist die Regulierung so zu gestalten, dass wir diese Ziele rasch und ohne jahrelange Rechtswege umsetzen können. In der Energiepolitik passiert derzeit das Gegenteil: Zuerst schütten wir mit der Subventionsgiesskanne Geld aus und schauen dann, was passiert. Das ist der falsche Weg.

Und als Kompromissangebot wären Sie auch bereit, Sonnen- und Windenergie zu fördern?
Wir müssen entscheiden, was wir wollen. Ist die Versorgungssicherheit das Ziel, dann sollten wir nicht auf Wind- und Sonnenenergie setzen. Grosses Potenzial bei den erneuerbaren Energien sehe ich in der Wasserkraft, wo man endlich die Wasserzinsen senken muss. Doch das bekämpft die ­Linke.

«Die Linken und Grünen stellen sehr widersprüchliche Forderungen.»Christian Wasserfallen

Gegner sehen in Ihnen einen energiepolitischen Hardliner. Trifft das zu?
Ich würde endlich gerne einmal hören, welches Ziel die Gegen­seite anstrebt. Wie ich erläutert habe, sind die Forderungen der Linken und der Grünen sehr widersprüchlich. Sie bekämpfen Kernenergie und wollen stattdessen Kohlestrom mit hohem CO2 importieren. Grüne bekämpfen den Ausbau der Wasserkraft und verlangen Solarenergie, welche die Versorgungs­sicherheit nicht gewährleisten kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.11.2016, 12:51 Uhr

Abstimmungs-Umfrage

Die Zustimmung zur Atomausstiegsinitiative schwindet gemäss der SRG-Trendumfrage. 48 Prozent wären noch bestimmt oder eher dafür gewesen, wenn am 6. November abgestimmt worden wäre. 46 Prozent dagegen lehnten das Volksbegehren bestimmt oder eher ab.

Das spricht für eine Pattsituation, wie aus der gestern veröffentlichten zweiten SRG-Trendumfrage hervorgeht, die vom Forschungsinstitut GFS Bern realisiert wurde. Die Entwicklung der Stimmabsichten gegenüber der ersten Welle der Befragung weise allerdings auf einen Nein-Trend hin.

So habe die Gegnerschaft innert vier Wochen um 10 Prozentpunkte zugelegt. Die Befürwortung dagegen sei um 9 Prozentpunkte gesunken.

Die Resultate stehen im Gegensatz zur Tamedia-Umfrage. Diese sieht die Initiativbefürworter mit 57 Prozent weiterhin klar vorn.sda

Artikel zum Thema

AKW Mühleberg darf wieder Strom produzieren

Mühleberg Wegen der Jahresrevision wurde das Atomkraftwerk Mühleberg vom Netz genommen. Nun darf es den Betrieb wieder aufnehmen. Mehr...

Wie die Atomkraft Gegenwind erhielt

Serie Als die BKW 1972 das AKW Mühleberg stolz in Betrieb genommen hat, erwachte auf dem Gelände für ein AKW Kaiseraugst die Anti-Atom-Bewegung. Die Atombranche steht auf einmal in der Kritik. Mehr...

Für Bern gibts keine Evakuierungspläne

Bern Der Kanton Bern sei für einen Notfall im Atomkraftwerk Mühleberg gut vorbereitet, sagt die Regierung. Evakuierungspläne für die Stadt Bern existieren aber noch immer nicht. Mehr...

Blog

Kommentare

Blogs

Foodblog Insekten-Dinner im Werkhof
Serienjunkie Pferdestarke Frauen
Foodblog Vor der Nacht der langen Messer

Newsletter

Das Beste aus der Region.

Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Durchblick: Ein Mann mit einem Pilotenhut macht sich bereit um ein Foto in einer Cockpit Attrappe zu machen. (20.September 2017)
(Bild: AP Photo/Andy Wong) Mehr...